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Briefe

Scharfer Wind
aus DER SPIEGEL 39/1984

Scharfer Wind

(Nr. 37/1984, Titel: Honeckers Absage) *

Nicht nur aus dem Osten weht ein scharfer Wind gegen eine deutsch-deutsche Annäherung. Aus der westlichen Hemisphäre hört man auch kein freundliches Wort für eine legale Wiedervereinigung Deutschlands.

Kansas City (USA) WILLY H. PUTHKA

Ihr Bericht zeigt eine ganze Menge von dem politischen, aber auch von dem menschlichen Hintergrund eines Staatsbesuches, der in seinem Wesen ja nichts anderes als jeder andere Besuch auch ist. Wer zu Besuch kommen soll, so ist das in der abendländischen Welt wohl überall der Brauch, muß eingeladen sein, wenn er freundlich empfangen werden will. Wenn man ihn nicht mag, lädt man ihn nicht ein, zumal dann nicht, wenn es in der Familie oder in der Gemeinschaft, in der man lebt, nicht genügend Übereinstimmung gibt. In einem solchen Falle sollte man gar nicht erst einladen, weil es dann höchstens Krach geben kann unter den Mitgliedern des oder der Besuchten. Wer eine solche Einladung dennoch ausspricht, tut es nicht in anständiger und ehrlicher Absicht, denn er wird ja vor dem Besucher nicht verbergen können, daß es Unstimmigkeiten gibt.

Michelbach (Bad.-Württ.) DR. HEINZ STEINCKE

SED-Chef Honecker darf sich berechtigt auf die Schulter klopfen: Vertreter der Bundesregierung und Opposition inklusive Bundespräsident in der Bundesrepublik übertreffen sich in zügelloser Schwatzhaftigkeit zur Deutschlandpolitik, die offensichtlich zu einem »Ramschladen mit Schlußverkauf« verkommen soll. Da werden öffentlich bedenkenlos politische Positionen verschleudert, so daß ich mich frage, ob die von der sozial-liberalen Koalition viele Jahre praktizierte Politik eigentlich umsonst gewesen ist. Offensichtlich sind die politischen Dilettanten in beiden Lagern auf dem Vormarsch!

Kornwestheim (Bad.-Württ.) HEINZ SKRZIPIETZ

Ich fürchte, man tut Herrn Kohl Unrecht, wenn man ihm schwachsinniges Daherreden in der Ostpolitik vorwirft: Als Schüler Adenauers redet und agiert er vielmehr in Sachen Wiedervereinigung derart clever, daß sie bestimmt nicht zustande kommt und er trotzdem keine Wählerstimmen verliert.

Rottach-Egern DR. F. R. LORENZ

Nach einer Wiedervereinigung gäbe es keine vornehmlich katholische Bundesrepublik mehr. Die 18 Millionen Protestanten und Atheisten würden die katholische Kirche an die Wand drücken. Ein schwerer Schlag für den Vatikan. Andreotti ist Christdemokrat, und Italien wird auch heute noch vom Vatikan regiert. Mit seiner Äußerung über zwei deutsche Staaten hat er nur die Meinung und Interessen der katholischen Kirche und der Kurie vertreten.

Saarbrücken LENCHEN DEMUT

Wenn man in der Kreditverteilungspraxis der DDR gegenüber dazu übergehen würde, daß Staatsratsvorsitzender Erich Honecker bei jeder Kreditverteilung eine Unterschrift auf westdeutschem Boden zu leisten hätte, würde dies die Besuchsfrequenz Honeckers erheblich erhöhen, da er sich dann ohnehin mehrmals jährlich in München aufhalten würde.

Delbrück (Nrdrh.-Westf.) RUDI GÖSTERKORS

Unterstellt, der ehemalige Ständige Vertreter der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin hat wirklich gesagt, daß bei einem etwaigen späteren Besuch E. Honeckers in Bonn »die Meßlatte mit Sicherheit höher« liege - für wen denn? Für die Bundesrepublik Deutschland? Das hört sich ja so an, als hätten wir für den Besuch in irgendeiner Form zu zahlen - das ist er ja nun doch nicht wert. Die Zukunft der Bundesrepublik Deutschland, man muß es wohl wiederholen, hängt von einem solchen Besuch ja nun wirklich nicht ab.

