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Scharping statt Lafontaine?

Wer will, wer kann Präsident der EU-Kommission werden?
aus DER SPIEGEL 47/1998

Für Oskar Lafontaine ist derzeit kein neuer Posten frei. Die »Stelle des Papstes«, für die der Finanzminister vergangene Woche flapsig Interesse bekundete, ist noch besetzt.

Doch auch der Job, für den Lafontaine zuvor gerüchteweise gehandelt wurde, ist ihm möglicherweise versperrt: Die Kette der Indiskretionen über die Besetzung des Chefs der EU-Kommission jedenfalls ist dem mutmaßlichen Bewerber nicht dienlich.

Am 2. November hatte Staatsminister Günter Verheugen sich in Paris langsam in der Angelegenheit vorgetastet. Bei einem Abendessen mit dem französischen Europaminister Pierre Moscovici standen zunächst die deutsche EU-Ratspräsidentschaft im nächsten Jahr, die Agrarpolitik, die Agenda 2000 und die EU-Osterweiterung auf der Tagesordnung.

Erst unter dem Punkt »aktuelle außenpolitische Themen«, so Verheugen, habe er »eher zufällig« seine »persönliche Einschätzung« abgegeben, daß Bonn durchaus Interesse haben könnte, im Jahr 2000 den nächsten Präsidenten der EU-Kommission zu stellen.

Moscovici schaltete blitzschnell: »Denkt ihr dabei an Lafontaine?« Der deutsche Gast wiegelte ab, Namen wollte er an dieser Stelle nicht ins Gespräch bringen.

Es dauerte einige Tage, dann sickerte die nur sekundenlange Tischsequenz in Paris durch. Französische Teilnehmer des Diners streuten, angetan von dem prominenten Klang, den Namen Lafontaine unter die Multiplikatoren.

Verheugen hatte geglaubt, eine »gewisse Sympathie« für das Begehren auf französischer Seite zu registrieren. Doch in der EU-Kommission vermuten manche, daß Moscovici den Namen Lafontaine mit Bedacht fallen ließ. Wenn der vermutlich aussichtsreichste Bonner Kandidat für die Brüsseler Führungsposition frühzeitig geoutet und damit nahezu zwangsläufig aus dem Rennen gekippt wird, sinken die Chancen der Deutschen auf den Präsidenten-Posten überhaupt.

Gründe für Lafontaines Wechsel finden sich genug: Schröder wäre seinen ungeliebten Finanzminister los, außerdem wäre das Amt dem Ehrgeiz des Saarländers angemessen: Der Kommissionspräsident könnte mit der Einführung des Euro und einer Strukturreform der EU einen Status ähnlich wie ein Regierungschef erhalten.

In Brüssel sah mancher die Personaldebatte mit gemischten Gefühlen, besonders Monika Wulf-Mathies, SPD. Falls ein deutscher Kandidat, zudem ein Sozialdemokrat, zum Kommissionspräsidenten ausgerufen würde, wäre ihre Amtszeit als EU-Kommissarin vorbei. Der zweite deutsche Platz nämlich ist laut Koalitionsvertrag den Grünen vorbehalten.

Längst macht sich mit Billigung des Kanzlers und des Parteivorsitzenden Lafontaine ein weiterer Kandidat Hoffnung auf das Präsidenten-Amt: Verteidigungsminister Rudolf Scharping. Manche Genossen berichten gar, Schröder habe am Abend des 11. Oktober dem zögernden Scharping den ungeliebten Posten auf der Hardthöhe mit einer Brüsseler Perspektive schmackhaft gemacht. In kleinem Kreis läßt Scharping schon mal wissen: »Über den Job kann man nachdenken.« Und weil er ein Mann der Höflichkeit ist, würde er selbstverständlich zuallererst fragen: »Monika, was machst du?« HORAND KNAUP

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