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Briefe

Schindluder getrieben
aus DER SPIEGEL 43/1977

Schindluder getrieben

(Nr. 41, 42/1977, SPIEGEL-Titel und Serie: Die Sympathisanten)

Während ich versuchte, erste Ansätze zu einem Leserbrief zu entwickeln, kam ich ins Stocken. Mir wurde bewußt, daß gerade durch die angefachte Sympathisanten-Hysterie der Eindruck entstehen könnte, es handele sich bei dem Schreibenden dieses Briefes um einen Sympathisanten des Sympathisanten und damit um einen Terroristen. Entmutigt lege ich den Stift beiseite.

Frankfurt KURT ULBRICH

Ich muß Ihnen ehrlich gestehen, daß ich es mir sehr lange überlegt habe, ob ich einen Leserbrief schreiben soll oder nicht. Da ich jetzt von einigen Leuten als Sympathisant oder Terrorist bezeichnet werden könnte ...

Stuttgart KLAUS BLUM

Vielen Dank für Ihren Bericht zum Thema »Sympathisanten« -- ein Wort, mit dem in den letzten Monaten auf so infame Art und Weise Schindluder getrieben wird. Dies schreibt Ihnen ein Nicht-Sympathisant! Oder etwa doch einer?

Düsseldorf RALF KAUFELDT

22 Jahre

Ich wohne in einer kleinen Stadt, welche sich gerne mit dem Etikett »Stadt der Toleranz« schmückt. Das sieht dann so aus: Die meisten rufen nach Standrecht, Folter und anderen demokratischen Black-outs. Ich, überzeugter Liberaler im Sinne eines Flach, einer Frau Schuchard und eines Friedrich Naumann werde, wenn ich dagegen rede, als Sympathisant abgestempelt.

Friedrichstadt (schlesw.-Holst.)

V-LUDWIG STROPP, JR.

Biermann, Degenhardt, Kreisler, Küppers, Hüsch, Wecker, Wader betrieben politische Agitation in musikalisch teils hochwertiger, eingängiger, deshalb gefährlicher Verkleidung.

München RENATE HÖNIK

Ich bin Sympathisant des 1. FC Köln. Da ich aber die Personalakten der einzelnen Spieler nicht kenne, gerate ich möglicherweise im Verlauf der geistigen Auseinandersetzung mit dem Terrorismus in den Dunstkreis. Müssen Sie mir einen Vereinswechsel empfehlen?

München PETER SANDER

Es ist schon schlimm genug, wenn auf offener Straße vier Menschen erschossen werden und ein fünfter entführt wird, doch so richtig makaber wird es erst, wenn alle möglichen Leute und Gruppen die Spielregeln des Sumpfes akzeptieren, wo mit Dreck geworfen wird und man sich mit Persilscheinen zu wehren hat.

Köln MICHAEL ZIMMERMANN

Seit Buback, Ponto und Schleyer und den daraus resultierenden gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, sehe ich mich in einer Situation, in der ich sagen muß: Ich bin ein Sympathisant! Und das, obwohl sich meine politische und allgemeine Weltanschauung seit Jahren nicht geändert hat.

Hamburg HUBERT GOSCH

Maler und Graphiker

Wenn Sie nichts weiter können, als CDU-Repräsentanten, aber auch andere an den Pranger zu stellen, die für Recht und Ordnung eintreten, dann muß Ihre Zeitschrift in die Reihe der Vertreter eingereiht werden, die die totale Freiheit und damit den »Nachtwächterstaat« wollen. Sie rücken dadurch sehr nah an die von Ihnen so sehr verteidigten Sympathisanten wie Böll und die evangelischen Theologen heran.

Braunschweig JOACHIM CLEMENS Allgemeiner Arbeitgeberverband Braunschweig e. V.

Anbei sende ich Ihnen die letzte Postwurfsendung der Jungen Union Lüneburg. Zitat: »Mit Samthandschuhen können wir dem Terrorismus nicht begegnen. Sympathisanten gehören auf die Anklagebank.«

Lüneburg H.D. ZEUSCHNER

Wenn Böll sagt, er habe 150 000 Zeilen geschrieben; da sei das Zitieren von anderthalb Zeilen eine »Denunziation«, so st dies zwar in Bölls Argumentationskontext akzeptabel. Doch muß er sich wohl fragen lassen, ob es für die Sache, die er vertritt, nicht besser wäre, dann weniger zu schreiben und statt dessen qualifizierter zu formulieren.

