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»SCHEINREVOLUTION UNTER HANDLUNGSZWANG«

Jürgen Habermas, 38, Ordinarius für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt, untersuchte auf dem Frankfurter Pfingstkongreß, zu dem der Verband Deutscher Studentenschaften (VDS), der SDS und andere linke Studentenorganisationen eingeladen hatten, Motive und Resultate der jüngsten Protestaktionen. Der Professor, selber ein geistiger Wegbereiter des SDS, kritisierte vor allem das Fehlverhalten dieser radikalen Studentengruppe. Die »Frankfurter Allgemeine«, die den Habermas-Vortrag das »wichtigste Referat beider Tage« nannte, mutmaßte, der Gelehrte habe am Schluß des Vortrages den Frankfurter SDS-Funktionär Hans-Jürgen Krahl gemeint, als er von einem »Agitator« sprach, »... der von kurzfristigen narzißtischen Befriedigungen« lebe. Und als »zugereisten Harlekin am Hof der Scheinrevolutionäre« habe der Professor den Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger angesprochen. Die nachstehenden Auszüge sind der vom Autor überarbeiteten Fassung seines Vortrages entnommen.
aus DER SPIEGEL 24/1968

Durch Erfahrungen der vergangenen zwölf Monate, in der Bundesrepublik wie in den USA, bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß die von Studenten und Schülern ausgehende Protestbewegung trotz ihres geringen Umfanges und ungeachtet der überhaupt fehlenden Mittel organisierter Gewalt eine neue und ernsthafte Perspektive für die Umwälzung tief sitzender Gesellschaftsstrukturen eröffnet hat. Diese Perspektive gibt den Blick auf eine Transformation hochentwickelter Industriegesellschaften frei. Daraus könnte, wenn die Perspektive nicht täuscht, eine Gesellschaft hervorgehen, die eine sozialistische Produktionsweise zur Voraussetzung, aber eine Entbürokratisierung der Herrschaft, nämlich politische Freiheit im materialistischen Sinne zu ihrem Inhalt hat.

Andererseits sind der restaurative Zwang und der Druck der Tradition auch auf der Linken so stark, daß falsche Interpretationen zu Handlungen geführt haben, die schon die Anfänge zu diskreditieren und die ohnehin geringen Chancen des Erfolges weiter zu verringern drohen. Diese Befürchtung ist der Grund der folgenden Kritik ...

Die neuen Techniken der begrenzten Regelverletzung stammen aus dem Repertoire des gewaltlosen Widerstandes, das während der letzten Jahr in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung erprobt und erweitert worden ist. Diese Techniken gewinnen gegenüber einem bürokratisierten Herrschaftsapparat und angesichts eines publizistischen Bereichs kommerzieller Massenbeeinflussung einen neuen Stellenwert: sie dringen in die Nischen eines frontal unangreifbaren Systems ein.

Diese Demonstrationstechniken sind zudem in ein neues Element getaucht worden. Aus der Pop-Kultur stammen jene lebenden Gegenbilder einer dehumanisierten Welt, welche die ins Halbbewußte abgeglittenen Alltagslegitimationen durch ironische Verdoppelung der Lächerlichkeit preisgeben. Sie führen zu heftigen. Abwehrreaktionen, aber auch zu dem heilsamen Schock, der ein erstauntes Nachdenken über Routinen und über unsere routinierten Verdrängungen provoziert. So ist ein Arsenal von Waffen entstanden, die eines gemeinsam haben -- den eigentümlich virtuellen Charakter eines Spiels, das als politisches Instrument ernsthaft nur eingesetzt werden kann, wenn der andere Partner zwar genötigt wird, aber mitspielt. Diese Waffen können nur darum verletzen, weil sie nicht töten können.

Dieser Zusammenhang läßt das dritte Moment erkennen, das die neuen Demonstrationstechniken auszeichnet. Psychologisch gesehen handelt es sich um ritualisierte Formen der Erpressung und des Trotzes von Heranwachsenden gegenüber unaufmerksamen, aber relativ nachsichtigen Eltern. Ihre Wirkung tun sie natürlich nur dann, wenn man sie gerade nicht infantil, sondern erwachsen, nämlich auf eine überlegte Weise anwendet. Auch die erwachsene Applikation macht freilich Regelverletzungen, die sich ihrer Erscheinungsform nach oft auf Pennälerniveau halten, für Leute über Dreißig kaum zugänglicher; insofern ist die mit dem Gestus des erfahrenen Kämpfers wiederholte Forderung der Jüngeren an die Älteren, an ihrer Praxis teilzunehmen, naiv. Die neuen Techniken sind nicht generationsneutral. Diejenigen, die das ignorieren und sich zu einer unvermittelten Partizipation entschließen, verkennen entweder den Charakter des Jugendprotests, oder ihre eigene Persönlichkeitsentwicklung zeigt tatsächlich Affinität zu einer anderen Altersstufe ...

