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SOWJET-UNION Schande der Nation

Gorbatschows erste Reformmaßnahme ist gescheitert: Die Alkohol-Beschränkungen sollen wieder gelockert werden. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Pausenlos klingelt in der Spirituosenabteilung des Moskauer Staatsladens Nr. 13 an der Smolensker Uferstraße das Telephon. Die Anrufer, sagt der Verkäufer Kaschtanow, fragen immer das gleiche: »Gibt es Wodka?«

Draußen drängt sich, wie auch vor den anderen 755 Alkohol-Läden der Neun-Millionen-Stadt, das durstige Volk, oft schon lange vor Beginn der auf sechs Stunden begrenzten Öffnungszeit. Diese Schnaps-Schlangen, schrieb bitter die Zeitung »Sowjetskaja kultura«, seien eine »Schande der Nation«.

Der Versuch, eine Quasi-Prohibition über die trinkfreudige Sowjet-Union zu verhängen, ist offenkundig gescheitert. Die 1985 zur allmählichen Trockenlegung des Landes verfügten Maßnahmen sind zum Teil bereits faktisch außer Kraft, zum Teil sollen sie demnächst aufgehoben werden.

Drei Jahre brauchte die Moskauer Obrigkeit für die Einsicht, daß nicht jeder Bier- oder Weintrinker unter die Alkoholiker einzureihen ist, obwohl er derzeit noch von Brest bis Wladiwostok gezwungen ist, gemeinsam mit den Wodka-Süchtigen vor den wenigen Schnapsläden des Landes Schlange zu stehen.

Das Reformblatt »Moskowskije nowosti« brachte ein Photo von Sowjetbürgern, die mit hochgestreckten Rubelscheinen in einer Käuferschlange um eine Flasche Wodka kämpften. Da erregte sich Premier Nikolai Ryschkow: »Haben wir denn eine Regierung, die gegen das eigene Volk kämpft?«

Ab sofort, so dekretierte daraufhin der Ministerrat, gelte Bier als Erfrischungsgetränk, die Produktion soll kräftig gesteigert werden. Auch Beeren- und Fruchtweine dürfen künftig wieder hergestellt werden, obwohl ursprünglich die Abstinenzler im Kreml für dieses Jahr die völlige Einstellung der Obstweinproduktion geplant hatten. Und schließlich sollen im Ausland, vor allem beim Block-Partner Bulgarien, verstärkt Sekt und trockener Wein bestellt werden. Diese leichteren Alkoholika stehen demnächst wieder in allen Lebensmittelläden im Regal.

»Wir werden den Kampf gegen die Trunksucht keineswegs aufgeben«, erklärt ein Berater des KPdSU-Generalsekretärs die neue Linie, »aber es war höchste Zeit, auch auf diesem Gebiet eine realistische Politik zu betreiben, sonst hätte die Perestroika womöglich schweren Schaden genommen.« Erst kürzlich hatte sich der oberste Führungszirkel auf

einer Politbüro-Sitzung mit den verheerenden Folgen der unüberlegt begonnenen und bürokratisch exekutierten Anti-Alkohol-Kampagne befaßt: Spezialisten erläuterten, daß eine Mafia-ähnlich organisierte Unterwelt zusammen mit unzähligen Schwarzbrennern inzwischen mehr Wodka, jährlich 18 Millionen Hektoliter, unter die Leute bringe als die gesamte staatliche Spirituosenindustrie. Verlust des Sowjet-Fiskus: 60 Milliarden Mark.

Allein im vergangenen Jahr wurden eine halbe Million Fälle illegaler Schnapsbrennerei bekannt - doppelt so viele wie 1986 und fünfmal mehr als 1985. Die Dunkelziffer schätzen Experten auf wenigstens das Sechsfache. In Tscheljabinsk (1,1 Millionen Einwohner) konfiszierte die Miliz binnen eines Monats 17 000 Liter selbstgebrannten Alkohol (russisch: Samogon).

Jeder zweite der ertappten »Samogonschtschiki«, klagte Staatsanwalt Jemeljanow, sei mit der Mindeststrafe von 300 Rubel davongekommen - ein Taschengeld bei den ernormen Gewinnspannen auf dem Schwarzmarkt, wo der halbe Liter Wodka mittlerweile bis zu 50 Rubel kostet, das Fünffache des staatlich festgesetzten Ladenpreises. Sogar ihr Handwerkszeug dürfen die ertappten Feierabend-Brenner meist behalten. Im Gebiet Perm beispielsweise ordneten die Gerichte nur in neun von 115 Fällen die Einziehung des Destilliergerätes an.

