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WARENTEST Scharfe Sprache

aus DER SPIEGEL 41/1966

Was »DM« nicht schaffte, will jetzt das Fernsehen wagen: Warentests für ein Millionen-Publikum. Einmal im Monat soll künftig vergleichende Kritik an bekannten Markenartikeln über westdeutsche Bildschirme flimmern.

Die Fernseh-Dramaturgie zwingt jedoch dazu, jeweils nur eine begrenzte Zahl von Produkten mit kurzen und simplen Kommentaren vorzustellen. Daran war der TV-Test bisher gescheitert, da sich westdeutsche Unternehmer gegen die Holzschnitt-Kritik wehrten.

Der Bayerische Rundfunk zahlte nach einem Rechtsstreit an den Neumünsterer Damenkonfektionär Hermann Marsian (Marke: »Maris") 50 000 Mark Schadenersatz: Die bayrische TV-Journalistin Marie Antoinette von Wuthenau hatte in einer Sendung die »Constanze« durchgeblättert und dabei einen Marsian-Mantel als »altmodisch und unkleidsam« verworfen.

In einer Panorama-Sendung des NDR vor fünf Jahren waren unter dem Stichwort »Made in Germany« die Mängel westdeutscher Produkte gerügt worden; im Bild erschien als Beispiel eine Teppichkehrmaschine der Solinger Firma Bremshey, die laut TV-Kommentar »jeden Teppich zerpflückt«. Prompt überzogen die Solinger - sie stellen auch den Taschenschirm Knirps her - den NDR mit einer Klage wegen Erwerbsgefährdung.

Fünf Jahre lang mühte sich das Verfahren durch die Gerichtsinstanzen und nahm Funk- und Fernseh-Intendanten jeden Testmut. Als »DM«-Verleger Waldemar Schweitzer im eigenen Filmstudio seinen ersten Test-Film über Elektroherde gedreht hatte und ihn dem Zweiten Deutschen Fernsehen andiente, wehrte Intendant Holzamer ab: »Sehr interessant, aber wir müssen es noch rechtlich prüfen.« Schweitzer bekam nichts mehr zu hören und büßte mit zwei Millionen Mark Verlust für das verfrühte Experiment.

Im Frühjahr 1966 fertigten die Hörfunk-Redakteure Dr. Julia Dingwort -Nusseck (NDR) und Klaus Emmerich (WDR) gemeinsam eine Testsendung über Handmixer und Nähmaschinen. Obwohl das Material dazu von der staatlich finanzierten Stiftung Warentest in Berlin stammte, die laut Satzung unparteiisch sein muß, gaben die Funk-Oberen das Band nicht zur Sendung frei: Es enthielt die Namen einzelner Hersteller und ihrer Produkte.

Da wies, am 21. Juni dieses Jahres, der Bundesgerichtshof (BGH) die Bremshey -Klage gegen den NDR ab. Kernsatz des Urteils: »Befassen sich Rundfunk- und Fernsehanstalten . . . mit den Klagen über die nachlassende Qualität deutscher Waren, so nehmen sie bei der Behandlung dieses gemeinschaftswichtigen Themas grundsätzlich auch insoweit berechtigte Interessen wahr, als sie dabei beispielhaft auf einzelne Erzeugnisse hinweisen.«

Auch sei, fanden Westdeutschlands oberste Richter, »eine scharfe Sprache durchaus zulässig«. Bedingung: Die »Erkenntnisquellen« müßten besonders sorgfältig ausgewertet werden, weil »die Empfänger der Sendungen durchweg davon ausgehen, daß eine strenge Objektivität der Berichterstattung ... gewährleistet ist«.

Der Richterspruch war »Musik in unseren Ohren und Wasser auf unsere Mühlen« (Dr. Julia Dingwort-Nusseck). Auf der Intendanten-Konferenz der ARD-Sender Ende dieses Monats soll über das künftige Testprogramm beschlossen werden. Geplant sind überregionale Sendungen im Fernsehen sowie Hörfunk-Tests.

Dem Konferenz-Mitglied Hans Otto Wesemann, Chef der Deutschen Welle, liegt die neue Verbraucher-Unterhaltung besonders am Herzen. Er ist Vorsitzender der Berliner Stiftung Warentest, die bisher wenig Ruhm gewann; ihre Monatszeitschrift »Test« findet nur rund 60 000 Käufer je Nummer. Als Lieferant von Funk- und Fernsehtests könnte die Stiftung ihre Existenzberechtigung besser nachweisen.

Denn Deutschlands Fernseher wollen Tests. Die erste und bisher einzige derartige Sendung nach dem BGH-Urteil, ein Handmixer-»Teletest« des Senders Freies Berlin, erreichte auf dem Beliebt heits-Index die Ziffer sechs.

Sie lag damit gleich hoch wie etwa Panorama, der sonntägliche Frühschopper oder die Gruppenspiele der Fußball -Weltmeisterschaft.

Teppichkehrer-Test im Fernsehen*

Beliebt wie Fußball

* Abschrauben der Bodenplatte.

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