Das erste Mißverständnis (des SDS) besteht darin, daß unser Aktionsspielraum durch eine revolutionäre, jedenfalls durch eine in Revolutionierung zu überführende Situation bestimmt sei. Davon kann keine Rede sein. Jedes, aber auch jedes der bisher allgemein akzeptierten Anzeichen für eine revolutionäre Lage fehlt. Ganz gewiß fehlt aber die subjektiv drückende Gewalt einer als unerträglich allgemein ins Bewußtsein tretenden Situation. Wo das Unerträgliche auf Definitionen noch wartet, wo das Unrecht noch nicht manifest, die Empörung keine Reaktion von Massen ist, muß Aufklärung den Parolen erst vorangehen. Wer unter diesen Umständen eine revolutionäre Umwälzung taktisch ins Auge faßt und agitatorisch betreibt, verfällt schlicht einem Wahn.

Das zweite Mißverständnis besteht darin, daß unser Aktionsspielraum durch eine internationale Einheit des antikapitalistischen Protestes bestimmt sei. Davon kann keine Rede sein. Gewiß gehört die moralische Empörung über die im Namen der Freiheit geübte Barbarei der Amerikaner in Vietnam, gewiß gehört die politische Entlarvung dieser hygienischen Ausrottungsaktion ... zu unseren unmittelbaren Aufgaben. Aber die auf emotionaler Ebene hergestellte Identifizierung -- mit der Rolle des Vietcong, die Identifizierung mit den Negern der großstädtischen Slums, mit den brasilianischen Guerillakämpfern, mit den chinesischen Kulturrevolutionären oder den Helden der kubanischen Revolution -- hat keinen politischen Stellenwert. Die Situationen hier und dort sind so unvergleichlich wie die Probleme, die sich stellen, und die Methoden, mit denen wir sie angehen müssen.

Die Fehleinschätzung der Situation macht die aktivsten Teile der Studentenbewegung anscheinend unfähig, die Grenzen ihres Aktionsspielraums und den Charakter der verfügbaren Mittel zu erkennen.

Die neuen Demonstrationstechniken, die nur symbolische Handlungen einschließen können, verwandeln sich in den Köpfen altgedienter SDSler zu Mitteln des unmittelbar revolutionäre Kampfes. Eine rote Fahne im richtigen Augenblick auf dem richtigen Dach kann eine aufklärende Wirkung haben; sie kann eine Tabuschranke durchbrechen, eine Barriere gegen Aufklärungsprozesse aus dem Wege räumen. Etwas anderes ist es aber. wenn ein solches Symbol diejenigen, die es setzen, darüber betrügt, daß es heute um einen Sturm auf die Bastille nicht gehen kann. Wie die Vorgänge in den Räumen der Frankfurter Universität während der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag vorletzter Woche unmißverständlich zeigen, verwechseln einige führende Akteure den virtuellen Vorgang einer Universitätsbesetzung mit einer faktischen Machtergreifung. Eine so gravierende Verwechslung von Symbol und Wirklichkeit erfüllt im klinischen Bereich den Tatbestand der Wahnvorstellung. Derjenige, der sich der aus der Protestpsychologie von Jugendlichen stammenden Techniken nicht als Erwachsener, nämlich im Bewußtsein ihres virtuellen Charakters bedient, wer sie vielmehr, wie das Kind selber, ernst nimmt, verfällt damit einem Infantilismus.

Die Verwechslung von Realität und Wunschphantasie hat ferner zur Folge, daß an Stelle der allein gebotenen Strategie massenhafter Aufklärung die Taktik der Scheinrevolution tritt. Wie in den letzten Wochen deutlich zu beobachten war, nimmt Agitation den Platz der Diskussion ein. Die präjudizierte Erkenntnis verdrängt die Untersuchung. Unter permanentem Handlungszwang wird auf Analyse verzichtet ...

Die Taktik der Scheinrevolution kommt schließlich in einem Verhalten zum Ausdruck, das die Polarisierung der Kräfte um jeden Preis sucht. Diese kurzfristige Perspektive schließt Bündnispolitik, schließt die präventive Vermeidung künftiger Risiken. schließt die Respektierung immer noch Freiheit und Recht garantierender Verfassungsinstitutionen aus. Sie führt zur illusionären Beschwörung der Einheit von Studenten und Arbeiterschaft. Sie führt dazu, die Grenzen des Aktionsspielraums zu verkennen, die auf der einen Seite durch Massenmedien und auf der anderen Seite durch den Gewerkschaftsapparat definiert sind.

