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ZEITGESCHICHTE Schillerndes Ungeheuer

Ein deutscher Zeitgeschichtler löste in Großbritannien Streit um den Bombenkrieg der Alliierten aus. War Churchills Forderung nach vernichtenden Angriffen ein Kriegsverbrechen?
aus DER SPIEGEL 49/2002

Tagein, tagaus muss der Berliner Historiker Jörg Friedrich derzeit britischen Medien Interviews geben. Und jedes Mal kommt der Punkt, an dem der Fragesteller im Ton der Entrüstung einen Vorwurf loswird: »Wie kommen Sie eigentlich dazu, Winston Churchill als Kriegsverbrecher zu beschreiben?«

Friedrich muss dann stets erklären, dass er mit seinem vorigen Monat erschienenen Buch »Der Brand« erstmals eine umfassende Darstellung des Bombenkrieges der Alliierten gegen Deutschland in den Jahren 1940 bis 1945 vorlegen wollte, in der die Erfahrungen der Opfer im Mittelpunkt stehen*. Ein Urteil über Churchill habe er gar nicht fällen wollen. Allerdings fügt er dann meist noch ein wenig schnippisch hinzu: »Er kann schon deshalb kein Kriegsverbrecher im juristischen Sinne sein, weil Sieger, auch wenn sie Kriegsverbrechen begangen haben, nicht dafür angeklagt werden.«

Solche Töne hören die Briten gar nicht gern, schließlich wurde der Kriegspremier Sir Winston Churchill gerade vom Millionenpublikum einer BBC-Fernsehreihe zum »Größten Briten« aller Zeiten gewählt. Und von einem Deutschen wollen sich

Engländer schon längst nicht vorrechnen lassen, dass ihr Nationalheld »Winnie« für den Bombentod von schätzungsweise einer halben Million deutscher Zivilisten verantwortlich ist.

Mit seinem brillant geschriebenen, packenden Buch geriet der Privatgelehrte Friedrich vor allem in Großbritannien auf vermintes Gelände. Denn die meisten Engländer verklären die Rolle ihrer Nation im Kampf gegen Hitler zu einem fleckenlosen Heldenepos und haben auch 57 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs kein unbefangenes Verhältnis zu den Deutschen gefunden. »Das letzte gesellschaftlich akzeptierte Vorurteil«, konstatierte unlängst der liberale »Guardian«, »sind antideutsche Gefühle.«

Schon bald nachdem in Deutschland die »Bild«-Zeitung Friedrichs Buch in einer Serie auszugsweise nachdruckte, schlugen Londoner Zeitungen Alarm: Als »noch nie da gewesenen Angriff auf die Kriegsführung der Alliierten« geißelte der »Daily Telegraph« die Studie.

In der konservativen »Daily Mail« schäumte der Historiker Correlli Barnett, Friedrich habe sich dem »Haufen gefährlicher Revisionisten« angeschlossen und versuche, eine »moralische Gleichwertigkeit zwischen Churchills Unterstützung für die Flächenbombardements und den unsäglichen Verbrechen« der Nazis zu konstruieren. Das sei »niederträchtiger und gefährlicher Unsinn«. Auch die populäre Labour-Politikerin Mo Mowlam verteidigte Churchill: »Er musste ein Ungeheuer sein, um das Land, das er liebte, vor Hitler zu retten.«

Welch ein schillerndes Ungeheuer Churchill war, ist in Friedrichs Buch detailliert dokumentiert. So forderte der charismatische Regierungschef anfangs von seinen Kriegsplanern »vernichtende« Angriffe gegen deutsche Städte. Als er aber später Filme der brennenden Städte sah, fragte er sich eher kleinlaut: »Sind wir Bestien? Gehen wir zu weit?«

Akribisch hat Friedrich die von den britischen und später auch amerikanischen Bombern entfachten Flächenbrände rekonstruiert, die ihren Höhepunkt erst im letzten Kriegsjahr erreichten. Von Januar bis Mai 1945 töteten alliierte Bomber im Tagesschnitt über 1000 deutsche Zivilisten. Kriegsentscheidend waren diese Angriffe längst nicht mehr - Vergeltungs- und Strafmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung, urteilt Friedrich.

In Großbritannien ruft das Buch nicht zuletzt so viel Empörung hervor, weil viele Engländer - weniger die Schotten, Waliser und Nordiren - sich nach wie vor geradezu obsessiv mit dem Zweiten Weltkrieg und Hitler beschäftigen. Antony Beevor, dessen Buch »Berlin: The Downfall 1945« gerade monatelang die britischen Bestsellerlisten anführte und mehr als 160 000-mal verkauft wurde, diagnostiziert dabei eine generationsspezifische Fixierung.

