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»Schickimicki unter Wölfen«

aus DER SPIEGEL 26/1992

Der Prophet des Untergangs ist ein fröhlicher Mann. Seine Seele ist geläutert, das Karma stimmt, und Zulauf hat er auch. Rund 300 Umweltbewegte aus ganz Deutschland sind seinem Ruf ins tiefste Sachsen gefolgt: In Schönnewitz bei Meißen, auf einem verfallenen Bauernhof, will der Ökoprediger Rudolf Bahro verkünden, wie die Menschheitskatastrophe abzuwenden sei.

Für Bahro, 56, den einstigen SED-Funktionär und späteren Dissidenten, ist das vor allem eine Frage der Organisation. Am Ende soll die westliche Gesellschaftsform überwunden und durch ein Netz autarker Landkommunen ersetzt sein. Am Anfang kann, so plant es der an Marx geschulte Überwinder, die Staatsmacht bei ihrer eigenen Abschaffung noch ein bißchen behilflich sein.

Die Theorie klingt zwar kühn, und der Visionär Bahro schmückt sie gewohnt wortreich aus. Diesmal aber hat er auch die Praxis nicht vergessen: Bahro ist es gelungen, den Staat in Gestalt des sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf auf seine Seite zu ziehen.

Das Angebot des konservativen Landesvaters und notorischen CDU-Querdenkers Biedenkopf gilt einem Mann, der periodisch für Aufsehen sorgt. 1967 handelte sich Bahro eine »warnende mündliche Belehrung« der SED ein, weil er in einem Brief an Parteichef Walter Ulbricht Kritik am verkrusteten Wirtschaftssystem geübt hatte.

Zehn Jahre später kam es zum großen Knall. Bahro publizierte im Westen ein Buch mit dem Titel »Die Alternative«, in dem er den SED-Apparat als »eine total vom Volk isolierte Maschine« anprangerte. Der Ketzer wurde zu acht Jahren Haft verurteilt, kam aber nach 16 Monaten in den Westen.

Dort zählte er erst zu den Begründern, später zu den heftigsten fundamentalistischen Kritikern der Grünen. 1985 erklärte er seinen Austritt, die Partei war ihm nicht mehr radikal genug.

Jetzt versucht es Bahro mit Biedenkopf. Als Ergebnis sollen ausgewählte Öko-Projekte, Landkommunen etwa oder alternative Dorfgemeinschaften, von der sächsischen Regierung finanziell unterstützt werden. Vorgesehen sind Zuschüsse aus Existenzgründungsprogrammen und zinsgünstige Kredite. So begänne mit staatlicher Hilfe, was nach Bahros Utopie das Ende dieses Staates herbeiführen muß.

Das wird wohl utopisch bleiben. Dennoch könnte sich die Allianz zwischen dem sanften Revoluzzer Bahro und dem aufgeklärten Marktwirtschaftler Biedenkopf schon bald als Bündnis mit tieferer Bedeutung erweisen. In Baden-Württemberg haben - nach der Landtagswahl vom April - Grüne und Christdemokraten schon mal miteinander verhandelt. In Sachsen wollen Angehörige der meist noch konträren Lager etwas zusammen tun.

Die alten Fronten bröckeln, unklar ist noch, was entsteht. Trifft da die konservativ-ökologische Avantgarde zusammen _(* Mit Tochter Hannah. ) oder nur eine kurzlebige Zweckgemeinschaft? Und außerdem: Wer benutzt wen?

Die Teilnehmer des Treffens in Schönnewitz am vorletzten Wochenende interessieren sich für solche Fragen nur am Rande. Eingestimmt von fernöstlich-meditativem Singsang ("Das U kommt aus dem Wurzelchakra, das I kommt aus dem Kehlkopf"), geht es ihnen eher um individuelle Entfaltung als um politische Perspektiven.

Versammelt ist das ganze bunte Spektrum, das sich auf solchen Treffen eher beiläufig über die eigene Bewußtseinslage verständigt: Öko-Aktivisten und Szene-Beobachter, Aussteiger und solche, die ihrer Meinung nach in das, was sie verächtlich »die Gesellschaft« nennen, nie eingestiegen sind.

Beim gemeinsamen »Eintanzen« bilden sie große schwingende Kreise; von der Compact Disc ertönt Beethovens 6. Sinfonie, die »Pastorale«, deren ersten Satz der Komponist als »Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande« beschrieb.

Daß die großen Wirtschaftsprobleme hier gelöst werden, glaubt wohl kaum einer, doch ein bißchen dichter dran als der Rest der Menschheit fühlen sich die meisten schon. Die Münchnerin Anne Wich, 43, die gemeinsam mit ihrem Lebenspartner den Bauernhof in Sachsen gekauft und für das Treffen zur Verfügung gestellt hat, mahnt ihre Gäste: »Wir können uns nicht länger damit aufhalten, uns klarzumachen, was alles nicht läuft, und uns in Frust und Ersatzbefriedigung wälzen.«

Wohin der Aufbruch gehen kann, läßt sich am Info-Stand ablesen. Potentielle Kommunarden tragen sich dort in Listen ein, abgestuft nach Härtegrad: für die Mutigsten Version A - »Selbstversorgerische Kommunität, radikal ökologisch«; für die weniger Forschen Version B - »Kommunitäre Gemeinschaft auf der Suche nach einer Integration von Ökologie und menschlicher Selbstentwicklung«; Version C schließlich für Anfänger - »Ökologisch und solidarisch orientierte offene Gemeinschaft«.

