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Polen Schlafender Vulkan

Gewerkschaftsführer Walesa attackierte den eigenen Regierungschef. An dem Konflikt könnte Solidarnosc zerbrechen.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Der Haussegen hing schon lange schief. Spannungen zwischen dem häufig polternden Solidarnosc-Vorsitzenden und seinen früheren Beratern, die inzwischen in Warschau regieren oder im Sejm Gesetze verabschieden, hatten von Anfang an die polnische Wende begleitet.

Doch nun herrscht »Krieg« zwischen Danzig und Warschau - Gewerkschaftschef Lech Walesa, als Sponti-Redner erprobt, hat ihn selbst verkündet.

Am Sonntag voriger Woche überschüttete der streitsüchtige Arbeiterführer die von ihm verachteten »Eierköpfe« der Regierung mit Vorwürfen: Tadeusz Mazowiecki lasse die Zügel schleifen, treibe die Reformen viel zu zaghaft voran, habe Hemmungen, die letzten Überlebenden der kommunistischen Nomenklatura aus ihren Ämtern zu fegen. »Wenn an der Spitze Ruhe herrscht, gibt es an der Basis Krieg«, drohte Walesa. Polen gleiche einem »schlafenden Vulkan«.

Der Angriff aus den eigenen Reihen traf die Regierung im denkbar ungünstigen Augenblick. Die Rezession der polnischen Wirtschaft, hervorgerufen durch eine rigorose Sparpolitik, vertieft sich, die Zahl der Arbeitslosen steigt. Zwar haben bislang keine Großbetriebe schließen müssen, Massenentlassungen konnten verhindert werden, doch die Talsohle ist noch nicht erreicht.

Unrentable Unternehmen hielten sich durch den Verkauf ihrer Devisenreserven über Wasser und bezahlten auf diese Weise die Löhne ihrer Arbeiter. Aber die Devisenkonten sind jetzt erschöpft, die versprochene Auslandshilfe fließt nur spärlich. In der Bevölkerung breitet sich Depression aus.

Früher hätte eine ähnliche Generalabrechnung durch Walesa wohl zum Volksaufstand geführt. Doch bislang brachte der Kampfaufruf ihres Nationalhelden die Polen nicht auf Trab.

Der Gewerkschaftschef ist angreifbar geworden. In der Solidarnosc-Führung häufen sich die Stimmen, die Walesa lauthals kritisieren, ihm mangelndes demokratisches Bewußtsein und Machtgier vorwerfen. Noch vor wenigen Monaten wären die öffentlichen Beschuldigungen undenkbar gewesen.

Selbst der geistige Beistand und engste Berater Walesas, Pfarrer Henryk Jankowski, übt Kritik an seinem Kampfgefährten. »Der Aufruf zum Krieg war ein schwerer Fehler«, sagt der Priester, der im Pfarrhaus neben der Kirche der Hl. Brygida in Danzig wie ein kleiner Fürst residiert. »Nicht einmal als Diktator würde ich ein solches Wort gebrauchen, weil ich damit tatsächlich einen Krieg heraufbeschwören könnte«, rügt er.

Noch ist Walesa nicht völlig isoliert, sein Kampfgeist findet auch Zustim* Auf dem Solidarnosc-Kongreß in Danzig im April. mung. Wirtschaftsprofessor Stefan Kurowski, Mitglied des Bürgerkomitees der Solidarnosc, ist überzeugt, daß der Gewerkschaftschef recht hat: Mazowiecki sei bereits zum Feind übergelaufen. Der Regierungschef habe sich im Namen »einer falsch verstandenen nationalen Versöhnung« geweigert, die entmachteten Kommunisten zur Verantwortung zu ziehen.

Kurowski fordert, aus dem Bürgerkomitee eine Keimzelle der Opposition gegen die Regierung zu machen. Die Idee gewinnt vor allem bei aktiven Gewerkschaftsmitgliedern neue Anhänger.

