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Spiegel des 20. Jahrhundert Schatten auf Stalins Erfolg

DAS JAHRHUNDERT DER KRIEGE: Der Wahn der Atomrüstung
Von Christian Habbe
aus DER SPIEGEL 5/1999

* Wie wichtig war die Spionage in den USA für Moskaus Atombombenprogramm?

Jahrelang hatte der Physiker Klaus Fuchs das amerikanische Atombombenprojekt »Manhattan« für die Sowjets ausspioniert, das stand fest. Enttarnt wurde er nach Entschlüsselung des Moskauer Spionagefunks durch US-Abwehrstellen. Sein Geständnis überführte ihn vollends.

Doch als der Agent 1950 vor Gericht kam, bestritt der Kreml alles. Die Anklagevorwürfe seien »plumpe Fälschung«, verlautbarte Tass, und »Fuchs ist der Sowjetregierung unbekannt«.

Die ganze Welt wußte es damals besser, aber Moskaus Lesart hielt über den Tod hinaus: Als Fuchs, der Ende der fünfziger Jahre nach Haftverbüßung in die DDR übersiedelte, dort 1988 starb, ignorierte die Sowjetunion das Ereignis und schickte keinen Vertreter ans Grab.

Die Verleugnung bis zuletzt sorgte auch sowjetintern für Bitterkeit, besonders bei den alten Auftraggebern aus dem KGB. Alexander Feklisow, der seit 1947 als Führungsoffizier des Forschers fungiert hatte, durfte öffentlich klagen, nach dem Bau der Sowjetbombe seien zwar viele hoch ausgezeichnet und üppig belohnt worden, aber »Klaus Fuchs bekam seine 14 Jahre und sonst nichts«.

Fuchs steht für den wohl schwersten Schlag, den Moskaus Geheimdienst den Vereinigten Staaten je versetzen konnte. Beim Diebstahl der amerikanischen Atombombenpläne durch Stalins Geheimdienst seit 1943 war der deutschstämmige Wissenschaftler eine zentrale Figur.

Um den Zeitrückstand des sowjetischen Atomprojekts zu verkürzen, hatte dessen Organisator, der Geheimpolizeichef Lawrentij Berija, das amerikanische Forschungsunternehmen mit Spionageringen umzingelt. Wissenschaftler, Kuriere und Agentenführer lieferten das Material in wahren Strömen.

Bei der Anwerbung für seine Operation (Kampfname: »Enormos") hatte Berija leichtes Spiel. Es war eine bunte Forschungsszene, die Projektleiter J. Robert Oppenheimer aus Immigrantenzirkeln oder frisch von den amerikanischen Universitäten weg zusammengebracht hatte, darunter entschieden pazifistisch gesinnte Jungforscher, die das FBI nur vage kannte, aber nicht von ungefähr im Verdacht hatte, sie hegten mehr Sympathie für die hart bedrängte Sowjetunion als für ein US-Atommonopol. Zu schweigen von eingeschleusten Revolutionsanhängern wie Klaus Fuchs: Der war 1933 vor Hitler nach England geflohen und stand bereits dort, lange bevor er zum Manhattan-Stab stieß, in Stalins Diensten.

Als am 29. August 1949 bei Semipalatinsk in Kasachstan der erste sowjetische Sprengsatz (US-Codename »Joe 1") explodierte, gab es ungewöhnlich viele Auszeichnungen, Geldgaben und Ehrendatschen für die beteiligten Wissenschaftler. Den Orden »Held der Sozialistischen Arbeit« bekamen Projektleiter Igor Kurtschatow und seine Stellvertreter je dreimal - öfter als Breschnew.

Über die Ordensflut machte Berija schwarze Witze: Die Professoren mit dem Heldenorden wären bei einem Scheitern des Unternehmens als erste erschossen worden; für die anderen hätte es statt des Lenin-Ordens 25 Jahre Gulag gegeben.

Denn die Hauptarbeit hatte nicht Kurtschatows Team, sondern Berijas Heer geleistet, das den Rückstand zu den USA um etwa zwei Jahre verkürzte. »Joe 1« war eine Kopie der Nagasaki-Bombe »Fat Man«

Wie sehr sie durch Berijas Leute ausgespitzelt worden sind, verschwiegen auch die USA jahrzehntelang. Erst 1995 lüfteten sie ein gerüchteumwittertes Geheimnis. Es bestätigte einen bis dahin erfolgreich vertuschten Fall, von dem Enthüllungsautoren schon lange raunten: In Los Alamos hatte es einen zweiten Superagenten gegeben, der unter dem Decknamen »Mlad« mindestens so wichtiges Material verriet wie Klaus Fuchs. »Mlad« war der Physiker Theodore Hall, ein Jungkommunist, den Oppenheimer als 19jährigen ins Projekt geholt hatte.

Die US-Dienste wußten es, seit sie Anfang der fünfziger Jahre durch eine Geheimoperation namens »Venona« größere Teile des sowjetischen Funkverkehrs entschlüsseln konnten. Weil aber der Gegner von diesem Einbruch in sein Codesystem nichts erfahren sollte, blieb »Mlad« unbehelligt und durfte nach England emigrieren.

Die amerikanische Zögerlichkeit, die zugleich auch die Spionageerfolge der Gegenseite verschleiern half, kam den prestigeempfindlichen Sowjets gelegen. Denn die machten über den Fremdanteil an ihrer Bombe ungern Aufhebens.

Kein Wunder daher, daß dem verdienten Kundschafter Klaus Fuchs auch die Ernennung zum auswärtigen Mitglied in der Moskauer Akademie der Wissenschaft verwehrt wurde. Kommentar aus der Akademie: »Es hätte einen Schatten auf den Erfolg der Sowjetwissenschaftler werfen können.«

In der offiziellen Geschichtsdarstellung umgehen die Russen die Verlegenheiten mit List. Im Bombenmuseum Sarow südöstlich von Moskau, wo sich, wie damals schon, das hochgeheime russische Atomforschungszentrum »Arsamas 16« befindet, wird das Design der US-Bombe von 1945 neben einem sowjetischen Pendant von 1951 ausgestellt. So zeigt sich Stalins Bombe schon in besserem Licht - halb so groß wie die kapitalistische, aber doppelt so stark. CHRISTIAN HABBE

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