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Spielbanken Schicker Standort

In Ost-Berlin eröffnet das erste staatlich lizenzierte Spielkasino der DDR - pünktlich zur Währungsunion.
aus DER SPIEGEL 20/1990

Karl-Heinz Bringer, 45, ein altgedienter DDR-Hotelfachmann, hielt sein Land schon lange für rückständig. Über ein Jahrzehnt, erinnert sich Bringer, zuletzt Erster stellvertretender Direktor des Ost-Berliner Devisen-Gasthofs »Metropol«, hätten die Manager der staatlichen Interhotel-Kette SED-Oberen in den Ohren gelegen.

Den vorwiegend westlichen Gästen ihrer Etablissements, hatten die Hoteliers gedrängt, müsse unbedingt ein kapitalistisches Amüsement geboten werden. Eine Spielbank, findet Bringer, »gehört einfach als Unterhaltungsleistung zu einem gehobenen Tourismus«.

Doch mit dem Proletarier Erich Honecker war darüber nicht zu reden. Zwar pflegten die SED-Bonzen in den Gästehäusern der Regierung um hohe Beträge zu pokern. Aber das einzige Zugeständnis der sozialistischen Obrigkeit an den Spieltrieb des einfachen Volkes waren Lotto und Toto des VEB Vereinigte Wettspielbetriebe, wo die DDR-Bürger ihr Geld verzocken durften - jährlich mehr als eine Milliarde Ost-Mark.

Weder ließ sich der puritanische Kommunist Honecker von dem Argument umstimmen, daß die DDR neben Albanien und Rumänien das letzte spielbankenfreie Reservat in Europa sei, noch von der Aussicht, Westler schröpfen zu können.

Nach Honeckers Entmachtung geht der langgehegte Wunsch der Interhoteliers endlich in Erfüllung. Vom Freitag dieser Woche an rollen im 37. Stock des Hotels »Stadt Berlin« am Alexanderplatz die Roulett-Kugeln, werden Karten für Bakkarat und Black Jack gemischt, scheppern die Münzen in Spielautomaten - Spielwährung ist, schon vor der Währungsunion, allein die West-Mark.

Die Regierung des Hans Modrow (PDS) hatte der Interhotel-Kette kurz vor dem endgültigen Ende der Genossen-Herrschaft noch schnell die Pfründe gesichert: Am 13. Februar erteilte ihr der Ministerrat die Konzession für alle künftigen Spielbanken auf dem Gebiet der jetzigen DDR - für 25 Jahre. »Ohne unsere Zustimmung«, freut sich Bringer, nunmehr Direktor der neugegründeten »Casino Berlin GmbH«, »kann niemand in der DDR eine Spielbank eröffnen.«

Bereits im November 1989 hatte Bringer den Auftrag erhalten, mit möglichen Partnern »Sondierungsgespräche zu führen«. Die Goldgräber-Stimmung in Deutschland-Ost und die Gewißheit, daß Spielbanken soviel wert sind wie das Recht zum Gelddrucken, lockten vor allem »Finanzhaie« (Bringer) an.

Unter den mehr als 20 Bewerbergruppen waren die meisten, erkannte Bringer rasch, »auf Dummenfang aus«. Der Kasino-Chef: »Die wollten andere die Kasinos betreiben lassen und selber nur abkassieren, aber das können wir auch alleine.«

Den Zuschlag erhielt die Westdeutsche Spielcasino Service GmbH in Münster. Dieses Unternehmen, eine Tochter der Westdeutschen Landesbank, betreibt bereits in Bremen und demnächst auch in Kassel Spielbanken; eine Schwestergesellschaft, die Westdeutsche Spielbanken GmbH & Co. KG, hat die Lizenz für alle drei Kasinos in Nordrhein-Westfalen. An dem neuen Gemeinschaftsunternehmen, der »Neuen Deutschen Spielcasino GmbH«, sind die DDR-Hoteliers mit 51 Prozent, der West-Partner mit 49 Prozent beteiligt.

Die Wahl der DDR fiel auf die Münsteraner Spielbanker, weil deren Muttergesellschaft der DDR weiterreichende Entwicklungshilfe leisten kann: Als das Valuta-Reich des SED-Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski zusammenbrach, stockten auch die Arbeiten am »Haus der Unterhaltung und Gastronomie«, einem ehrgeizigen Projekt nahe dem »Grand Hotel« an der Ecke Friedrich- und Leipziger Straße, mit dessen Bau 1987 begonnen worden war. »Wir mußten«, erläutert Bringer, »einen Partner finden, der das Haus fertigbaut.«

Das protzige achtgeschossige Freizeitzentrum wird außer der Spielbank Restaurants, Bars, eine Disco und ein Fitneß-Center aufnehmen. Die Westdeutsche Landesbank streckte erst mal 100 Millionen für das künftige Spielbank-Domizil vor, das im März nächsten Jahres bezugsfertig sein soll.

Die neuen Teilhaber aus dem Westen müssen fürs erste auch das Spielbank-Personal stellen. Für den Ost-Berliner Spieltempel werden rund 160 Croupiers benötigt. In Zeitungsanzeigen suchten die Kasino-Konzessionäre bereits »Croupier-Anfänger«, »junge Herren und in begrenztem Umfang auch Damen im Alter von 19 bis 24 Jahren«, aber bis die ihre Ausbildung absolviert haben, vergehen mehrere Jahre.

Von den 247 Bewerbern (Bedingungen laut Ausschreibung: »hohe Konzentrationsfähigkeit, manuelles Geschick, verbindliche Umgangsform") wurden 91 ausgewählt, denen Mitarbeiter der Westdeutschen Spielcasino Service GmbH in Schnellkursen die wichtigsten Handgriffe beibringen.

In West-Berlin hält sich die Begeisterung über den neuen Amüsierbetrieb im Osten in engen Grenzen. Denn in Berlin wird es künftig als einziger Stadt in Deutschland zwei Spielbanken geben.

Das Ost-Kasino, befürchtet Peter Hosemann, Geschäftsführer der West-Berliner Spielbank im Europa-Center, werde wohl zu einer »echten Konkurrenz«, zumal die Lage nahe dem Potsdamer Platz, dem wiederentstehenden Zentrum von Gesamt-Berlin, ein »schicker Standort« sei. Hosemann moniert vor allem, daß beide Kasinos unterschiedlich besteuert würden. Vom Bruttospielerlös (1989: 74,6 Millionen Mark) führt die West-Spielbank rund 90 Prozent an das Land Berlin ab - ein Steueranteil, wie er auch sonst in der Bundesrepublik üblich ist. Die Ost-Spielhölle braucht jedoch, laut Spielkasinosteuer-Anordnung der DDR vom 27. März, in den ersten drei Jahren nur 70, später 80 Prozent an die Kommune abzugeben.

Der West-Berliner Senat, fordert Hosemann, solle für eine Angleichung sorgen, am liebsten auf ebenso niedrigem Steuer-Level. »Wenn alles eins ist«, konzediert Finanzsenator Norbert Meisner (SPD), müsse »man sehen, daß die Abgabe harmonisiert wird«. Angepaßt, warnt er die Spielbank-Gesellschafter vor falschen Hoffnungen, werde aber »bestimmt nicht nach unten«.

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