Zur Ausgabe
Artikel 2 / 93
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Schlachtenlenker am Joystick

aus DER SPIEGEL 4/1991

Das sei nicht sein Ding, sagt General Colin Powell, Generalstabschef der US-Streitkräfte, »nachts herumzusitzen und über die Lektionen aus dem Vietnamkrieg nachzugrübeln«.

Der Dschungelkrieg in Vietnam mit seinen Bombenteppichen und Napalm-Schrecken - das war in den Augen der Golfkrieg-Strategen die letzte Schlacht, die noch nach den Spielregeln und mit den Waffensystemen des Zweiten Weltkriegs ausgefochten wurde. Was sich dagegen, Welle um Welle, am Nachthimmel über dem Irak abspielte, eröffnet eine neue Ära der Kriegführung, für die der Sammelbegriff schon gefunden ist: High-Tech-War.

Nicht mehr von Feuerwalzen und Flächenbombardements ist da die Rede, sondern von »chirurgischen Schnitten« und »intelligenten« Waffensystemen, die nach dem Prinzip »fire and forget« funktionieren; von »pinpoint accuracy« (punktgenauer Treffsicherheit) und »Schlachten-Management in Echtzeit« - Kradmelder und das Kurbeln am Feldtelefon sind so passe wie die Spezies der Meldehunde.

Zum elektronischen Rüstzeug dieser neuen Kriegsmaschinerie gehören Dutzende von erdumkreisenden Satelliten und eine beispiellose Ballung von Kommunikations- und Computertechnik, alles in den letzten vier Jahrzehnten entwickelt, um der zahlenmäßigen Übermacht des Ostblocks Paroli zu bieten. Dazu gehören die wie ungreifbare Schatten dahinhuschenden Stealth-Bomber, die kein Radarauge wahrnimmt.

Und in zwölf Kilometer Höhe über dem elektronischen Kriegsgetümmel ziehen die »fliegenden Feldherrenhügel«, die Kommandostationen vom Typ E-3A »Awacs«; in ihnen sitzen Stabsoffiziere vor Dutzenden von Computer-Konsolen, um den Fortgang der Attacken aus der Luft zu steuern und zu koordinieren - »fast so, als ob sie eine Art tödliches Videospiel vollführen«, wie die International Herald Tribune schrieb.

Fünf Monate lang hatten die alliierten Streitkräfte unter dem Oberbefehl der Amerikaner diesen hochtechnisierten _(* Abschuß vom US-Schlachtschiff ) _("Wisconsin«. ) Waffengang vorbereiten können. Mit Satellitenhilfe wurden Quadratmeter für Quadratmeter irakischer Zielgebiete kartografiert und für die automatischen Anflugsysteme in Marschflugkörpern und Jagdbombern aufbereitet. Mit Spähflugzeugen und Satelliten wurden Standorte und Radarfrequenzen der irakischen Luftabwehr erkundet. Als dann der Angriff rollte, ließen elektronische Verwirrspiele die irakische Luftabwehr erblinden.

Das Satelliten-Navigationssystem GPS der Amerikaner, gestützt auf die Funksignale von 15 Satelliten, machte die Angreifer von Bodensicht und Geländenavigation unabhängig: Bordcomputer steuerten die Flugzeugschwärme bei mondloser Nacht praktisch im Blindflug metergenau zu ihren Zielen. Aus 100 Kilometer Entfernung abgefeuerte »Harm«-Raketen schließlich drehten die Radarabwehr der Angegriffenen gleichsam gegen sich selbst: Auf dem zum Aufspüren anfliegender Feinde ausgesendeten Radarstrahl ritten die Harm-Projektile in die Strahlenquelle, die irakische Radarbatterie, und löschten sie aus.

Im Gegensatz zu den Irakern, die bei schlechten Sichtbedingungen und des Nachts wie gelähmt am Boden saßen, verfügen die Alliierten, zum Beispiel in ihren F-15E-Jagdbombern, über sogenannte Lantirn-Nachtanfluggeräte und hochauflösende Radars (APG-70), die es den Piloten erlauben, Ziele auf 20 Kilometer Entfernung bei Dunkelheit und durch Rauchwolken hindurch mit einer Genauigkeit von 15 bis 30 Metern anzupeilen.

Spezielle Nachtsichtgeräte ("Katzenaugen") ermöglichen es, in klaren Nächten in einem Umkreis von zwölf Kilometern das Terrain wahrzunehmen, als sei lichter Tag; auf diese Weise konnten US-Piloten mit A-6-Erdkampfflugzeugen im nächtlichen Tiefflug Bodenziele ansteuern, von der irakischen Radarabwehr unbemerkt.