Wie ihr Chef stehen sie vor einem unlösbaren Dilemma: Einerseits hat Solidarnosc alle Veränderungen in Polen erst in Gang gebracht, die Regierung Mazowiecki eingesetzt und den schmerzhaften Wirtschaftsreformen von Finanzminister Leszek Balcerowicz zugestimmt. Andererseits will sie eine Gewerkschaftsbewegung sein und als solche die Interessen der Arbeiter schützen.

Walesa kann sich nicht entscheiden, ob er die Regierung unterstützen soll - mit der Gefahr, die Kontrolle über die Gewerkschaftsbewegung zu verlieren und womöglich seine Popularität einzubüßen - oder ob er sich selber an die Spitze der Protestbewegung stellen soll, um etwa zu verhindern, daß andere ihm zuvorkommen.

Der unlösbare Konflikt, der die Gewerkschaft zu zerreißen droht, zwingt Walesa auf einen Schlingerkurs. Seinen Ausfällen gegen das neue Establishment folgen regelmäßig kleinlaute Dementis: Die »Eierköpfe« hätten ihm mal wieder »die Worte im Mund verdreht«.

Mit seinen Attacken will er die Polen aber auch aus der Apathie reißen. Für die bevorstehenden Kommunalwahlen zeigen sie kaum Interesse, so weit geht die Resignation. 40 Jahre kommunistischer Herrschaft haben tiefere Spuren hinterlassen, als die Wendeoptimisten geglaubt hatten.

Die Kommunisten haben ihre Bürger stets am Arbeitsplatz organisiert, wo sie einander kannten. Die neue Ordnung hingegen geht von den Gemeinden aus, Selbstverwaltung aber ist den Polen ein fremder Begriff. Bislang wurde alles durch die Partei geregelt - von der Reinigung der Treppenhäuser bis hin zu Lohnverhandlungen.

Das hat sich geändert. Doch die neuen politischen Strukturen sind noch schwach, die alten aber - und zu denen gehört inzwischen auch der »Hof« in Danzig, wie Walesas Hauptquartier und sein Gefolge genannt werden - verlieren zunehmend an Bedeutung.

»Walesa, der wesentlich dazu beigetragen hat, die Veränderungen herbeizuführen, findet sich plötzlich beinahe außerhalb des Systems wieder«, sagt der Schriftsteller Ryszard Kapuscinski, selber Mitglied des Bürgerkomitees. »Er spürt, daß in Warschau ein neues Establishment entsteht, eine neue Elite, die daran interessiert ist, daß Ruhe herrscht, weil sie ihre Politik machen und auch die eigenen Positionen absichern will.«

Damit kann Walesa sich nicht abfinden. Ihn stört die Ruhe, ihm ist die Elite, in der es für ihn keinen Platz zu geben scheint, ein Dorn im Auge. »Deshalb sucht er«, vermutet Kapuscinski, »krampfhaft nach einem Platz, der groß genug ist für seine Ambitionen.«

Das wäre zweifellos der Fauteuil des Staatspräsidenten. Daß sein Ehrgeiz so weit reicht, hat vor allem die Solidarnosc-Mitglieder in Parlament und Regierung empört - sie können sich Walesa im höchsten Staatsamt schlicht nicht vorstellen.

»Ein starker Präsident müßte klare Konzepte haben. Die aber kann ich bei Walesa wirklich nicht entdecken«, sagt der Wirtschaftsexperte der Solidarnosc im Sejm, Ryszard Bugaj.

Bugaj meint, daß Walesa glaubt, er könne ein zweiter Pilsudski werden. Der polnische Marschall, großer Kriegsheld und Säulenheiliger aller polnischen Patrioten, hatte sein Land 14 Jahre lang bis zu seinem Tode 1935 autoritär geführt.

Bei den beiden sonst so verschiedenen Gestalten entdeckte der Parlamentarier Gemeinsamkeiten: »Pilsudski betrachtete die Demokratie nicht als Wert an sich, sondern als Instrument für seine Ziele. Bei Walesa ist das wohl ähnlich.«

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