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GOLF-EMIRATE Schild gesucht

Die sieben »Vereinigten Arabischen Emirate« am Persischen Golf drohen auseinanderzubrechen. Zwist unter den Scheichs untergräbt die Union.
aus DER SPIEGEL 28/1979

Churafa« (Wahnsinn), schimpfte der Textilimporteur Massud Karam aus Dubai. Eine Kette von Verkehrsampeln machte die Zehn-Minuten-Strecke vom Stadtzentrum Dubai zum neuen Flughafen des Nachbar-Fürstentums Schardscha zu einer Hindernisfahrt von einer guten Stunde.

Durch diese rote Welle zwingt Dubai, der zweitgrößte Stadtstaat der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), seine Bewohner, den überlasteten internationalen Flughafen der Stadt zu benutzen, anstatt zum 15 Kilometer entfernten Konkurrenz-Airport des nächsten Scheichtums zu fahren.

Auf Pier vier des Tiefseehafens von Dubai luden indische Gastarbeiter schweres Gerät aus: britische Jagdmaschinen vom Typ »Lightning«, von Zeltplanen nur schlecht verdeckt. Die Düsenjäger sind nicht etwa für die gemeinsame Luftwaffe des Staatenbundes bestimmt, sondern für die separaten Streitkräfte des Teilstaates Dubai.

Ras al-Chaima schließlich, das am nördlichsten gelegene der sieben Emirate, unterstreicht die Desintegration des Staatenbundes auf seine Weise: Emir Sakr el-Kassimi Bin Mohammed legte Veto gegen den Anschluß seiner Satelliten-Bodenstation an das Fernsprechnetz der VAE ein.

»Die Zukunft der Vereinigten Arabischen Emirate ist ungewiß«, prophezeit ein arabischer Diplomat in Beirut. »Werden wir es schaffen, den Fortbestand unseres Staates abzusichern?« fragte »El-Ittihad« (Die Einheit), die größte Tageszeitung in der Emiratshauptstadt Abu Dhabi. Die Eifersüchteleien der sieben verantwortlichen Emire nehmen zu, seit durch den Sturz des Schah im Iran das Kräftegleichgewicht am Persischen Golf gestört ist.

Denn der Schah hatte den Scheichs seinen Gratis-Schutz gegenüber militärischen Abenteuern von Golf-Anrainern geboten. Auf eine andere Schutzmacht haben sich die Emirate noch nicht geeinigt, seit der Ajatollah mit seinen frommen Streitern die Macht im Iran übernahm.

Ihr Sicherheitsbedürfnis war der Motor der Einigung gewesen, als der Staatenbund der Vereinigten Arabischen Emirate vor fast acht Jahren gegründet wurde. Die zunächst nur sechs Gründer-Scheichs von Abu Dhabi, Dubai, Schardscha, Adschman, Umm al-Kaiwain, Fudschairah, später kam noch Ras al-Chaima dazu, hatten sich nach dem Abzug der Briten aus der Region östlich von Suez im Falle einer Gefahr von außen gegenseitig Beistand gelobt.

In den fast acht Jahren Unabhängigkeit stieg die Bevölkerungszahl von 260 000 auf 900 000, füllten sich die Konten der drei wichtigsten Scheichtümer Abu Dhabi, Dubai und Schardscha dank der sprunghaft kletternden Erdöleinnahmen. Dort vervierfachte sich das Einkommen der Durchschnittsbewohner und führte zur Anhäufung von Milliarden-Depositen.

Doch mit wachsendem Wohlstand drängten sich partikularistische Interessen der Teilstaaten wieder in den Vordergrund. Am deutlichsten zeichnet sich ein Machtkampf zwischen Abu Dhabi und Dubai ab. Abu Dhabi stellt als bevölkerungsstärkstes Emirat, das außerdem dank seines Ölreichtums 50 Prozent des Bundeshaushalts von 5,6 Milliarden Dollar bestreitet, den Staatspräsidenten. Doch er ist, laut Kairos »Al-Ahram«, ein Präsident, »der regiert, aber keine Befugnisse hat«.

Seit über zwei Jahren nämlich verfügt Präsident Scheich Said Bin Sultan Al Nahajan zwar über eine Bundesarmee des Bundes, doch die 26 100 Soldaten stehen nur auf dem Papier. Noch immer haben Dubai und andere Emirate eigene Streitkräfte und ein eigenes Hauptquartier.

