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Schildkrötensuppe - vom Aussterben bedroht?

Westdeutsche Boykott-Propagandisten verschrecken Hersteller und Händler Mit wachsendem Erfolg werben bundesdeutsche Ökologie- und Friedensgruppen für eine »Politik mit dem Einkaufskorb": Ob es gegen schweizerische Babynahrung, norddeutschen Torf oder südafrikanische Goldmünzen geht - selten bleiben die Appelle ohne Wirkung auf die Verbraucher. Das nächste Boykott-Ziel steht schon fest: die Filialen von Tchibo und Eduscho, in denen angeblich Kaffee verkauft wird, »an dem Blut klebt«. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Wer ein Kiwi-Sorbet löffelt, der handelt, von kulinarischen Kriterien abgesehen, absolut richtig oder auch völlig falsch - je nachdem, wo die exotische Frucht geerntet wurde.

Kommt die Kiwi aus Neuseeland, gilt der Verzehr als politisch empfehlenswert. Denn »diese Insel im Südpazifik mit dem renitenten Premierminister namens David Lange, der keine amerikanischen Kriegsschiffe mit Nuklearsprengköpfen in seine Häfen läßt«, verdiene, so lassen die Umweltschützer von »Greenpeace« wissen, jegliche Unterstützung. »Kaufen Sie«, appelliert die Deutschland-Zentrale der Öko-Kämpfer an alle Fördermitglieder, »neuseeländische Produkte, solange das Geld reicht.«

Stammt die Kiwi indes, was ihr nicht anzusehen ist, aus Südafrika, so gebietet es zumindest nach Ansicht der »Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland e. V.« der politische Geschmack, den Kauf zu verweigern. Denn die »Schwarzen und Farbigen in diesem Land«, denen »das System der Apartheid die Menschenrechte vorenthält, erwarten die Solidarität der weltweiten Christenheit«. Ratschlag der Kirchenfrauen: »Kauft keine Früchte aus Südafrika.« Und, wegen der Verwechslungsgefahr: »Augen auf beim Früchtekauf.«

Häufig wie nie zuvor sehen sich Westdeutschlands Konsumenten in diesem Sommer Appellen ausgesetzt, mit Hilfe ihrer Kaufentscheidung die Ziele der Ökologie- und der Dritte-Welt-Bewegung zu unterstützen. Und mitunter erweist sich solche »Politik mit dem Einkaufskorb«, wie sie genannt wird, neuerdings tatsächlich als erfolgreich.

Noch vor wenigen Jahren waren beispielsweise Boykottaufforderungen von Tierschützern zumeist ins Leere gegangen. Obgleich die damals weithin als Sektierer belächelten Tierfreunde zum Verzicht auf Italien-Reisen ("Kein Urlaubsort, wo Vogelmord") und gleich auch noch zum Boykott der Stierkampf-Nation Spanien aufriefen, hielt sich kaum jemand daran.

Seit jedoch Umwelt- und Naturschützer an Einfluß und an Widerhall gewonnen haben, beunruhigen Aufrufe zu politisch bewußtem Verbraucherverhalten Unternehmen nahezu aller Branchen. Drohung mit Boykott - so genannt nach einem englischen Güterverwalter namens Boycott, den 1880 irische Landpächter wegen Ausbeutung auszuwandern zwangen - hat bereits auf mehrfache Weise die westdeutsche Produktpalette verändert.

Die Frankfurter Suppenfirma Lacroix lieferte Ende Juni ihre letzte Dose Schildkrötensuppe an den Handel - nicht zuletzt unter dem Druck einer Aktionsgemeinschaft »Rettet die Schildkröten jetzt«, der mehr als zwanzig deutsche Umweltverbände angehören. Die Schildkröten-Schützer hatten unter anderem mit »Lakill«-Dosenattrappen gegen eine Ausrottung des Reptils demonstriert.

Nur »in wenigen Betrieben«, teilt der Hotel- und Gaststättenverband mit, sei das Gericht derzeit noch im Angebot - kein Wunder, Tierschützer hatten die Delikatesse vielerorts mit Filzstiften immer wieder von den teuren Karten gestrichen. Statt der Schildkröten, so scheint es, stirbt nun die Schildkrötensuppe aus.

