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Briefe

SCHLACHTENBILD
aus DER SPIEGEL 13/1966

SCHLACHTENBILD

Ihr ausgezeichneter Bericht über die Hölle von Verdun 1916 hat auch mich noch einmal dorthin gebracht. Mit Paulus, Manstein, de Gaulle, Guderian, Brauchitsch, Marc und Maginot war auch ich dabei - als Ballonbeobachter der preußischen Luftschifferabteilung 32. Beaumont, Douaumont, Fort Vaux, Thiaumont, Fleury, Souville und dahinter die Silhouette von Verdun sehe ich jetzt mit geschlossenen Augen ebenso nahe und deutlich wie damals vor fünfzig Jahren mit offenen Augen und meinem Zeissglas aus meinem Ballonkorb. So nahe unter der mentalen Epidermis blieb die Erinnerung ...

Fort Douaumont war gefallen. Aus Stenay kam der Befehl zum Sturm auf Fort Vaux. An unserer Erdstation in der Ferme Soumazannes, die am Anmarschweg auf Vaux durch die »Todesschlucht« liegt, zieht gegen acht Uhr morgens ein frisches Infanteriebataillon vorbei, macht kurze Rast, geführt von einem Major hochadligen Namens und geradezu das Bild von einem inspirierenden Truppenführer. Kaum drei Stunden später wird er als irrsinnig lallende Gestalt, blutig, in zerfetzter Uniform, unter den Armen von zwei ebenso verschmierten Gestalten geschleift, unter das Wellblechdach unserer Erdstation gelegt; der von uns aus der Luft beobachtete Feuerüberfall auf die Todesschlucht muß gerade sein Bataillon getroffen haben: »Das ist das größte Verbrechen der Menschheit!«, lallt er, erst immerfort, und plötzlich schreit er es laut und klar artikuliert dröhnend heraus, immer wieder und immer lauter: »Das ist das größte Verbrechen der Menschheit! Ich gehe jetzt nach Stenay und werde diesen Etappenhengsten sagen, das ...« Einer von uns jungen Leutnants gießt einen zinkenen Feldbecher voll mit Cognac und hält ihn dem Major an die Lippen - Gott sei Dank trinkt er in einem oder zwei vollen Zügen und wird fast unmittelbar danach ruhig und bewußtlos, so daß es nicht zu seinem beabsichtigten Gang nach dem kronprinzlichen Armeehauptquartier in Stenay mehr kommt ...

Bonn DR. JUR. ET RER. POL. WALTER FUCHS

Generalkonsul a. D.

Oberleutnant d. R. a. D.

Da ich den Ersten Weltkrieg und somit auch die Schlacht bei Verdun mitgemacht habe (als Batterieführer einer Feldbatterie), las ich natürlich Ihren kurzen, aber sehr guten Bericht mit besonderem Interesse. Erstaunt hat mich nur, daß auch der SPIEGEL vergessen hat, neben Hindenburg den Namen Ludendorff zu nennen. Damals, 1916, wußte nämlich schon jeder Frontoffizier (und damit auch seine Frontsoldaten), daß es dem Generalquartiermeister Ludendorff in erster Linie zu danken war, daß diese »Blutsäuferoffensive« vor Verdun endlich abgebrochen wurde. Ludendorff hat ja auch anschließend die verlustesparende bewegliche Verteidigung eingeführt.

München HANS STRECK

In Ihrem Artikel vertreten Sie die Auffassung, dem deutschen Generalstabs -Chef von Falkenhayn sei gar nichts an einer schnellen Eroberung der Festung Verdun gelegen gewesen. Sein wahrer Plan sei vielmehr der gewesen, durch den Angriff auf Verdun immer mehr

französische Truppen zu binden und den Gegner zum Ausbluten zu bringen. Ich selbst bin als junger Artillerieleutnant auf dem rechten Maasufer an dem Aufmarsch, an dem Angriff auf Verdun und an den mörderischen Stellungskämpfen von Februar bis September 1916 beteiligt gewesen.

Ihre Auffassung von dem eingangs genannten Plan des Generals von Falkenhayn, den er nach Ihrer Angabe wohlweislich in der Kenntnis der kaiserlichen Mentalität dem Kronprinzen verschwiegen habe, vermag nicht zu überzeugen. Der Verteidiger einer starken Festung kann einen angreifenden Gegner vor seinen Wällen zum Ausbluten bringen, nicht aber umgekehrt der Angreifer im ungedeckten Gelände den Verteidiger einer auf beherrschender Höhe liegenden Festung.

Eine Festung, noch dazu eine so starke Festung wie Verdun, kann man nach entsprechender Vorbereitung nur im ersten Anlauf nehmen. Gelingt das nicht, und kann der Gegner durch Heranziehen von Verstärkungen - insbesondere von schwerer Artillerie - sich setzen, dann ist das Unternehmen zum Scheitern verurteilt. Der beste Beweis dafür ist der Angriff auf Thiaumont, Fleury und Souville am 23. Juni 1916. Der geringe Geländegewinn entsprach nicht den eingesetzten Mitteln. Der Angriff blieb ohne durchgreifenden Erfolg.

Hamburg WERNER RANZ

Oberst d. Res a. D

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