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Briefe

SCHLAMM-NACHLESE
aus DER SPIEGEL 24/1960

SCHLAMM-NACHLESE

Ich bin doch ein wenig betroffen über die Reaktionen auf den SPIEGEL-Artikel über Schlamm. Um es gleich zu sagen: Ich bin kein Anhänger der Theorien oder der Forderungen von Schlamm. Ich halte vielmehr das meiste von dem, was er schreibt und redet - alles kenne ich nicht - für problematisch, falsch, ja absurd.

Aber warum muß er nun gleich deswegen des Landes verwiesen werden? Ich weiß, Hitler ließ ausländische Journalisten ausweisen, die gegen ihn schrieben - zum Beispiel Dorothy Thompson -, und inländische sperrte er ein. Und Stalin tat wohl dasselbe, und seine Nachfolger tun es auch. Ich bin dagegen.

Ich möchte allerdings nicht unbedingt bis zu meinem letzten Atemzug für irgendwelche Rechte von William S. Schlamm kämpfen. Im übrigen aber: Welchen Schaden kann ein Schriftsteller oder Zeitkritiker, oder was immer Schlamm sonst ist, anrichten, wenn, wie es ja der Fall zu sein scheint, fast alle gegen das sind, was er predigt?

Scheuren a. d. Forch (Zürich) CURT RIESS

Ich bin Jude, und meine Familie ist seit Generationen im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit; und doch kann ich nichts gegen Schlamm unternehmen.

Offenbach (Main) PROF. DR. MED. H. LEWIN

Die Verhetzung und Verführung der deutschen Jugend zu einem mit amerikanischer »Phraseologie« bemäntelten Neonazismus ist wohl die ärgste Frechheit, die sich jemand nach diesem leidvollen Zweiten Weltkrieg geleistet hat!

Brüssel 5 JEAN ANION

Ihr Artikel über Schlamm erschien mir sehr nützlich. Hingegen verstehe ich nicht, daß Sie bei dieser Gelegenheit dem Abgeordneten zu Guttenberg zum zweitenmal ein Urteil aus dem Jahr 1946 anlasten, das ihm wegen des Ausdrucks »Saujude« eine Buße auferlegte. Dieses Urteil scheint doch die Folge einer Intrige und sogar in der Tatbestandsfeststellung sehr fragwürdig gewesen zu sein, ganz abgesehen davon, daß der Ausdruck auch nach den Aussagen des angeblichen Tatzeugen in einem Gespräch zu Guttenbergs mit dessen Mutter gefallen wäre. Jedenfalls fühle ich mich als intimer Kenner der Bonner politischen Bühne verpflichtet zu erklären, daß ich in vielen Gesprächen feststellen konnte, daß der Abgeordnete zu Guttenberg alles andere als ein Antisemit ist.

Bonn DR. DANIEL ROTH

Bonner Korrespondent der »Basler Nachrichten«

In Ihrem informativen Artikel über Herrn Schlamm bezeichnen Sie dessen Verfassungs-Projekt »So wollen wir Deutschland nach Hitlers Sturz« als »merkwürdig«. Offensichtlich halten Sie es für eine originelle Schöpfung Schlamms. In Wahrheit handelt es sich jedoch um eine partielle Kopie der Leninschen April-Thesen von 1917. Die fünfte dieser Thesen enthält folgende. Bestimmungen:

»Keine parlamentarische Republik, sondern eine Republik ... der Sowjets der Arbeiter-, Landarbeiter- und Bauerndeputierten im ganzen Lande von unten bis oben. Abschaffung der Polizei, der Armee, der Beamtenschaft. Entlohnung aller Beamten, die durchweg wählbar und jederzeit absetzbar sein müssen; nicht über den Durchschnittslohn eines qualifizierten Arbeiters hinaus.« Als Fußnote zu »Abschaffung ... der Armee« fügt Lenin hinzu: »D.h. Ersetzung des stehenden Heeres durch die allgemeine Volksbewaffnung.«

Schlamm weicht von Lenin nur insofern ab, als er den Ausdruck »Republik der Sowjets« vermeidet und zusätzlich den prinzipiellen Verzicht auf den Krieg als

Mittel der Politik und die Abschaffung der Berufsdiplomatie fordert. Ein prinzipieller Pazifismus wurde von den Marxisten-Leninisten immer als gefährliche Abweichung bekämpft, und ein Verzicht auf Berufsdiplomatie vor Eintritt der meisten Staaten der Erde in das »höhere Stadium der kommunistischen Gesellschaft« dürfte jedem theoretisch bewanderten Marxisten als utopische Phantasie erscheinen.

Schlamm war also offensichtlich ein sehr eifriger, aber zugleich ein theoretisch ziemlich schwacher Marxist-Leninist.

Tübingen DR. IRING FETSCHER

Dozent

William S. Schlamms Verhältnis zur »Neuen Weltbühne« wird in der kommunistischen. »Weltbühne« vom 5. August 1959 (deren Herausgeberin die Witwe Carl von Ossietzkys ist) von einem Hermann Budzislawski unter der Überschrift »Die Leihgabe des Mr. Luce« wie folgt dargestellt:

Ich habe ihn (Schlamm) im März 1934 aus der zu jener Zelt in Prag erscheinenden »Neuen Weltbühne« hinausgesetzt. Daß er 1933 den verwaisten Redaktionssessel der in die Emigration getriebenen »Weltbühne« zu usurpieren vermochte, bietet einem Mann ... den dürftigen vorwand für die Hochstapelei, er sei Nachfolger Carl von Ossietzkys gewesen, wahr ist, daß er der unbekannte Redakteur eines wiener Nebenblattes der »Weltbühne« gewesen war und übrigblieb, als Ossietzky verhaftet und der Mitarbeiterstab der »Weltbühne« in der Emigration verstreut wurde. Als die witwe des Gründers der »Weltbühne«, die verlegerin Edith Jacobsohn, ihn aus der angemaliten Stellung wies, ... übernahm ich die Leitung der »Weltbühne«.

Berlin-Grunewald K.-D. PETERSSON

Roth

Fetscher

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