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RUSSLAND Schillernde Orden

Mit Auszeichnungen für Prominente profiliert sich eine geheimdienstnahe Akademie in Moskau. Zu den Dekorierten gehört auch der neue SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck.
aus DER SPIEGEL 47/2005

Der Mann in Zivil mit breitkrempigem Hut und langem, dunklem Mantel wirkt auf den ersten Blick fremd zwischen den Uniformierten, die ihn am Kontrollposten eines Moskauer Militärobjekts erwarten. Doch der dandyhafte Stanislaw Lekarjew, 70, kennt seinen Weg. Er klappt nur kurz seinen Dienstausweis auf und passiert die Sperre.

Lekarjews Waffen sind Charme, gutes Englisch und geschliffene Manieren. Eine Stahltreppe ins zweite Geschoss eines Armeegebäudes am Komsomolski-Prospekt führt den Generalleutnant a. D. der Auslandsaufklärung zu seinem Kampfposten.

Dort residiert hinter einer schmucklosen Stahltür die »Akademie für Probleme der Sicherheit, Verteidigung und Rechtsordnung«, als deren Vize der vitale Senior amtiert. Die Akademie trainiert Kämpfer an der unsichtbaren Front. Mal referiert Lekarjew vor Militäraufklärern im Generalstab über internationalen Terrorismus, mal vor Spionen in spe über die Schliche westlicher Geheimdienste.

Damit kennt sich der alte Herr, den Kameraden auf dem Flur respektvoll mit »Sir« anreden, bestens aus: In den sechziger und siebziger Jahren hat Lekarjew unter diplomatischer Tarnkappe in London für die Sowjetunion spioniert. Dabei brachte es der Absolvent der KGB-Hochschule sogar bis in den Königlichen Tennisclub - »ein vorzüglicher Zugang zu interessanten Quellen«, schwärmt der anglophile Altspion.

Gegründet wurde die Sicherheitsakademie am 31. August 2000, im ersten Jahr der Präsidentschaft des Ex-Auslandsaufklärers Wladimir Putin. Seither liefert der Think-Tank von Alt-Geheimdienstlern vertrauliche Expertisen für dessen Sicherheitsrat.

Die Akademie versteht sich als »gesellschaftliche Organisation«, als eine Art Agenten-NGO, doch mit staatlichem Segen. So zahlt der Fiskus die Miete auf dem Gelände der Moskauer Militär-Universität. Größen der Staatsduma und Premierminister Michail Fradkow ließen sich für die Fotogalerie gemeinsam mit Wiktor Schewtschenko, 61, ablichten.

Der ist Präsident der Akademie, war einst Leiter der KGB-Spionageabwehr bei den Strategischen Raketentruppen und bis vor fünf Jahren in der Zentrale des Inlandsgeheimdienstes FSB tätig. Faktisch untersteht ihm nun ein Ableger der konspirativen FSB-Akademie am Mitschurinski-Prospekt.

Die Kaderschmiede, hervorgegangen aus der 1921 gegründeten Schule der bolschewistischen Geheimpolizei Tscheka, bildet Agenten aus Russland und der GUS für weltweite Einsätze aus. An zehn Fakultäten lehren hundert Professoren Novizen das Spionagehandwerk. Der Studienstoff reicht vom Umgang mit Geheimtinte über Tschetschenisch-Sprachkurse bis zu Übungen im Skifahren und Nahkampf - hilfreich etwa für Spezialeinsätze im Kaukasus.

Die kleine Schwesterakademie, in der Dandy Lekarjew doziert, bietet ein bescheideneres Spektrum. Beliebt bei Geheimdienstlern sind vor allem seine Kurse über »Wirtschaftssicherheit«. Da lernen Aspiranten Hilfreiches für die Zeit nach dem Ausscheiden aus dem Dienst: wie man ein Security-Unternehmen gründet, einen Firmensicherheitsdienst aufbaut und die Konkurrenz ausspäht. Den Weg in die Marktwirtschaft weist den Kameraden zudem eine »Immobilien-Akademie« im Hause, mit einem Büro gleich neben der Kantine.

Auch für Fragen von globaler Bedeutung ist die Späherschule gut aufgestellt: Sie verleiht Auszeichnungen wie den achtzackigen Orden »Peter der Große« für Verdienste um den russischen Staat auch an Ausländer. Zu den Geehrten gehören Markus Wolf, Ex-Chef der Hauptverwaltung Aufklärung der DDR-Staatssicherheit, Prinzessin Maja von Hohenzollern, Weißrusslands autoritärer Staatschef Alexander Lukaschenko sowie Nordkoreas bizarrer Diktator Kim Jong Il.

Und, seit kurzem: Matthias Platzeck. Als brandenburgischer Ministerpräsident erhielt Platzeck den Orden am 22. Juni in der russischen Botschaft in Berlin Unter den Linden, für sein Engagement anlässlich des 60. Jahrestags der Befreiung Europas von der Nazi-Herrschaft.

Die Akademiespitze hatte die Ordensverleihung getreu der alten Tschekisten-Maxime, nichts dem Zufall zu überlassen, mit Putins Präsidialadministration abgestimmt. Dass der Geehrte aus Potsdam keine fünf Monate später die Führung der ältesten deutschen Volkspartei, der SPD, übernehmen würde, war damals noch nicht abzusehen.

Nicht für gewöhnliche Sterbliche zumindest. Stanislaw Lekarjew hingegen, der »Sir« und Generalleutnant a. D., lächelt zufrieden in seinem Büro in der Akademie und sagt: »Ein bisschen Weitblick, was perspektivreiche Politiker angeht, kann doch nicht schaden, oder?« UWE KLUSSMANN

Uwe Klussmann
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