Auch die Polizeihoheit hat sich -- vereinbarungswidrig -- bis heute jedes Scheichtum bewahrt. Dubai und Ras al-Chaima weigern sich, einen Präsidenten-Erlaß aus dem Jahre 1977 zur Kenntnis zu nehmen, demzufolge die Polizei der Emirate zusammengelegt werden sollte.

»Chaotisch« nennt ein Memorandum des Bundesparlaments die Handhabung der Einreise und Aufenthaltsgenehmigung für Ausländer, von 650 000 der ingesamt 900 000 Bewohner. Europäer ziehen noch immer die Einreise in Dubai vor, weil die Paßbeamten dort großzügiger verfahren als im zentralistisch orientierten Abu Dhabi. Die Landesgrenzen innerhalb der Föderation werden peinlich genau beachtet.

Die Rechtsprechung ist nicht vereinheitlicht, obschon sie in allen Teil-Staaten vage als »islamisch« bezeichnet wird. So läßt Abu Dhabi Dieben schon mal die Hand abhauen und selbst Ausländerinnen öffentlich auspeitschen, wenn sie sich mit fremden Männern einlassen.

Im weniger sittenstrengen Dubai floß noch bis vor zwei Monaten der Alkohol in Strömen und wird auch heute noch in internationalen Hotels ausgeschenkt. Glücksspiel bestraft Abu Dhabi mit Gefängnis und Prügel, im Scheichtum Ras al-Chaima verspielen betuchte Wüstensöhne Millionen im staatlich lizensierten Spielkasino.

Trotz tönender Versprechungen ist auch aus der Wirtschaftseinheit der sieben ungleichen Brüder nichts geworden. Jedes Emirat hat seine eigenen Planungsminister und Sondervorstellungen von den regionalen Notwendigkeiten.

Das Ergebnis ist grotesk: Vier moderne internationale Großflughäfen für 900 000 Menschen auf einer Strecke von nur 250 Kilometern, drei Hochseehäfen in Abu Dhabi, Dubai und Schardscha -- der vierte in Ras al-Chaima ist in Bau.

Wild und unkontrolliert wuchern Wirtschaft und Handel »Ich weiß nicht, warum wir eigentlich alle noch Profit machen«, wunderte sich ein deutscher Bankier in Dubai, eine berechtigte Frage, denn in den sieben Emiraten gibt es 60 Banken mit 300 Niederlassungen.

Doch Großprojekte -- etwa eine Bauxit-Aufbereitungsanlage in Dubai oder eine riesige Zementfabrik in Ras al-Chaima -- entstehen nicht aufgrund einheimischer Überlegungen. Sie sind entweder Prestigeobjekte der rivalisierenden Emire oder von Auslandsfirmen geplante Unternehmen.

Da auch die Wirtschaft der Emirate nur wenig miteinander verflochten ist, drohte die Golf-Föderation schon vor einigen Monaten am internen Gezänk der Emire zu scheitern. Kuweit, das, von Irak und Iran bedroht, keinen neuen Krisenherd in der Nähe haben möchte, konnte das Auseinanderfallen noch einmal verhindern und Staatspräsident Said dazu bewegen, seinen Intimfeind Scheich Raschid Bin Said Al Maktum von Dubai zum Regierungschef zu machen.

Raschid ließ es langsam angehen. Seit seiner Ernennung am 30. April brauchte. er zwei Monate, um eine Regierung zu bilden. Dafür aber ließ er in dieser Zeit das Projekt scheitern, die provisorische Verfassung (die nur von 1971 bis 1976 gelten sollte) durch eine neue Bundesverfassung zu ersetzen, die nach den Vorstellungen von Abu Dhabi den Zusammenhalt der Emirate zementieren sollte.

Indessen will Saudi-Arabien die Schutzfunktion übernehmen, die einst der Schah innehatte. »Wir wollen unseren Brüdern am Golf zeigen«, erklärten hohe Saudi-Beamte, »daß Saudi-Arabien der schützende Schild der arabischen Halbinsel ist.«

Der Schild könnte bald gebraucht werden. Denn neue Aktionen der schon totgeglaubten linken Befreiungsfront von Oman läßt die Scheichs am Golf aufhorchen. Aber auch gegenüber radikalen Arabern ist ihre Politik widersprüchlich. Abu Dhabi biedert sich an und offeriert der PLO neue Unterstützungsgelder, »Stillhalte-Dollar«, so ein PLO-Linker in Beirut. Dubai dagegen verweigert Palästinensern die Arbeitserlaubnis.

Das Auseinanderfallen der brüchigen Union scheint nur eine Frage der Zeit. Insider behaupten, Dubai habe für den Tag des Austritts bereits eigene Geldscheine und Briefmarken drucken lassen.

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