Beeindruckt von der Naturschützer-Kampagne, die unter anderem vom Kölner TV-Magazin »Globus« unterstützt wurde, zeigt sich auch ein anderes Gewerbe. Allerorten haben sich in den letzten Monaten die Optiker darangemacht, Brillenfassungen aus Schildpatt, den Hornplatten der Echten Karett-Schildkröte, aus den Regalen zu räumen.

Der westdeutschen Torfindustrie machen seit langem Ökologen zu schaffen, die gegen den »sackweisen Ausverkauf unserer Hochmoore« wettern, so der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), und, wie die sozialdemokratisch orientierten »Naturfreunde«, Stadt- und Kleingärtnern zur Kaufenthaltung raten: »Torf gehört ins Moor.«

Der Aufforderung, statt Torf lieber kompostiertes Rindenmehl, ein Abfallprodukt aus den Sägewerken, als Bodenverbesserer

einzusetzen, versucht die Torfwirtschaft derzeit mit einer großangelegten Public-Relations-Kampagne zu begegnen. Die Unternehmen bemühten sich darum, versichert eine eigens gegründete Informationsstelle »Torf und Umwelt«, die begrenzten Torf-Ressourcen »durch Verwendung von Zusatzstoffen sowie Teil- und Vollsubstituten« zu strecken.

Boykottbedingte Umsatzeinbußen befürchten oder verzeichnen bereits Dutzende von Firmen der Kosmetikbranche. Tierschützer verbreiten lange Listen mit den Namen von Lippenstiften und Lidschatten, für deren Entwicklung Versuchstiere »millionenfach zu Tode gemartert« worden seien.

Miesgemacht werden in Öko-Broschüren und Faltblättern auch Frauen, die sich in das Fell des Ozelot hüllen und Tasche oder Gürtel, Portemonnaie oder Schuhwerk aus Reptilien-Leder tragen - es sei denn, das Produkt ist mit einer »Artenschutzfahne« versehen, die besagt, daß das Tier legal erlegt worden ist. Auch der BUND fordert »zum bewußten Einkauf« auf, Ware ohne Fahne gehöre boykottiert.

Um eine »ökologische Katastrophe in Bangladesch und Indien« zu verhindern, ruft derweil die internationale Umweltstiftung »World Wildlife Fund« (WWF) zum Boykott von Froschschenkeln auf. Da in Südostasien allein für die Bundesrepublik jährlich rund zwölf Millionen Frösche geschlachtet würden, fehlten die Viecher in den heimischen Reisfeldern und Sümpfen als Insektenvertilger. Statt der Frösche müssen dort, so der WWF, nun krankmachende Pestizide eingesetzt werden (siehe Seite 183).

Der Froschschutz-Aufruf des WWF, dessen deutscher Sektion der einstige VW-Chef Kurt Lotz vorsteht, zeitigte rasch Wirkung. Rund 250 westdeutsche Küchenchefs, die sich zu einem »Rastatter Kreis« zusammengeschlossen haben, verpflichteten sich, Froschschenkel - ohnehin »mehr was für mittelmäßige Gasthäuser«, so der Wiesbadener Starkoch Hans-Peter Wodarz - zu streichen. Die Grünen im Bundestag beantragten ein Importverbot, und auch der hessische Landwirtschaftsminister Willi Görlach (SPD) meint nun: »Froschschenkel gehören nicht auf den Eßteller.«

Den Einfluß der westdeutschen Umweltbewegung hat auch der amerikanische Waschmittelhersteller Procter & Gamble zu spüren bekommen. Der Konzern wurde von einer »Aktionskonferenz Nordsee« verschiedener Umweltverbände und Bürgerinitiativen »ultimativ aufgefordert«, seinen »Top Job«-Waschverstärker »vom Markt zu nehmen«. Das Mittel, vor dem auch das Umweltbundesamt warnt, verursache eine »zusätzliche Belastung der Gewässer«.

Das Unternehmen - Produzent auch von Ariel, Dash, Spüli, Sanso, Lenor und Meister Proper - offerierte in einem ersten Gespräch, wie die Nordseeschützer protokollierten, wenigstens über die Werbung »mit uns weiter zu diskutieren, wenn wir auf einen Boykottaufruf verzichten«, und versprach »finanzielle Unterstützung bei der Durchführung von Meßprogrammen«.

Doch die Umweltschützer weigerten sich, »die rührenden Angebote« zu akzeptieren, die, wie sie fanden, »der Verdummung des Verbrauchers dienten": Nur die Werbung, argwöhnten die Waschmittelkritiker, sollte geändert werden, nicht aber das Produkt.

