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Bosnien Schillernder Kasagic

aus DER SPIEGEL 21/1996

Als Alternative zum steckbrieflich gesuchten Radovan Karadzic setzt der Westen nun auf Rajko Kasagic, den Regierungschef der bosnischen Serben. Nato-Generäle, Uno-Vermittler und Abgesandte der Europäischen Union gaben sich am Mittwoch in seiner Residenz die Klinke in die Hand. Der spanische Nato-Generalsekretär Javier Solana pries Kasagic bei seinem Besuch in Banja Luka als »Garanten für die Umsetzung des Friedensvertrags von Dayton«. Chefkoordinator Carl Bildt bezeichnete den ehemaligen Polizeiinspektor als »pragmatischen Politiker, mit dem sich eine friedliche Nachkriegsordnung aufbauen« lasse. Die Westler unterstützen Kasagic bei dessen Versuch, Karadzic politisch ins Abseits zu drängen. Übersehen wird dabei die schillernde Vergangenheit des Juristen Kasagic. Als jahrelangem Mitstreiter des Serbenführers Karadzic wird ihm die systematische Vertreibung der nichtserbischen Bevölkerung um Banja Luka zur Last gelegt. Bosnische Regierungsvertreter werfen dem Verfechter der großserbischen Idee eine aktive Rolle bei der Internierung Tausender Moslems und Kroaten in den Lagern Prijedor und Omarska vor. Vorbeugend ließ Kasagic deshalb die Unterhändler wissen, er werde alle Details des Dayton-Abkommens erfüllen. Vom Kriegsverbrechertribunal in Den Haag will Kasagic jedoch nichts wissen: »Jedes Volk soll unter sich ausmachen, wie es mit den begangenen Kriegsverbrechen umgehen will.«

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