Wirtschaftswissenschaftler schreckten die Politbüro-Mitglieder mit der Prognose, bei Beibehaltung des Prohibitionskurses werde es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die auf dem internationalen Zuckermarkt vorhandenen Reserven nicht mehr ausreichen würden, den Bedarf der Sowjet-Union zu decken. Tonnenweise verschafft sich die Samogon-Mafia den süßen Rohstoff. Allein in der Russischen Föderation, der größten Sowjetrepublik, wurden 1987 rund 360 000 Tonnen Zucker abgezweigt. Die Folge: In der Provinz mußte Zucker rationiert werden.

Karamel, Hefe, Tomatenmark, ja sogar alkoholhaltiger Tischlerleim verschwanden aus den Regalen, um heimlich zu Trinkbarem verarbeitet zu werden. Frauen beklagten in Leserbriefen, nirgendwo mehr sei Eau de Cologne zu bekommen.

In Roslawl im Smolensker-Gebiet ließ die Obrigkeit zwar in der Tageszeitung verkünden, es sei genügend Zucker vorhanden. Aber schon eine Woche später gab sie Bezugsmarken aus. Für viele reichte die Quote von einem Kilo pro Monat nicht einmal zum Einkochen des Gartenobstes und der gesammelten Beeren.

So wuchs in allen Bevölkerungsschichten der Widerstand gegen Gorbatschows Nüchternheitspolitik. Kriegsveteranen klagten in Briefen, sie müßten ihr Geburtstagsschnäpschen beim Spekulanten kaufen. Schon im Mai hatte das Regierungsblatt »Iswestija« vor unberechenbaren Folgen gewarnt, wenn im dritten Perestroika-Jahr der Zucker ausgehe.

Als Partei und Regierung 1985 ihr Anti-Alkohol-Programm verkündeten, war noch von einem differenzierten wissenschaftlich-sozialpolitischen Programm die Rede gewesen, mit dessen Hilfe die Ursachen des Alkoholismus erforscht und beseitigt werden sollten. Daraus wurde nichts, es blieb beim Verknappen und Verteuern des Sprits - und beim Verwahren der von ihm Abhängigen.

In geschlossenen Anstalten, sogenannten »Heil- und Arbeits-Prophylakterien« (LTP) unter der Befehlsgewalt des Innenministeriums, werden Rußlands Trinker zu Tausenden meist gleich auf zwei Jahre kaserniert, numeriert, in Häftlingskleidung gesteckt und als billige »Spezialkontingente« zur Arbeit abkommandiert. Aufseher wie Ärzte tragen Polizeiuniformen.

Für die Ernährung eines Alkoholkranken sind pro Tag 88 Kopeken (2,70 Mark) eingeplant, die Löhne erreichen oft nicht einmal ein Fünftel des durchschnittlichen Monatseinkommens von 213 Rubel, die Heilungsquote fällt selten höher aus als zehn Prozent.

Für den Staat sind die LTP, oft in ehemaligen Lagern für politische Häftlinge eingerichtet, außerordentlich profitabel. Ihr Reingewinn betrug im vergangenen Jahr eine Milliarde Rubel.

Die Zahl der registrierten 4,5 Millionen Alkoholabhängigen verringern sie kaum. Auf die Frage, was sie denn nach der Entlassung als erstes machen würden, gaben LTP-Insassen sowjetischen Reportern die Antwort: »Mich besaufen, um das alles hier möglichst schnell zu vergessen.«

Die Wende, zu der sich Gorbatschow jetzt entschlossen hat, wird nur langsam zu Veränderungen führen. Denn bis die gerade erst im Hau-Ruck-Verfahren in Saftfabriken verwandelten Kellereien der südlichen UdSSR wieder ihren ursprünglichen Zweck erfüllen können, dauert es lange.

Und von den im ersten Anti-Alkohol-Rausch dichtgemachten Bier-Bars sind erst zwei wieder in Betrieb, obwohl der Moskauer Stadtsowjet die Wiedereröffnung von zunächst 133 beschlossen hat.

Die vor 1985 in der Tschechoslowakei für mehrere Millionen Rubel eingekauften Brau-Anlagen stellten die Enthaltsamkeits-Fanatiker ungenutzt im Freien ab. Sie sind inzwischen verrostet.

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