Marburg PROF. DR. THEO HERRMANN

Ich habe lange gezögert dies niederzuschreiben, aber auch ich habe zu lange nein Maul gehalten und habe schön gemacht, damit keiner mit Fingern auf mich zeigt. Was aber nützt das Schweigen. Hiermit drücke ich meine Hochachtung vor Brandt, Böll, Graß, Gollwitzer, Scharf, Albertz, dem SPIEGEL md all jenen aus, die auch in Zukunft ihre Schnauze nicht halten, und auch nicht auswandern, wenn Strauß, Filbinger & Co. die Regierung übernehmen sollten.

Augsburg RAINER GULELEISCH-MEBES

Arbeiter

Mir, die Unterzeichner dieser Erkläung, bekunden hiermit in aller Offenheit, daß wir Sympathisanten sind von: Frau Luise Rinser und den Herren Böll, Jens, Graß, Gollwitzer, Albertz md allen in diesem Zusammenhang »on der Rechts-Presse Verfolgten und Diffamierten.

Straubing (Bayern) ROBERT KOCH / KAROLY MATEYKA / HEINZ RIPPL / KARL HÖNING / REINHOLD MÖDERL / KOSTIUK ERWIN

Der Viersener CDU-Ratsherr Dr. Zevels, ehemals Oberbürgermeister, Träger des Ehrenringes der Stadt Viersen, bezeichnete Kinder, die mit ihren Fahrrädern durch die Fußgängerzone fuhren, öffentlich als zukünftige Terroristen. Trotz eines Entrüstungssturmes in der lokalen Presse stellte sich seine Partei vor ihn.

Vierten (Nrdrh.-Westf.) PETER KRATZ

Wo diese Schraube ohne Ende hinführt, daran mag ich gar nicht denken. Bielefeld CLAUS MINGST

noch kein Sympathisant

Wenn Sie »links-rechts«-Schablonen verwenden, dann möchte ich Ihnen bestätigen, daß ich mich mit dem Etikett »linker Abgeordneter« sehr wohl fühle und als solcher für das Kontaktsperrengesetz gestimmt habe. Bei der von Ihnen angesprochenen, sehr engagierten Unterhaltung mit »rechts«-ettikettierten Fraktionskollegen sind böse Worte gefallen. An die Beschimpfung »Schwein« kann ich mich nicht erinnern.

Bonn DR. DIETER SPÖRI

MdB/SPD

Dieser Staat kann froh sein, daß die Tag für Tag erzeugte Angst vielfach mittels Alkohol, Psychopharmaka, Rauschgift und Selbstmord abreagiert wird.

Baesweiler (Nrdrh.-Westf.) H. J. FROST

Brennt Böll? Lodern wieder die Bücher von Arnold Zweig? Unsere Nasen kräuseln sich: Es riecht wieder nach Pogrom.

Die Main-Kosaken kommen! McCarthy rides again. Entfesselt, losgelassen hat er Seine fünf neuen apokalyptischen Hunde: Hetze, Hysterie, Rufmord, Feigheit, Verrat.

Szene heißt heute, was früher die Entarteten, die Volksschädlinge genannt wurden, unter McCarthy waren es die Opfer des Ausschusses für un-American Activities, in der DDR gibt es eine reiche Palette solcher Zielscheiben. Wir alle sind mitschuldig: wir verdienen nur soviel Recht, wie wir ertrotzen können. In Nordrhein-Westfalen hat Innenminister Hirsch die Jagdszene eröffnet, das Befa-Treiben auf alle und jede, die von ihrem Recht Gebrauch machen, sich unter freiem Himmel zu versammeln und Gefahr abzuwenden von unserem Gemeinwesen, so wie sie es für richtig erachten. Kontakt-Beobachter für Nachbarschaften sollen eingerichtet werden.

Die Abweichler in Bonn werden gesteinigt, waren Jesus und Luther nicht auch Abweichler!

Hamburg ERICH KROHN Vorsitzender der Aktion Schwarz-Rot-Gold e. V. Wähler für die FDP

Zum Glück haben wir noch Strauß im Land, sonst könnte einem Angst werden bei dem Gedanken, daß diese Zeitgenossen eines Tages unseren Staat alleine führen. Ich bleibe bei meiner Meinung, daß das Problem einfach zu lösen ist: jagen, fangen und erschlagen.

Oberhausen (Nrdrh-Westf.) EDWIN RADZAK

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