Die Kriegsgeneration konnte es demnach schwer ertragen, dass die westdeutsche Republik schon 14 Jahre nach Kriegsende Großbritannien wirtschaftlich überholte. Die Briten hatten den Krieg gewonnen, aber im Frieden verloren. Sie romantisierten ihre Kriegshelden und überzeichneten - wie Amerikaner und Franzosen auch - ihre eigene Rolle im Kampf gegen Hitler. Es dauerte lange, bis sie etwa die immensen Opfer der Sowjetarmee zur Kenntnis nahmen. Der amerikanische Beitrag zum gemeinsamen Sieg wird auf der Insel bis heute unterschätzt.

Bei denen, die den »Blitz« gegen London und die Luftangriffe auf andere Städte - insgesamt starben etwa 60 000 Briten im Bombeninferno der Deutschen - nicht mehr selbst erlebt haben, schufen Comics, Fernsehserien und Filme ein bizarres Feindbild. Stets brüllen da Nazi-Schergen »Marsch«, »Achtung« oder »Jawohl mein Führer« - Vokabeln, die verlässlich auf den Sportseiten der Boulevardblätter auftauchen, sobald deutsche und englische Fußballer gegeneinander antreten.

Schon allein wegen der anhaltenden Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg haben die Briten den Luftkrieg gegen Deutschland sehr viel ausführlicher diskutiert als die Deutschen selbst, die ihn lange verdrängt hatten. Schließlich waren die britischen Bombenangriffe bis zur Landung der Alliierten in der Normandie ihr wichtigster Beitrag zum Krieg. Die Aufwendungen für die Royal Air Force machten rund die Hälfte der britischen Kriegskosten aus. 44 Prozent der Bomberbesatzungen kamen bei den Einsätzen über Deutschland ums Leben.

Und schon während des Kriegs wurden die beiden Fragen intensiv diskutiert, die Friedrich mit seinem Buch wieder aufgeworfen hat: Welchen militärischen Nutzen haben Flächenbombardements, und sind sie ethisch zu rechtfertigen?

Der Bischof von Chichester, George Bell, attackierte im Februar 1944 im Oberhaus Churchills Regierung »wegen ihrer Politik der Bombardierung feindlicher Städte im gegenwärtigen Umfang, besonders von Zivilisten«. Es müsse, forderte der Kirchenmann, »eine Verhältnismäßigkeit zwischen den eingesetzten Mitteln und dem erreichten Zweck bestehen«.

»Bomben ist nicht besonders unmenschlich«, argumentierte dagegen der sozialistische Schriftsteller George Orwell. Krieg sei unmenschlich, »und das bombende Flugzeug, das verwendet wird, um Industrie und Verkehr zu lähmen, ist eine relativ zivilisierte Waffe«.

Gleichwohl äußerte Churchill regelmäßig Zweifel an der Wirksamkeit der von Luftmarschall Arthur Harris, Spitzname »Bomber Harris«, geplanten Bombardements. Doch mangels Alternativen und unter dem beständigen Druck Stalins, eine »Zweite Front« im Westen zu eröffnen, durfte Harris seine und amerikanische Flieger weiterhin über den Kanal schicken, um insgesamt 161 deutsche Städte systematisch zu verwüsten. Erst nach der Zerstörung Dresdens im Februar 1945 distanzierte sich Churchill vorsichtig von den »Terrormaßnahmen« der Royal Air Force.

Sir Arthur Harris dräut heute in Bronze gegossen im Zentrum Londons. Der Bomber-Stratege war nach dem Krieg, im Gegensatz zu anderen prominenten Generälen, nicht zum Lord ernannt worden und verbittert ausgewandert. Als die Queen Mother, welche die Deutschen gern »Hunnen« nannte, das Denkmal 1992 enthüllte und Harris als »inspirierenden Führer« pries, protestierten Hunderte von Pazifisten lautstark gegen die königliche Würdigung des »Massenmörders«.

»Natürlich ist eine Strategie, der 75 000 Kinder zum Opfer fielen, moralisch verstörend«, sagt auch der Oxforder Historiker Adrian Gregory. Selbstkritisch attestiert er zudem seinen britischen Kollegen, »dass sie zwar intensiv über den Bombenkrieg geforscht haben«, aber ihr Interesse gewöhnlich an dem Punkt endete, »an dem die Flugzeuge ihre Bomben abgeworfen hatten«.

Friedrich habe vor diesem Hintergrund die umfassende britische Historiografie des Luftkrieges um einen wichtigen Blickwinkel ergänzt. Gregory hält allerdings auch die deutsche Bodenperspektive für nicht ungefährlich. »Wenn die Deutschen sich jetzt in einen Opferkult flüchten würden«, warnt er, »wäre das fatal.« MICHAEL SONTHEIMER

* Jörg Friedrich: »Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940 -1945«. Propyläen Verlag, 2002; 592 Seiten; 25 Euro.* Nach einem deutschen Luftangriff auf den Buckingham- Palastam 10. September 1940.

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