Berlin SIEGFRIED H. LUCKMANN

Es wird den Historikern später nicht schwerfallen, über den dilettantischen Provinzialismus der von Kohl geführten christlich-liberalen Koalition in der Deutschland- und Ostpolitik für die Nachwelt folgende Tatsachen festzuschreiben: Im Ansatzpunkt dieser ihrer

Politik spazieren die Koalitionäre wieder einmal auf den Wolken, und in der Durchführung praktizieren sie die Wahrheit des napoleonischen Aphorismus: Ordre, contreordre, desordre.

Hildesheim HERBERT SANDVOSS

Carl von Ossietzky in der »Weltbühne«, am 6. November 1928: »Deutschland ist das einzige Land, wo Mangel politischer Befähigung den Weg zu den höchsten Ehrenämtern sichert.« Es ist gut, daß er nicht Helmut Kohl kennengelernt hat, denn dann wäre sein Urteil noch schlimmer ausgefallen!

Würzburg KARL KIRCHNER

Aus dem demokratischen Italien erfahre ich die neueste deutsche Meßeinheit: 1 Kohl = die kürzeste Entfernung zwischen zwei Fettnäpfchen!

Hilden (Nrdrh.-Westf.) G. SCHMIDT

Das Titelbild spiegelte genau meine Empfindungen anläßlich des gescheiterten Honecker-Besuches wider. Es wirkte auf mich erfrischend versöhnlich, und ich hoffe, es wird auch »drüben« so verstanden.

Hamburg ANKE SCHN ACKENBERG

BRIEFE

Bittere Pillen

(Nr. 37/1984, Therapeutischer Unsinn: Eine geheime Studie entlarvt den Medikamentenmarkt für Rentner) *

Man darf annehmen, daß die Verfasser der Bonner Studie und auch die Verfasser des SPIEGEL-Artikels in erster Linie gesund sind. Doch auch bei gesunden Kritikern des Gesundheitswesens und gesunden Journalisten werden sich Altersbeschwerden und Krankheiten eines Tages mit Sicherheit einstellen. Keine Sorge, wir werden dann mit Hilfe von flexiblen Politikern das Gesundheitssystem haben, auf das Sie hinarbeiten. Und es wird alles vom Billigsten sein. Diese Pillen dürfen Sie dann schlucken.

Wernau (Bad.-Württ.) DR. MED. JÖRG WANDEL

Therapeutischen Unsinn kann man zwar täglich genug beobachten, Feststellungen von Polit- und gewissen Institutspharmakologen, denen es an genügender praktisch-ärztlicher Erfahrung gebricht, sollte man aber nur mit Vorsicht aufnehmen. Wenn jemand einen therapeutischen Nutzen nur bei den genannten Herzmitteln sehen will, dann kann das nur unverzeihliche Ignoranz oder schlicht Unkenntnis sein. Als »zweifelhaft« eingestufte Mittel haben ihre eigenen Wirkungen, die so nicht zweifelhaft sind. Erstaunlicherweise zweifeln Theoretiker an den Erkenntnissen ihrer Kollegen aus der Pharmakologie, aus welchen Gründen auch immer. Bonner Studien, die nichts wirklich nachweisen, sondern behaupten, und außerdem noch »geheim« sind, sollte man mit der nötigen Reserve beurteilen. Sie sind tendenziös und kommen aus einer Ecke, aus

der Minister aller Couleur schon aufs Kreuz gelegt wurden.

Bad Dürrheim (Bad.-Württ.) DR. MED. G. H.-HERBERT MAHR

Für diesen ganzen Artikel hätten zwei Sätze gereicht, daß das Arzneimittelgesetz endlich verschärft werden müsse, daß Medikamente mit zweifelhafter Wirkung gar nicht auf den Markt kommen. Statt dessen ist der ganze Artikel eine einzige Diffamierung aller älteren Menschen in der Bundesrepublik (von der Diffamierung der »verschreibungswütigen« Ärzte gar nicht zu reden). Wo die Jüngeren erwähnt werden, spricht man von »jüngeren Patienten«. Soll es ein Trost sein, wenn Ihr Schreiber zu »den Alten« gehören wird, daß dann das Wort »alt« sowieso nur noch ein Schimpfwort ist? Wir befinden uns bereits auf dem Wege dahin, und Sie tragen mit solchen Artikeln entsprechend zu dieser Bewußtseinsbildung in der Öffentlichkeit bei.

