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LAZARETT-DAMPFER Schiff ohne Frauen

aus DER SPIEGEL 4/1966

Gesucht werden: ein Chefarzt sowie acht Ober- und Assistenzärzte.

Bedingungen: tropentauglich und französische Sprachkenntnisse.

Arbeitsplatz: das deutsche Hospitalschiff »Helgoland«.

Standort: ein Ankerplatz vor der Küste Südvietnams.

Noch liegt das weiße 3001-BRT-Seebäderschiff der Hamburger Hafen -Dampfschiffahrt AG (HADAG), deren Aktienmehrheit im Besitz der Hansestadt ist, im Hamburger Segelschiffhafen.

Aber schon bevor das Schiff 1963 bei der Howaldtswerke Hamburg AG gebaut wurde, hatten Verteidigungsplaner der Bundesregierung Werft und Reeder gebeten, das Schiff so zu konstruieren, daß es im Ernstfall auch zum Transport von Verwundeten benutzt werden könne.

Das Ergebnis: Die sieben vollklimatisierten Säle des Musikdampfers, in denen noch in der letzten Sommersaison Tausende Ausflügler zwischen Hamburg und Helgoland tanzten und picknickten, können innerhalb weniger Tage in ein Lazarett verwandelt werden. Die Ausrüstung dafür liegt in einem Bundesmarine-Depot in Wilhelmshaven.

Am Mittwoch letzter Woche besann sich die Bundesregierung auf ihr Lazarettschiff im Wartestand und beschloß, es als schwimmendes Hospital vor der Küste Vietnams zu stationieren. Deutsche Ärzte sollen auf dem Schiff verwundete Zivilisten behandeln, so wie einst in Korea etwa 80 deutsche Ärzte und Schwestern im Auftrag der Bundesregierung in einem deutschen Rot -Kreuz-Hospital in der koreanischen Hafenstadt Pusan halfen und heilten.

Genau wie damals will die Bundesregierung auch diesmal mit ihrer Aktion deutsch-amerikanische Solidarität dokumentieren. Zum erstenmal hatte das Kabinett Ende Dezember - gleich nach Ludwig Erhards Rückkehr von seiner

Weihnachtsvisite in Washington - über eine deutsche Hilfsaktion im Vietnam -Krieg beraten. Präsident Johnson hatte Erhard um eine deutsche Unterstützung gebeten. Der Kanzler zu seinen Ministern: »Sichtbare Beteiligung in Südvietnam bedeutet den Amerikanern ein Vielfaches an moralischer, politischer und materieller Unterstützung.«

Außenminister Schröder, der sich in interfraktionellen Gesprächen sogar für eine Entsendung deutscher Soldaten auf den fernöstlichen Kriegsschauplatz ausgesprochen hatte, sekundierte: »Wir erwarten auch bei uns ein unbedingtes Engagement der USA und können uns nun nicht einfach entziehen.«

Die Minister diskutierten, ob zivile oder gar militärische Freiwillige nach Vietnam geschickt werden sollten. Aber mit Ausnahme Schröders waren alle Minister dagegen. Verteidigungsminister von Hassel erklärte, er wolle nicht einen Bundeswehr-Soldaten nach Vietnam schicken: »Nach Südost-Asien dürfen nicht einmal als zivile Nothelfer getarnte Pioniere verladen werden.« Bundesinnenminister Lücke, von Freiwilligensucher Schröder auf seine Zuständigkeit für das Technische Hilfswerk angesprochen, lehnte gleichfalls ab.

Vertriebenen-Minister Johann Baptist Gradl erklärte: »Wir können höchstens ein Schiffchen schicken.«

Am letzten Mittwoch stand das Thema erneut auf der Tagesordnung der Kabinettssitzung, obwohl Ludwig Erhard noch am Tegernsee Urlaub machte. Das Kabinett entschied sich für einen Einsatz der »Helgoland« und beauftragte die Bundes-Gesundheitsministerin Frau Schwarzhaupt mit der Führung der Operation.

Bevor jedoch die »Helgoland« nach Südvietnam auslaufen kann, werden noch einige Wochen vergehen. Es steht noch nicht einmal fest, ob das Schiff unter der Regie des bundesdeutschen oder des Internationalen Roten Kreuzes stehen und unter welcher Flagge es fahren soll. Auf jeden Fall müssen das IRK in Genf, die Regierung in Saigon und das Rote Kreuz von Südvietnam ihre Zustimmung geben.

Die Bundesregierung hat letzte Woche dennoch bereits begonnen, die Anwerbung von Freiwilligen für die Vietnam -Expedition vorzubereiten. Neben einer Schiffsbesatzung von rund 30 Mann werden tropentaugliche Ärzte und Pflegepersonal gesucht. Bisher ist noch nicht entschieden, ob auch Krankenschwestern auf dem Schiff Dienst tun sollen. Bei den Beratungen des Kabinetts vertrat Wirtschaftsminister Schmücker die Ansicht, es dürften keine Frauen auf die »Helgoland«. Krankenschwestern könne man eine Reise in dieses gefährliche Gebiet nicht zumuten.

In Südvietnam sind jetzt schon zwölf deutsche Ärzte tätig, jedoch auf freier Vertragsbasis und nicht im Auftrag offizieller deutscher Stellen; außerdem 26 Techniker, acht Lehrkräfte für Fachschulen, ein Oberförster und eine Laborantin.

In den vergangenen Jahren ist die Bundesrepublik zum zweitgrößten Geberland für Südvietnam nach den USA aufgerückt. Bonn spendete bisher:

- Kapitalhilfe in Höhe von 85 Millionen Mark;

- technische Hilfe im Wert von 8,4

Millionen Mark;

- Gesundheits-, Sozial- und Flüchtlingshilfe in Höhe von vier Millionen Mark.

Diesen Gaben hatte Ludwig Erhard bei seinem Weihnachtsbesuch in Washington eine besondere Spende für Südvietnam hinzugefügt: 2,5 Millionen Mark für Medikamente, Wolldecken und Lebensmittel.

Ob die amerikanische und südvietnamesische Regierung den Einsatz der »Helgoland« als ausreichendes Symbol für eine tatkräftige Unterstützung Bonns im Indochinakrieg ansehen werden, ist noch ungewiß.

Zufrieden aber wäre auf jeden Fall die Reederei mit einer Vietnam-Mission ihres Bäder-Dampfers. Die HADAG konnte das Schiff in diesem Winter bisher nicht verchartern. Denn die »Helgoland« ist nicht billig. Geschätzte monatliche Charterkosten: rund 300 000 Mark.

Vietnam-Schiff »Helgoland": Der Außenminister wollte Truppen senden

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