Während die umstrittenen Waschverstärkertücher weiter auf dem Markt sind, ist es der Dritte-Welt-Bewegung gelungen, den schweizerischen Nahrungsmittel-Multi Nestle in die Knie zu zwingen, der weltweit auch künstliche Babynahrung vertreibt und nach Meinung der Kritiker dabei in Kauf nahm, daß Babys starben.

In Entwicklungsländern sind die hygienischen und klimatischen Bedingungen für Flaschenmilch-Ernährung in der Tat weithin ungeeignet. Hinzu kommt, so eine deutsche »Aktionsgruppe Babynahrung«, daß »die Kosten der künstlichen Babymilchprodukte bis zu 60 Prozent des Familieneinkommens« ausmachen - mit der Folge, daß das Milchpulver »zu stark verdünnt« wird und Kinder erkranken oder an Unterernährung sterben.

Rund hundert »Babymilchgruppen« aus fünfzig Ländern starteten daher eine _(Von Nestle und von Firmen mit ) _(Nestle-Beteiligung. )

internationale »Babymilchkampagne« und riefen auf zum Boykott von Nestle-Produkten und Marken von Nestle-Beteiligungen, darunter Nescafe, Bärenmarke, Iglo, Maggi und Kosmetika wie L''Oreal und Lancome. Die Nestle-Kritiker forderten den Konzern auf, einen von der Weltgesundheitsorganisation WHO aufgestellten »Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzstoffen« einzuhalten.

Dieser Kodex verlangt unter anderem, daß die Produzenten sich allgemein gehaltener Werbung enthalten. Die Boykott-Organisation forderte darüber hinaus, alle Packungen mit einem Aufdruck zu versehen, der auf die Gefahren solch künstlicher Ernährung hinweist.

Nestle reagierte. Letztes Jahr ging das Unternehmen auf die Forderungen ein und unterzeichnete ein Abkommen mit der Boykott-Organisation. »Zum erstenmal«, meldete deren deutsche Sektion, »konnten Aktionsgruppen und Verbraucherverbände die Praktiken eines multinationalen Konzerns ändern.«

Ermuntert von diesem Erfolg, wollen die Boykotteure den Kampf fortsetzen - nun gegen den Nestle-Konkurrenten Milupa in Friedrichsdorf im Taunus, der, so die Baby-Schützer, »in Ruhe« seine »aggressiven Werbepraktiken« erweitere und »die Nestle-Boykott-Aktion nicht als Warnung« verstanden habe, sondern, im Gegenteil, als Gelegenheit zur Marktausweitung nutze.

Ermutigt zeigen sich die Anhänger der westdeutschen Boykott-Bewegung auch durch die Erfolge, die Gesinnungsgenossen anderswo im Kampf gegen die südafrikanische Apartheid-Regierung erzielt haben. Die New Yorker Citibank etwa beschloß unter dem Druck amerikanischer Boykott-Propagandisten, Südafrika keine Kredite mehr zu geben. Volvo liefert seit Jahren keine Autos mehr ans Kap, und Coop-Läden in Norwegen und England verkaufen längst keine Produkte mehr, die sich auf dem Index der Apartheid-Gegner finden.

Westdeutsche Dritte-Welt-Gruppen und Christen-Zirkel, aber auch SPD-Politiker wie der Bonner Abgeordnete Günter Verheugen fordern, auf den Kauf von Goldmünzen aus Südafrika zu verzichten. Wie weit der Umsatz-Einbruch beim Krüger-Rand - ein Drittel weniger als im Vorjahr - auf Boykott-Appelle zurückzuführen ist, steht dahin. Der »Boykott-Rundbrief« der Evangelischen Frauenarbeit vermeldete die frohe Botschaft jüngst ohne Kommentar.

Fortsetzen wollen die Frauen ihre Kampagne gegen die »rassistisch-kriminelle Vereinigung« in Südafrika, die »Botha-Bande«, mit Aktionen gegen westdeutsche Banken, die Kundengelder am Kap investieren. »Kein Konto auf der Dresdner Bank, solange sie die Apartheid unterstützt«, heißt es auf Flugblättern, die jüngst etwa in Frankfurt verteilt wurden.

Obschon es ihrer Ansicht nach »prinzipiell keine sauberen Kreditinstitute« gibt, beschränken sich die christlichen Banken-Boykotteure vorerst auf die Dresdner, die Deutsche und die Commerzbank. Als sie entdeckten, daß auch die Kirche ihr Geld dorthin trägt, nahmen sie sogar die Kirchenfürsten ins Gebet.