München DOROTHEA GEBEL

Die unwürdige Polemik über den höheren Medikamentenkonsum der Rentner im Vergleich zu den im Arbeitsprozeß befindlichen Krankenkassenmitgliedern finde ich geschmacklos und grausam.

München ANASTASIA KLING

Auch ich bin einer, der Medikamente verordnet; sowie es uns Ärzten gut und behilflich bekommt, die übermäßigen Arzneimittelansprüche durch Aufklärung zu mäßigen, so halte ich es für einen Fehler, die gut bewährten und langjährig erprobten Medikamente (zum Beispiel

Dusodril, Trommcardin und so weiter) zu verdammen. Dadurch wird nur Unsicherheit verbreitet und möglicherweise Schaden angerichtet.

Frankfurt DR. MED. JOH. ROSENFELD

Wenn der zitierte Gießener Pharmakologe H. R. Habermann »kaum verstehen« kann, weshalb statt des teuren Lexotanil nicht öfter das billigere Diazepam von Ratiopharm verschrieben wird, dann soll er in ein Pharmakologiebuch schauen oder einen Medizinstudenten aus seinem Hörerkreis befragen - der muß es wissen, wenn er die Pharmakologieprüfung bestehen will -, welche pharmakologischen Unterschiede zwischen Bromozepam (Handelsname Lexotanil) und Diazepam (Handelsname Diazepam ratio) bestehen.

München DR. EUGEN ALLWEIN JUN.

Solange man davon auszugehen hat, daß die hier als Sachverständige bemühte Pharmakologenelite lediglich »Wirkungen« von chemischen Substanzen an Katz und Maus und nicht die »Wirksamkeit« von Medikamenten am Therapieproblem Patient beurteilt, sind Zweifel an den allzu markig formulierten und eher deshalb öffentlichkeitswirksamen Ergebnissen dieser neuen Studie angebracht. Der Patient bleibt so oder so der Dumme.

Schacht-Audorf (Schlesw.-Holst.) DR. JÜRGEN LANG

Erschütternd, daß diesem »therapeutischen Unsinn« auch noch bei Labortests der Pharmaindustrie Millionen Versuchstiere qualvoll und vollkommen unnötig und sinnlos zum Opfer gefallen sind und immer noch tagtäglich fallen.

Frankfurt VLASTA KOLBASOVA

BRIEFE

Unter Zöllnern

(Nr. 35/1984, Gesellschaft - Peter Brügge über den 70. Geburtstag des Sigi Sommer alias »Blasius") *

Ich finde es sehr bewegend, daß Kardinal Ratzinger neben seinem energischen Abwehrkampf gegen die brasilianische Befreiungstheologie noch die Zeit und die Energie gefunden hat, unserem verehrten Münchner Mitbürger Sigi Sommer zum 70. zu gratulieren. Eherne Strenge gegenüber jedem Versuch, Heilsverheißung auf irdische Verhältnisse zu projizieren - barmherzige Milde gegenüber dem Privatsünder, der zwar unter den Zöllnern wandelt, aber durch sein Wirken eben die bestehenden Verhältnisse ein bißchen erträglicher zu machen scheint: die Kontinuität römischer Geschichte bleibt zeichenhaft gewahrt.

München CARL AMERY

BRIEFE

Sonntags-Journalist

(Nr. 34/1984, »Hier kommt der schlimme Finsterling« - Peter Bölke über den Publizisten und Anlageprofi Paul C. Martin) *

Jedes Wochenende freue ich mich sehr auf die Kommentare von Paul C. Martin in »Welt am Sonntag«. Sie sind spritzig, sachgerecht - geschrieben von einem, der genau weiß, wovon er spricht. Für mich ist Paul C. Martin einer der besten Wirtschaftsjournalisten überhaupt.

