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Kriminalität Schein im Schlitz

Tankwarte leben gefährlich: Immer öfter werden Spritstationen von bewaffneten Räubern heimgesucht.
aus DER SPIEGEL 14/1991

Thomas L., Aushilfskassierer einer Tankstelle in Ingelheim bei Mainz, hatte am Abend des 3. Dezember letzten Jahres kaum Kundschaft. Nach 20 Uhr verkaufte er gerade mal 131,89 Liter Sprit, drei Cola, drei Schokoriegel, eine Schachtel Streichhölzer und ein Päckchen Zigarettenpapier.

L.s letzter Kunde kam um 20.42 Uhr. Der Mann kaufte zunächst eine Flasche Limonade, zog dann plötzlich eine Pistole vom Typ Walther PP Super 9 Millimeter und verlangte Geld.

Kurz darauf fielen zwei Schüsse. Ein Geschoß traf den Tankwart in die Schulter, die andere Kugel blieb in der Brust stecken. L., verheiratet und Vater einer kleinen Tochter, war sofort tot. Der Schütze flüchtete mit dem Kasseninhalt - 2900 Mark.

Die Gewalttat, die zwei Minuten dauerte, signalisiert einen Trend: Immer häufiger werden Tankstellen zum Ziel bewaffneter Raubüberfälle. Grund: Die Tatausführung ist relativ simpel, das Risiko gering. Tankstellen seien, sagt ein Fahnder des Münchner Raubdezernates, »ein ideales Ziel für Spontantäter, denen das Geld ausgegangen ist«.

Die Mineralölgesellschaften schlagen Alarm. Bei der deutschen Esso etwa haben in den alten Bundesländern die Überfälle im Januar und Februar 1991 im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent zugenommen, die Deutsche Shell AG meldet eine Steigerung von »beträchtlichen Ausmaßen«. Auch das rheinland-pfälzische Landeskriminalamt registrierte »bedeutende Zuwachsraten«.

Die Entwicklung hatte sich angedeutet. In Frankfurt etwa wurden, nur ein Beispiel, in einer Dezembernacht 1989 innerhalb weniger Stunden drei Tankstellen ausgeraubt. In Hamburg und Niedersachsen fahndete die Polizei vorletztes Jahr monatelang nach Räubern, die nacheinander 19 Überfälle auf Benzinstationen verübten. Erst beim 20. Mal wurden die Täter erwischt.

Einer der Schwerpunkte liegt im Rhein-Main-Gebiet. »Ich kenne keinen Kollegen im Umkreis, der noch nicht überfallen wurde«, sagt Heinz Zervas, Pächter einer BP-Station in Wiesbaden.

So traf es Axel Finis, Pächter einer Autobahntankstelle am Wiesbadener Kreuz, schon fünfmal. Einer seiner Kassierer starb 1980 durch die Kugeln eines Tankstellenräubers. 1988 wurde Finis selber zum Opfer. Ein Unbekannter lauerte ihm nach Kassenschluß auf und überfiel ihn auf dem Nachhauseweg.

Anfang März dieses Jahres war es wieder soweit: Zwei vermeintliche Kunden, die zuvor noch seelenruhig Kaffee geschlürft hatten, stellten ihre Tassen weg und zogen Waffen. Der Kasseninhalt, gerade 1300 Mark, war ihnen zuwenig. Deshalb nahmen sie dem Tankwart auch noch das Portemonnaie ab.

Während Banken und Sparkassen durch immer ausgeklügeltere Alarmsysteme geschützt werden und selbst der Klau von Autoradios immer komplizierter wird, sind viele Tankstellen nur unzureichend gesichert. Vor allem nachts, wenn an den Zapfsäulen kein Betrieb mehr herrscht, haben Tankstellen-Marder leichtes Spiel. Der Nachtbetrieb wird häufig von Aushilfen aufrechterhalten, die sich mit dem Nebenjob Studium oder Ausbildung finanzieren und meist allein die Stellung halten müssen.

Zwar gilt die Vorschrift, nach 22 Uhr nur noch über die Nachtschalter zu bedienen. Meistens bleiben die Türen zum Kassenraum jedoch offen: Nur dann können noch Alkohol, Lebensmittel und Zigaretten verkauft werden.