Andere suchen noch Mitstreiter für laufende Initiativen, und sie haben dabei die von Biedenkopf zugesagte Unterstützung fest im Blick. In reinstem Amtsdeutsch heißt es etwa im Kommuneentwurf eines Dresdners: »Wir hoffen auf eine finanzielle Starthilfe im Rahmen der Förderabsichten der sächsischen Landesregierung.« Vom trotzig fordernden »Staatsknete«-Jargon der achtziger Jahre, als die Alternativen sich am Mainstream zu bedienen lernten, ist da nichts mehr zu hören.

Nicht zufällig kommt der neue zahme Ton aus Ostdeutschland. Bei aller Abgrenzung ist dort selbst unter Aussteigern weniger die Verweigerung gefragt als die Suche nach einem letzten Konsens. Und auch der Zynismus, der im Westen viele Debatten prägt, ist hier noch verpönt.

Bahro spürt das sehr genau. Für das Projekt sieht er in seiner alten Heimat eine »beispiellose Chance«. Erstens seien die Menschen »wärmer und weniger pointiert egoistisch«. Zweitens biete die wirtschaftliche und soziale Krise »Bedingungen für einen echten Test«. Nicht nur Biedenkopf, auch der brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) und die christdemokratisch geführte Regierung von Mecklenburg-Vorpommern seien bereits interessiert.

Es klingt ganz simpel. Gibt es im Osten denn nicht »freigesetzte Kräfte und Materialien im Überfluß«, Menschen ohne Arbeit, Brachland, leere Höfe und Werkshallen? Ist es da nicht denkbar und machbar, daß sich kleine Gruppen finden, die nur sinnvoll für sich selbst wirtschaften wollen und keinen Gewinn erwarten?

Es wäre, schwärmt Bahro, »der Anfang einer anderen Gesellschaft«. In dieser neuen Ordnung, die er »kommunitäre Subsistenzwirtschaft« nennt, würden die Menschen fast alles, was sie brauchen, im kleinen Kreise selbst herstellen, »im Einklang mit den Kräften der Natur«.

Wenn Bahro, der Guru, solche Träume vorträgt, nimmt sein Gesicht einen Ausdruck oft geübter Verzückung an. Die weit nach oben gezogenen Mund- und die von vielen Fältchen umlagerten Augenwinkel nähern sich einander immer weiter an, als könnten sie sich berühren. Dann aber, unvermittelt, löst er das Lächeln auf und wird wieder pragmatisch.

Der Staat, so rechnet Bahro listig vor, könnte an ihm und seinesgleichen noch verdienen. »Eine Durchschnittseinsparung von etwa 20 000 Mark pro Person je Jahr« hält er für realistisch, wenn nicht Arbeitsbeschaffung und Umschulung, sondern alternative Existenzgründungen gefördert würden: »Da könnten Sachen entstehen, die wichtig für die Landesentwicklung, für Landeskultur und Naturschutz sind.«

Mit solchen Volten und Visionen fesselt der Mann seine Zuhörer. Bahro rührt betäubende intellektuelle Cocktails an, auf grüner Basis mit kräftigen Spritzern Marx und Jesus, Laotse und Bhagwan Shree Rajneesh. Demokratische Prinzipien hält er für überholt, er phantasiert von einem neuen »Gottesstaat«, von einem »Fürsten der ökologischen Wende«. Sein Credo: »Jetzt zu sagen, wir machen Basisdemokratie, unter uns Wölfen, ist Schickimicki.«

Daß so einer, der auf harmlose Art gefährliche Parolen streut, bei Biedenkopf Gehör gefunden hat, beruht auf Professorenfreundschaft. Sie kennen, sie zitieren sich, sie disputieren miteinander. Als der habilitierte Politiker im vergangenen Sommer auf Bahros Einladung eine Vorlesung an der Berliner Humboldt-Universität hielt, hörte er dort von dem Kommuneprojekt und reagierte mit Wohlwollen: »Entwickeln Sie das doch mal.«

Noch allerdings hält sich Biedenkopf im Hintergrund und gibt weise zu bedenken, ein solches Vorhaben sei »sicher nicht einfach«, ein Erfolg aber auch »nicht ausgeschlossen«. Als Emissär schickt er Hermann Kroll-Schlüter, 53, Staatssekretär im sächsischen Landwirtschaftsministerium, nach Schönnewitz.

Die Ökofreaks und Esoteriker empfangen den CDU-Mann, der im weißen Hemd mit Schlips gekommen ist, so herzlich wie einen der Ihren. Kroll-Schlüter will die gespannten Erwartungen dämpfen, seine Angebote sind zunächst bescheiden.

Dann aber, immerhin, kommt die echte Offerte: Einem Ökodorf-Projekt für 300 Menschen, die noch auf der Suche nach Ackerboden und leeren Gebäuden sind, soll geholfen werden. Ein Dorf in der Lausitz hat der Staatssekretär bereits im Blick, einen Erbpachtvertrag hält er für machbar. Den Namen will er noch nicht preisgeben, um die Einwohner nicht zu verschrecken, bevor er mit ihnen gesprochen hat.

So wird Kroll-Schlüter bei den Kommunarden der Held des Tages. Ganz geheuer scheint ihm sein Erfolg dann aber doch nicht: »Sind die nun wirklich aufgeschlossener geworden«, fragt er, »oder wollen die nur einfacher ans Geld?«

* Mit Tochter Hannah.

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