Mülheim JOSEPH A. METTISON

Ich kenne Dr. Martin aus mehreren persönlichen Begegnungen. Auch seine Seminare sind mir bekannt. Zu keinem Zeitpunkt hat Dr. Martin mir oder zahlreichen Freunden und Bekannten Anlagen angeboten. Niemals trat Dr. Martin als Anlagenberater oder als Berater für bestimmte Investitionen auf. Dr. Martin prangert an, und das mit Recht. Sein Fachwissen als Doktor der Volkswirtschaft und sein sagenhafter Stand an aktuellen Informationen als Journalist befähigen ihn dazu. Das aber muß man begreifen.

Linnich (Nrdrh.-Westf.) ROLF DAHMEN

Sie fragen sich im Aufsatz über den »Publizisten und Anlageprofi Paul C. Martin«, was denn wohl ein »Publizist« sei: »Ein bißchen mehr oder ein bißchen weniger als ein Journalist«? Meine Version: Sonntags beim Kirchgang, am Stammtisch - eben sonntags nennt sich der Journalist »Publizist«.

Stuttgart FERDINAND SIMONEIT

Daß Paul C. Martin ein knallharter, erfolgreicher Promoter und Geschäftsmann ist, ist unbestritten. Daß er mit völlig falschen Inflationsprognosen Tausende von Anlegern in überteuerte Immobilienobjekte gelotst hat, wird er verschmerzen können. Aber daß er so dumm gewesen sein soll, viel eigenes Geld beim Kapitalvernichter Oligmüller einzusetzen, dürfte wohl eher eine geschickte PR-Geschichte sein, um seine Anhänger mit »geteiltem Leid« über die verlorenen Millionen hinwegzutrösten. Mindestens so interessant wie Paul C. Martin ist sicher seine Gemeinde, die ihm seit vielen Jahren für immer neue Schreckensszenarien dankbar bleibt. Wenn die Inflationsprognose Unsinn

war, ist's jetzt die Deflation, und schnell, wie er ist, hat er sicher schon das nächste Untergangsgemälde vorbereitet, das ihm eine süchtige Crash-Gemeinde gut zu honorieren weiß.

München DR. WERNER SCHMIDT Geschäftsführender Gesellschafter der Gesellschaft für internationale Vermögensanlagen mbH

Halten Sie sich an die Reaktion der Bankleute. Einen Wiso-Clown a la Martin nimmt man nicht zur Kenntnis.

Weinheim WALTHER PRADEL

BRIEFE

Schnelle Mark

(Nr. 36/1984, Sau los - Schweine rennen um die Wette) *

Herr Beecken, der Interviewpartner, hat sich selbst - und seinesgleichen entlarvt: Hier geht es nicht um die Darstellung tierischen Leistungsvermögens, sondern ausschließlich um die »schnelle Mark«. Der Vergleich mit Hahnen- und Stierkampf ist nicht nur an den Haaren herbeigezogen, er stinkt gen Himmel! Beides ist in diesem Lande verboten. Hier reicht sogar der Gummiparagraph 3 Abs. 2 des Tierschutzgesetzes zum Verbot aus.

Die Blauäugigkeit, mit der hier versucht wird, Schweinerennen zu verniedlichen und zu verkaufen, ist in meinen Augen ein glatter Versuch der Volksverdummung.

Die Fluchtreaktion eines frei lebenden Wildschweines als »Laufvergnügen« des Tieres darzustellen zeigt, welch Geistes Kind diese Leute sind.

Münster WERNER WIENKE

Ein Rennschwein wird mit seinem Schicksal allemal besser fertig als etwa ein Pferd, das über eine Mauer springen soll, gezwungen von einem Zweibeiner, der sich als sein Freund ausgibt, aber obendrauf sitzt.

Wo es so einfach wäre, um die Mauer herumzugehen. Also, wenn schon Verbote für artfeindliches Spiel mit Tieren, dann bitte in der richtigen Reihenfolge. Und überhaupt: Lieber Rennschwein als Boxschwein.

Kronberg (Hessen) STEFAN MUSCH

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