Auf einem Bildschirm im Cockpit sehen die F-15E-Piloten eine geographische Karte eingespielt, die ihnen den Weg der geringsten Gefährdung durch irakische Radar- und Flugabwehrstellungen weist. Die Informationen für die entsprechende Software ("improved many on many programs«, Imom) beschafften sich die Amerikaner auf Umwegen beim Feind: Bei den französischen, sowjetischen oder auch deutschen Lieferanten des irakischen Kriegsgeräts zogen sie Erkundigungen über die technischen Einzelheiten ein und fütterten diese, kombiniert mit den Standortangaben ihrer Luftaufklärung, in die Programme.

Fast antiquiert muteten da die achtstrahligen B-52-Bomber an, Veteranen aus dem Vietnamkrieg, auf Archivfotos meist als voluminöse Lastenträger zu sehen, aus deren Abwurfschächten jeweils Dutzende von zentnerschweren Sprengbomben zu Boden taumeln. Diesmal, am Golf, führten sie außer der traditionellen Bombenlast die jüngste Generation von, wie die Kriegstechniker sagen, »smarten« Raketen mit: »Have Nap«-Projektile (Pilotenjargon: »Popeye"), knapp fünf Meter lang, die wahlweise von Fernsehkameras oder Infrarotsensoren ins Ziel gesteuert werden.

Die eingebaute Kamera, in Verbindung mit einer Trägheitsnavigation, erlaubt es, bei Bedarf die Raketen auch von einem Steuerpult im Flugzeug ins Ziel zu lenken; die Waffenoffiziere an Bord der B-52-Bomber, die dieses Geschäft besorgen, finden nichts dabei, für den Steuerhebel die Bezeichnung »Joystick« zu verwenden. Viele der im Golfkrieg erstmals eingesetzten Waffen waren zuvor noch kaum ausgetestet und deshalb von US-Strategen als mögliche Unsicherheitsfaktoren beargwöhnt worden.

Das galt vor allem für jenes Waffensystem, das im Irak die erste Angriffswelle bestritt: 106 Marschflugkörper ("Cruise Missiles") vom Typ Tomahawk waren in der Nacht zum Donnerstag von Schlachtschiffen, Kreuzern und Flugzeugträgern gestartet und auf strategisch besonders wichtige Ziele im Irak gelenkt worden. Die Cruise Missiles, so das Resümee im Pentagon, »verursachten große Schäden, und das bei kleinem oder völlig ohne Risiko für amerikanische Soldaten«. General Powell zeigte sich »höchst erfreut«.

Die Marschflugkörper, elektronisch hochgezüchtete Nachfahren der deutschen Weltkrieg-II-Wunderwaffe »V-1«, erwiesen sich als besonders wirkungsvolle Waffen im ferngesteuerten Krieg. Fünfeinhalb Meter lang, mit einem Höhen- und Seitenruder am hinteren Ende sowie einem zierlichen Turbofan-Triebwerk, das die Lenkwaffe im jetgleichen Flug antreibt, kann jede dieser Waffen mit einem einzigen konventionellen Sprengkopf von 450 Kilogramm ein Beton-Hochhaus zerstören.

Drei verschiedene Lenksysteme helfen den Cruise Missiles über eine Entfernung von rund 1000 Kilometern ins Ziel. Zuerst gibt ein Trägheitsnavigationssystem in Verbindung mit dem Bordcomputer, dem die Start- und Zielkoordinaten eingegeben wurden, die Flugrichtung an.

Sobald die Cruise Missiles das Festland erreichen, übernimmt das Radarsystem »Tercom« ("terrain contour matching") die Mission: Es vergleicht das ständig wechselnde Relief der überflogenen Hügel und Täler mit einem vorher eingespeicherten Radarprofil der Marschflugroute.

Den Endanflug des Projektils, das in Baumwipfelhöhe dahinhuschen und zickzack fliegen kann, lenkt das sogenannte digitale Bilderkennungssystem DSMAC: Eine Kombination aus Kamera und Rechner vergleicht während dieser letzten Flugminuten die überflogene Umgebung mit vorher eingespeisten Bilddaten des Zielgebietes.

Rund 3000 solcher Marschflugkörper hat die U.S. Navy bisher angeschafft, einige hundert wurden letzte Woche in Richtung Irak verfeuert, das Stück zum Preis von einer Million Dollar. »Das kostet ''ne Menge Geld«, meinte am Donnerstag letzter Woche der demokratische US-Senator Sam Nunn, Vorsitzender des amerikanischen Streitkräfte-Ausschusses. »Aber wenn man bedenkt, wie viele kostbare Menschenleben dadurch gerettet werden, sind die Dollar gut investiert.«

* Abschuß vom US-Schlachtschiff »Wisconsin«.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 2 / 93
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.