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BONN / PARIS-BESUCH Schinken für den Täter

aus DER SPIEGEL 8/1968

Brot für den Herrn Vizekanzler!« gebot Charles de Gaulle. »Haben Sie noch genug Schinken, Herr Vizekanzler?« sorgte er sich.

Deutschlands Vizekanzler ließ sich von Frankreichs Staatschef verpflegen. De Gaulle wollte Ravensburg vergessen machen. Brandt kaute und schien vergessen zu haben.

Vor zwei Wochen noch hatte de Gaulle zwei deutsche Minister von seiner Tafel verstoßen und den deutschen Vizekanzler der Majestätsbeleidigung angeklagt. Jetzt tröpfelte Minister auf Minister in den Elysée-Palast, und de Gaulle schritt mit ausgebreiteten Armen auf den Ravensburger Täter zu. Aber er erwähnte den Eklat mit keinem Wort.

Sein Außenminister Couve de Murville bedauerte, er habe leider erst hinterher erfahren, welche Pannen da passiert seien: »Das war ja schrecklich.« Der Schuldige wurde lokalisiert. Couve: »Ihre Leute waren aber auch zu tölpelhaft« ("clumsy"). Couve und Brandt sprachen wie üblich englisch, doch der Deutsche lernt jetzt das Idiom des Generals.

Beim ersten Gespräch unter vier Augen -- das zweieinviertel Stunden dauerte -- bedrängte Kanzler Kiesinger den General: Die deutsche Delegation (acht Minister, sechs Staatssekretäre, insgesamt 90 Personen) könne nicht mit leeren Händen nach Bonn zurückkehren. Wenn die Franzosen weiterhin jedes Vorgespräch mit dem EWG-Kandidaten England ablehnten, werde die deutsche Öffentlichkeit dafür kein Verständnis haben; die deutsch-französische Freundschaft und der Gemeinsame Markt seien dann ernstlich gefährdet.

De Gaulle beschwichtigte den Deutschen: Es gebe durchaus handelspolitische Möglichkeiten. Premier Pompidou werde sie nach Tisch erläutern.

Nach Tisch lauschten de Gaulle, Kiesinger, Couve und Brandt einer handelspolitischen Vorlesung des früheren Rothschild-Generaldirektors Pompidou. Der Franzose rasselte Listen mit Warengruppen herunter, für die der Zollsatz zwischen EWG und EWG-Aspiranten ermäßigt werden könne. Selbst landwirtschaftliche Produkte

* Kanzler Kiesinger (l.), Außenminister Brandt (r.), Familienminister Reck (2. v. r.), Forschungsminister Stoltenberg.

könnten einbezogen werden. Freilich müßten derartige »Arrangements« mit dem internationalen Zoll- und Handelsabkommen (Gatt) übereinstimmen.

De Gaulle selbst schob das Pompidou-Bedenken beiseite: Die Amerikaner handelten beim Export ihrer Autos nach Kanada auch nicht Gattkonform. Notfalls könne man die Arrangements als Freihandelszone deklarieren (in der keine Gatt-Bestimmungen gelten) oder aber diese Bestimmungen mit der Erklärung unterlaufen, die Arrangements seien »im Hinblick auf eine Erweiterung der Gemeinschaft« getroffen.

De Gaulle selbst, so freuten sich die Deutschen, argumentierte also im Sinne einer größeren EWG -- gegen seinen eigenen Premierminister. Das schien neu zu sein. De Gaulle erlaubte es den Deutschen sogar, sich über die weiteren Einzelheiten der Arrangements Gedanken zu machen und sich die undankbare Vermittlerrolle zu den Briten aufzubürden.

Denn bisher verlangte England stets, nur als Vollmitglied und sofort in die EWG aufgenommen zu werden. Jede Art von »Arrangements« lehnte es ab.

Gleichwohl glaubt Willy Brandt, seine Labour-Genossen für diesen Plan gewinnen zu können auf dem sozialistischen Dienstweg. Er nahm sich vor, Schwedens Regierungschef Erlander per Telephon zu bitten: »Du, Tage, ruf mal den Wilson an und erklär ihm, was das für euch bedeutet!«

Brandts Kalkül: Wenn England das Angebot ausschlägt, schließen die Skandinavier alleine Arrangements mit der EWG ab.

Selbst wenn aber die Engländer Arrangements annehmen würden -- einer Mitgliedschaft im Gemeinsamen Markt kämen sie damit keinen Schritt näher. Im Fünfergespräch am Donnerstagnachmittag stellte de Gaulle klar: Seine (von Bonn mißbilligten) Vorbedingungen für Aufnahmegespräche mit England haben sich nicht im geringsten gemildert. Die Deutschen erfuhren »noch einmal, England müsse zuvor

> seine Wirtschaft auf EWG-Niveau bringen und

> alle Verbindungen mit den USA kappen.

Die sechs EWG-Länder müssen laut de Gaulle versuchen, sich eine gemeinsame politische Ansicht über die EWG-Aspiranten zu erarbeiten -- ein mühevoller, wenn nicht unendlich langer und aussichtsloser Prozeß.

Der General gab sich auch hier entgegenkommend: Er gestattete seinem Außenminister, sich am 29. Februar mit den fünf EWG-Partnern in Brüssel an den Tisch zu setzen, um die Meinungsbildung zu beginnen.

Zweimal hatten die Außenminister der Fünf ohne de Gaulles Couve im Brüsseler Hotel »Amigo« für England konspiriert. De Gaulles Ravensburg-Groll gegen Brandt war eine Reaktion darauf. Jetzt, in Paris, sagten die Franzosen zu, das für Couve auf gelegte Gedeck am 29. Februar zu akzeptieren.

Dies schien den Deutschen fast ein Sieg über de Gaulle zu sein -- entgegen allen Voraussagen der eigenen Botschaft in Paris. Sie hatte noch kurz zuvor prophezeit: An de Gaulles England-Veto sei nichts zu ändern.

Nun aber schien bewiesen, daß man entgegen allen Behauptungen mit dem Monument de Gaulle reden könne. Kiesinger: »Nun müssen wir abwarten, ob die Engländer bei ihrem Alles oder Nichts bleiben.« Brandt: »Jetzt sind die Dinge in Bewegung gekommen.« Brandt-Staatssekretär Duckwitz: »Das ist aktive deutsche Außenpolitik.« Einen Tag später, am Freitag, resümierte Brandt: »Die Kuh ist vom Eis.«

In ihrer ersten Euphorie fanden die Deutschen den alten französischen General auch körperlich wieder ganz passabel. Brandt: »Er erkennt bei Tisch sogar Gäste, die weit entfernt sind.«

Tatsächlich: Frankreichs Staatschef identifizierte sogar Deutschlands Entwicklungshilfeminister Hans-Jürgen Wischnewski. »Ach«, sagte er, »da sitzt ja auch Monsieur Wyschinsky!«

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