DEUTSCHE ZEITUNG Schillernde Feder
Mit vorzüglicher Hochachtung« zeichnete Dr. Hans Hellwig, Chefredakteur der in Köln erscheinenden »Deutschen Zeitung« (DZ), in der vorletzten Woche seine Antwort auf einen Leserbrief, obwohl dem Einsender in eben dieser Antwort zum zweiten Male vor aller Öffentlichkeit von der DZ bescheinigt wurde, sie werde ihm die geforderte Achtung auch weiterhin versagen, weil sie ihn für mitschuldig an den jüngsten antisemitischen Ausschreitungen halte.
Der Mann, den Chefredakteur Hellwig derart attackierte, ist Karl Korn, Mitherausgeber der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« (FAZ), in der die DZ ihre schärfste Konkurrenz erblickt. Anlaß der Pressefehde, mit der die DZ Ansehen und Glaubwürdigkeit des renommierten Frankfurter Blattes herabzusetzen trachtet, war ein Kommentar, den Korn unter dem Titel »Die Untat in Köln« zur Schändung der Synagoge geschrieben und in dem er zur Suche nach den moralischen Urhebern des Verbrechens aufgerufen hatte.
Bei der Lektüre dieses Kommentars ("Alle gutmeinenden Menschen sind besorgt") hatte sich ein ungenannter Kommentator der DZ anderer Artikel Korns zum Thema Judentum entsonnen, unter anderem einer Besprechung des antisemitischen Hetzfilms »Jud Süß«, die der heutige FAZ-Herausgeber am 29. September 1940 in der Wochenzeitung »Das Reich« veröffentlichte. So erschien, denn zwei Tage nach der Aufforderung der FAZ, die »moralischen Urheber« der Schandtat von Köln aufzuspüren, eine Glosse in der DZ, in der dem heute so »gutmeinenden« Karl
Korn ausgiebig die Sünden der Vergangenheit vorgehalten wurden.
Zitierte die DZ aus der Kritik des früheren »Reich«-Chef-Feuilletonisten Korn: »Dieses große Filmwerk, das wohl am deutlichsten die gegenwärtige Wende der deutschen Filmkunst zum Ideenfilm bezeichnet, der aus einer politischen Totalsicht konzipiert ist, wird auch über die deutschen Grenzen hinaus um seiner historischen Objektivität willen früher oder später beachtet werden. Man spürt und erkennt aus diesem Film, daß das jüdische Problem in Deutschland innerlich bewältigt ist.«
An das Zitat hatte die »Deutsche Zeitung« den Kommentar geknüpft: »Ein Mann, von dem die 10. Zivilkammer des Landgerichts München am 12. September 1959 feststellte, daß er ein Handlanger des Antisemitismus gewesen sei, daß er seine Feder dem NS -System verkauft habe, daß er weder Gewissen noch Haltung und Charakter besitze*, will andere Leute Mores lehren.
Fürwahr, es ist ein seltsames Spiel, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung hier Böcke zu Gärtnern umzuschulen sucht.«
Korn, der trotz seiner Tätigkeit beim Goebbels-»Reich« stets einer jener Gegner des Nationalsozialismus gewesen sein will, die ihre Kritik in Form von - Eingeweihten verständlichen - Relativsätzen und Andeutungen vorbrächten, fühlte sich durch die DZ-Glosse herausgefordert. In einem von der DZ veröffentlichten Leserbrief ("Haben Sie den Mut, meinen Beitrag zur Glaubwürdigkeit des Journalismus in derselben Zeitung abzudrucken, in der diese Frage gestellt wurde!") brachte er zu seiner Entlastung vor: »Wenn ich 1940 verdeckt schrieb, 'die Judenfrage sei innerlich bewältigt', so war das alles, was ich dawider vorbringen konnte, um zu verhüten, daß man damals mit diesem Film die sogenannte Judenfrage im Volk wieder aufrühren wollte.«
Diese nachträglich ins Positive gekehrte Deutung eines Satzes, der bei Nichtkennern der Kornschen Widerstands-Terminologie im Jahre 1940 zweifellos nur als intellektuell verfeinerte Spielart des offiziell propagierten Antisemitismus gelten konnte, veranlaßte Hellwig zu der Frage: »Hielten Sie Ihre Erwiderung, die Sie einen 'Beitrag zur Glaubwürdigkeit des Journalismus' nennen, für so durchschlagend, daß Mut nötig sei, sie unseren Lesern vorzuenthalten?«
Mit dem in aller Öffentlichkeit ausgetragenen Streit um die Schatten in der Vergangenheit des Karl Korn, in dessen Verlauf die DZ dem Mitherausgeber der FAZ vorwarf, er zähle selbst zu den von ihm gesuchten »moralischen Urhebern« der Kölner Synagogen-Schändung, hat eine seit Monaten währende Fehde zwischen beiden Blättern ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Seit nämlich die DZ nicht mehr zweimal wöchentlich, sondern täglich erscheint, ist sie nicht gerade wählerisch in den Mitteln, mit denen sie gegen die weitaus stärkere »Frankfurter Allgemeine Zeitung« zu Felde zieht.
So hieß es in einer DZ-Personalie über Jürgen Eick, Leiter des Wirtschafts-Ressorts der »Frankfurter Allgemeinen": »Eick, Verfasser nationalökonomischer Bücher, entdeckte in einem seiner Kommentare das ,Gesetz vom sinkenden stilistischen Niveau bei wachsender Vertrautheit mit der Nationalökonomie'. Eick ist ein guter Stilist.«
Und FAZ-Börsenredakteur Heinz Brestel, der die neue Restriktionspolitik des Bundesbank-Präsidenten Blessing zu verteidigen wagte, die in der DZ mit aller Schärfe kritisiert worden war, wurde ebenso hart, wenn auch weniger elegant angegangen: Der Chefredakteur selbst griff zum Schreibrohr, um unter seinem vollen Namen der Vermutung Ausdruck zu geben, »daß er (Brestel) Herrn Blessing, dem Präsidenten der Bundesbank und langjährigen Anteilsinhaber der FAZ, eine Weihnachtsfreude machen wollte«.
Die »besserwisserischer Polemik« abgeneigte, um Moral und Ansehen des deutschen Michel sonst so besorgte »Frankfurter Allgemeine Zeitung« quittierte nicht nur die Attacken gegen Eick und Brestel, sondern auch die Vorwürfe gegen ihren Mitherausgeber Korn mit Schweigen.
* Korn hatte vor dem Landgericht Manchen
eine Einstweilige Verfügung gefordert, um dem J. F. Lehmann Verlag zu untersagen, 16 in den Büchern »Das verlorene Gewissen« und »Die Geister scheiden sich« von Kurt Ziesel aufgestellte Behauptungen und Werturteile über ihn zu verbreiten. Nur in drei Punkten entsprach die Kammer dem Antrag. Korn hat gegen das Urteil Berufung beim Oberlandesgericht in München eingelegt.
Chefredakteur Hellwig
- »Handlanger des Antisemitismus ...
Reichs-Feuilletonist Korn
... will andere Leute Mores lehren«