In der vorletzten Woche hat das falsche Bewußtsein der Revolution von jenen Schwächen der Intellektuellen gelebt, die in ruhigeren Zeiten zu den déformations professionelles gehören, die in lebhafteren Zeiten aber, wenn sie aus dem Schattenreich der persönlichen Psychologie heraustreten und zur politischen Gewalt werden, wahrlich ein Skandal sind. Ich meine die Rolle des Agitators, der, weil er den Realitätskontakt verloren hat, nur noch die Realität der Massenreaktion kennt und anerkennt, der von kurzfristigen narzißtischen Befriedigungen lebt und die Aktion von einer Bestätigung zur nächsten treibt, um der Selbstbestätigung willen. Ich meine ferner die Rolle des Mentors, der, weil er gegen Erfahrungen immunisiert ist, eine Orthodoxie mit grauen Vokabeln allen Bewußtseinstrübungen aufprägt, um das zu rationalisieren, wozu den anderen die Worte fehlen. Ich meine schließlich die Rolle des zugereisten Harlekins am Hof der Scheinrevolutionäre, der, weil er so lange unglaubwürdige Metaphern aus dem Sprachgebrauch der zwanziger Jahre für seinerzeit folgenlose Poeme entlehnen mußte, nun flugs zum Dichter der Revolution sich aufschwingt -- aber immer noch in der Attitüde des Unverantwortlichen, der sich um die praktischen Folgen seiner auslösenden Reize nicht kümmert.

Weil die entschiedensten unter den Studenten nicht einsehen, daß der Erfolg ihrer Aktionen von den wirkungsvoll in Szene gesetzten Appellen. an wie immer residuale, aber noch geltende Legitimationen abhängt, täuschen sie sich über zwei Fakten. Einmal verwechseln sie die Abwehrreaktionen eines Staates, der durch Normen noch gehalten ist, auf Protestspiele sich einzulassen, mit der nackten Repression einer faschistischen Gewalt -- sie unterschätzen deshalb die potentielle Gewalt eines Staates, der eines Tages wirklich zur manifesten Unterdrückung wehrloser Gruppen übergehen könnte. Zum anderen wähnen diese Studenten, daß sie nicht indirekte Macht durch symbolische Handlungen, sondern faktische Macht ausüben -- sie überschätzen deshalb ihre eigene Machtposition bis an die Grenze lächerlicher Potenzphantasien. Eine »Bewegung« ist nicht schon darum revolutionär, weil man sie so nennt ...

Wenn die Protestbewegung ihr radikales Ziel einer Entbürokratisierung der Herrschaft, die mit den funktionellen Bedürfnissen eines entwickelten Industriesystems vereinbar ist, nicht nur zum Zwecke verbaler Selbstbefriedigung verfolgen will, muß sie ihre Taktik an der Wirklichkeit orientieren. Sie muß realistisch sein:

* realistisch im Hinblick auf den Zeitraum, der zu bedenken ist; vor uns liegt keine Periode des Um-

*Durch eine eingeschlagene Glastür dringen Studenten in den Rektoratstrakt der Frankfurter Universität ein.

sturzes, weder des manifesten noch des verschleierten;

* realistisch im Hinblick auf die informellen und die rechtlichen Positionen, auf die sich die demokratische Opposition heute noch stützen und die sie verlieren kann; ein abstrakter Kampf gegen die Institutionen der Verfassung wäre sowohl unbegründet als auch selbstmörderisch;

* realistisch im Hinblick auf die punktuellen Fortschritte, die inmitten der massiv restaurativen Entwicklung der letzten zwanzig Jahre auch möglich gewesen sind; diese isolierten Verbesserungen können als Bastionen genutzt werden; sie sollten nicht einem undifferenzierten Urteil und pauschaler Ablehnung verfallen;

* realistisch im Hinblick auf die Grenzen des Aktionsspielraums; ohne Unterstützung durch Gruppen mit privilegierten Einflußchancen ist der Zugang zur breiten Öffentlichkeit, der von den Massenmedien kontrolliert wird, nicht zu gewinnen; ohne Unterstützung des Gewerkschaftsapparates kann das Mittel des politischen Streiks, das die Verfassung gegen einen Notstand von oben allein garantiert, nicht angewendet werden; > realistisch schließlich im Hinblick auf die theoretischen Voraussetzungen der Praxis; Generalisierungen, auch auf relativ hoher Stufe der Verallgemeinerung, sind nötig. Aber bei schwachen empirischen Anhaltspunkten sollte über deren Status kein Zweifel sein. Niemand darf sich präsumtiv mit einem in Zukunft hervorzubringenden Bewußtsein aufgeklärter Massen identifizieren, um heute schon stellvertretend für sie zu agieren.

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