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NAHOST Scharon-Prozess gefährdet

aus DER SPIEGEL 5/2002

Ein Anschlag auf den ehemaligen Milizenführer Elie Hubeika, der am vergangenen Donnerstag in Beirut durch einen Sprengsatz getötet wurde, gefährdet das derzeit wohl spektakulärste Verfahren der Justiz in Belgien: den geplanten Prozess gegen Israels Regierungschef Ariel Scharon. Der Premier wird beschuldigt, 1982 als Verteidigungsminister im Libanon-Feldzug Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben. Damals starben bei Massakern mindestens 800 Palästinenser in den Beiruter Flüchtlingslagern Sabra und Schatila - und Hubeika sollte bei dem Prozess als Schlüsselfigur auftreten. Der damalige Kommandeur der libanesischen Christenmiliz war Verbündeter der Israelis und hatte die Kommandoaktion geleitet. Die palästinensischen Kläger von Brüssel jedoch wollen Scharon auf der Anklagebank sehen, weil Hubeikas Falangisten unter direkter Aufsicht der Israelis in den Lagern gewütet haben sollen. Erst am letzten Dienstag hatte Hubeika - bewacht von 25 Sicherheitsleuten - drei belgischen Parlamentariern in Beirut stundenlang Rede und Antwort gestanden und umfangreiches Material für den Scharon-Prozess zugesagt. Vor allem wegen der zeitlichen Nähe zu dem Verfahren, über dessen Eröffnung das Gericht Anfang März entscheiden will, geriet Israel umgehend in den Verdacht, hinter dem Mord zu stecken. Der libanesische Staatspräsident Emile Lahoud sprach ganz offiziell von einer Tat des israelischen Geheimdienstes Mossad. Jerusalem dementierte aufs Schärfste. Scharon habe von Hubeika nichts zu fürchten gehabt, seine damalige Rolle sei bereits umfassend untersucht worden. Die Israelis lenkten den Verdacht nun auf die Syrer. »Hu- beika war ihr Agent«, behauptete Scharon-Sprecher Raanan Gissin, »in Belgien hätte er vieles enthüllen können, was sehr peinlich für Damaskus geworden wäre.« Tatsächlich begegnete Syriens junger Herrscher Baschar al-Assad dem Christenführer mit größtem Misstrauen, wollte ihn sogar durch einen Prozess wegen Kollaboration mit dem israelischen Feind kaltstellen. Nach Vermutungen von Hubeikas langjährigem Leibwächter soll der Milizenführer zudem im Rahmen des Wiederaufbaus von Beirut Hunderte Millionen Dollar unterschlagen haben. Deshalb stehen auch Wirtschaftsmafiosi im Verdacht, die Bombe gelegt zu haben.

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