Einigen Spitzen-Christen mißfällt die Banken-Kampagne ohnehin. EKD-Chef Eduard Lohse etwa fürchtet, daß »dieser Bankenbeschluß« zu »schwerem Schaden an unserer volkskirchlichen Struktur« führt. In den Gemeinden aber sind mehr und mehr Menschen der Ansicht, daß Boykott-Maßnahmen die »einzige noch wirkungsvolle gewaltfreie Möglichkeit« sind, »die südafrikanische Regierung zu einer Kursänderung zu zwingen«, wie es in einer Boykott-Dokumentation des Evangelischen Missionswerks heißt. _(Evangelisches Missionswerk: ) _("Ausländische Investitionen in ) _(Südafrika. Partner der Apartheid?« 72 ) _(Seiten; kostenlos erhältlich beim ) _(Missionswerk, 2000 Hamburg 13, Mittelweg ) _(143. )

Nachdem im Juni der südafrikanische Kirchenrat zum Investitionsrückzug vom Kap aufgerufen habe, sei, so das Missionswerk, die »Diskussion über Boykott und Disinvestment« auch in den deutschen Kirchen »unausweichlich« geworden.

In den nächsten Monaten wollen die kirchlichen Boykott-Strategen ihre Kampagne noch ausweiten. Abgeraten werden soll nicht nur, wie schon seit langem, vom Kauf von »Outspan«-Früchten, »Cape«-Obst und Konserven mit dem Herkunftsnachweis South Africa ("SA"), zum Beispiel von Ananas der Marke »Zulu Gold«. Statt die beliebte bittere Orangenmarmelade zu kaufen, die vorzugsweise im Apartheid-Staat fabriziert wird, sollen sich die Westdeutschen das Zeug selber kochen - der »Boykott-Rundbrief« druckt Rezepte.

Neben Südafrika haben sich die Boykotter vor allem Lateinamerika vorgenommen. Nächsten Monat sollen Tchibo- und Eduscho-Kunden erfahren, daß sie Kaffee trinken, »an dem Blut klebt«. Mitglieder einer »Kaffee-Kampagne 85/ 86« wollen auf diese Weise den »individuellen Verzicht auf Konzern-Kaffee« erreichen.

Westdeutschlands Kaffeetrinkern soll in der Herbst-Kampagne beigebracht werden, daß ausgebeutete und unterdrückte Mittelamerikaner »für unseren Kaffee sterben«. Unter dem Kapitel-Titel »Aktionsideen« regt ein Insider-Papier für Oktober diverse Aktionen an.

So sollen die Kaffee-Kämpfer »Schlösser von K-Filialen schließen« und »prägnante kleine Aufkleber drucken«, die beim Gang durch Supermärkte auf jede Packung »Konzern-Kaffee« geklebt werden sollen. Ein Flugblatt rät dem Kaffee-Trinker, auf Bohnen aus Nicaragua umzusteigen. Zwar sei »Sandino-Dröhnung« etwas teurer als »Jacobs Krönung«, dafür flössen die Gewinne aber denen zu, die den Kaffee anbauen.

Ob die Kaffee-Kampagne tatsächlich eine Verschiebung der Marktanteile bewirkt, ist fraglich. Denn einiges deutet darauf hin, daß nur solche Aktionen Widerhall finden, deren Sinn sich dem Publikum auf Anhieb erschließt.

Zum Fehlschlag geriet zum Beispiel ein im Mai veröffentlichter Aufruf von Greenpeace, nicht mehr bei »Japan Air Lines« zu buchen. Durch »internationalen Druck« sollten die Japaner zu spüren bekommen, daß ihre erbarmungslose Jagd auf Pott- und Zwergwale weltweit auf Unverständnis stoße.

Resultat, so ein Greenpeace-Sprecher: »Da hat sich keiner dran gehalten.« _(Während des Evangelischen Kirchentages ) _(1985 in Düsseldorf. )

Von Nestle und von Firmen mit Nestle-Beteiligung.Evangelisches Missionswerk: »Ausländische Investitionen inSüdafrika. Partner der Apartheid?« 72 Seiten; kostenlos erhältlichbeim Missionswerk, 2000 Hamburg 13, Mittelweg 143.Während des Evangelischen Kirchentages 1985 in Düsseldorf.

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