Das ist zwar nach dem Ladenschlußgesetz verboten. Doch umsatzschwache Tankstellenpächter, die knapp drei Pfennig pro verkauftem Liter Sprit verdienen, sind auf den illegalen Warenverkauf nach Ladenschluß angewiesen. »Nachtdienst ohne Nachtschalter ist lebensgefährlich«, kritisiert Dieter Christ, Vorsitzender des Hamburger Tankstellen- und Garagenverbandes, solchen Leichtsinn.

Die schnelle Mark aus der Tankstellenkasse lockt Einzeltäter, kriminelle Banden und Junkies. Der Raub in Ingelheim etwa, der Aushilfstankwart L. das Leben kostete, ging auf das Konto einer türkischen Bande, die sich auf Überfälle von Tankstellen spezialisiert hatte. Zwei Mitglieder der Gang wurden im Februar festgenommen; einer davon, der Student Ayhan Isik, 25, gab inzwischen die tödlichen Schüsse zu.

Auch Drogenabhängige, die stets nach neuen Geldquellen zur Finanzierung ihrer Sucht fahnden, wagen sich immer öfter an Benzinstationen. So raubten zwei Frankfurter Heroinsüchtige, 20 und 21, Mitte März an einer Tankstelle in Martinsthal (Rheingau) 3500 Mark und erpreßten eine Nacht später auf der Raststätte Alsbach bei Darmstadt 2785 Mark. Die Abhängigen, die ihre Opfer mit Waffengewalt einschüchterten, gaben nach ihrer Festnahme zu: »Wir brauchten das Geld für neuen Stoff.«

Opfer, die sich den Tätern entgegenstellen, riskieren ihr Leben. Die Mineralölgesellschaften raten deshalb, lieber die Kasse herauszurücken. »Den Helden zu spielen«, warnt Aral-Sprecher Ulrich Winkler, »kann tödlich enden.«

Der Ausgang eines Tankstellen-Überfalls im bayrischen Deggendorf belegt Winklers These. Zwei maskierte Männer waren nachts in den Kassenraum gestürmt und hatten den Tankwart mit einer Maschinenpistole bedroht: »Geld her, sonst knallt's.« Weil der Mann nicht die Kasse öffnete, sondern seinen Schäferhund rief, eröffneten die Täter das Feuer - der Tankwart mußte sterben, das Geld blieb in der Kasse. Zwar sind inzwischen viele Tankstellen mit Alarmanlagen und schußsicherem Glas ausgerüstet. Doch den teuren Einbau von Videokameras, mit denen Räuber gefilmt werden können, haben die Mineralölfirmen bislang abgelehnt. Die Benzinfirmen, klagt ein Hamburger Tankstellenpächter, wollten »nur verdienen, aber nichts in die Sicherheit investieren«.

Das ist nur die halbe Wahrheit. Für Abfüllstationen in den neuen Bundesländern hat zumindest ein Mineralölkonzern, die Esso, ein neues Sicherheitssystem kreiert: Kassierer, die bedroht werden, können innerhalb von Zehntelsekunden einen schußsicheren Glaskasten aus dem Boden schießen lassen. Die erste derartige Kassenbox ist Mitte März in Schwerin installiert worden.

Polizeiexperten halten auch ein weniger kostspieliges amerikanisches Modell für nachahmenswert: US-Tankwarte nehmen nachts keine Münzen, sondern nur Scheine an, die sofort in einen gesicherten Schlitz gesteckt werden. Statt Wechselgeld gibt es Wertmarken, die der Kunde tagsüber einlösen kann.

Bargeldlos kassiert seit Ende letzten Jahres auch Tankstellenpächter Finis, der aus den fünf Überfällen Konsequenzen gezogen hat. Finis ließ eine Standleitung zu seiner Bank legen; die Kunden müssen ihre Euroscheckkarte in einen Schlitz stecken und ihre Geheimzahl eintippen - die Tankrechnung wird von ihrem Konto abgebucht.

Dieser Artikel wurde aus rechtlichen Gründen nachträglich bearbeitet .

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