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SPD Schlange im Netz

Heidemarie Wieczorek-Zeul hat Ärger mit der Partei. Scharping möchte sie nach Brüssel wegloben, die Basis wirft ihr Verrat vor.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Der erste Versuch der jungen Lehrerin, ein Mandat zu ergattern, scheiterte kläglich. Nur ein Drittel der SPD-Delegierten wollte ihr den Landtagswahlkreis im hessischen Gießen anvertrauen, nachdem der örtliche Parteichef die Genossin angeschwärzt hatte: Die Pädagogin habe »die Vorphase der Entscheidungen manipuliert«.

Das ist 20 Jahre her. Die durchgefallene Bewerberin machte trotzdem Karriere: Heidemarie Wieczorek-Zeul, heute 51 Jahre alt, wurde wenig später zur Bundesvorsitzenden der Jungsozialisten (Jusos) gewählt und schaffte es im Laufe der Jahre bis ins Amt der stellvertretenden SPD-Vorsitzenden.

Nun bröckelt die Macht der »roten Heidi«, wie sie wegen ihrer linken Positionen und ihrer roten Haare genannt wird. Ihre Karriere könnte an derselben Klippe zerschellen, an der sie schon anno 1974 gescheitert war: Die Sozialdemokratin mauschelt zuviel.

»Heidi«, klagt ein Parteifreund aus dem Vorstand des SPD-Bezirks Hessen-Süd, dem Wieczorek-Zeul seit 1988 vorsteht, »ist die personifizierte Intrige.« Ein Frankfurter SPD-Funktionär wirft ihr vor, sie habe »zu viele Menschen beschädigt und am Ende die Partei«. Und die hessischen Jusos verspotten ihre einstige Bundesvorsitzende als »rote Schlange«.

Druck macht ausgerechnet Heidis Hausmacht Hessen-Süd. Als die Politikerin sich im vergangenen Jahr gegen Rudolf Scharping und Gerhard Schröder um den Bundesvorsitz der SPD bewarb, erzielte sie zwar mit 26,5 Prozent ein achtbares Ergebnis. Doch daheim erlitt sie eine böse Schlappe. Nur rund 15 500 der insgesamt 73 800 Mitglieder im eigenen Parteibezirk stimmten bei der Urwahl für ihre Chefin, mehr wählten lieber Scharping.

Auch in der Bundespartei sinkt der Stern der Genossin, die in jungen Jahren mit Norbert Wieczorek, heute ebenfalls SPD-Bundestagsabgeordneter, verheiratet war. Mit nur 70,2 Prozent der Stimmen wählte der SPD-Parteitag in Wiesbaden im vergangenen November sie zur Scharping-Vizin; schlechter als sie schnitt keiner der fünf Stellvertreter des Parteichefs ab.

Scharping, so verbreiten Heidi-Feinde, wolle die Sozialdemokratin möglichst rasch wegloben, als EU-Kommissarin nach Brüssel. Unumgänglich sei allerdings, daß sie dann »alle Parteifunktionen« niederlege.

Die politischen Qualitäten der Parteifrau sind unter Sozialdemokraten unbestritten. Selbst ihre einst schärfsten Kritiker von weiter rechts in der Partei wie der frühere Parteivorsitzende Hans-Jochen Vogel bestätigen ihr, sie habe in der SPD viel bewegt.

In der Partei trat Wieczorek-Zeul (SPD-Kürzel: HWZ) stets als Sprecherin der Parteilinken auf. Die Rebellin legte sich mit Vogel an, als sie in den siebziger Jahren gegen jede Parteiräson die Vergesellschaftung von Unternehmen oder die generelle Begrenzung der Gehälter auf 5000 Mark forderte; sie stritt ebenso vehement gegen die von Helmut Schmidt als Parteilinie durchgesetzte Nachrüstung.

Daß häufig »Heidi nur für Heidi« arbeitete, ist bei den Genossen in Südhessen stehende Rede. Gestört hat es niemanden, solange sie dabei die traditionell linken Positionen ihrer Basis vertrat. Das Murren begann erst, als die Sozialdemokratin sich in Konsens und Kompromisse der Gesamtpartei einbinden ließ.

»Seilschaften gehören nun einmal zur Politik«, räumt Norbert Schüren, Vize im benachbarten SPD-Bezirk Hessen-Nord, ein - aber: »Heidi hat nicht nur Seilschaften, sondern ein ganzes Spinnennetz.« Und dessen Kontrolle sei »inzwischen ihr Politikziel«.

Heidis Seilschaft besteht aus einer kleinen Clique von Parteifreunden, die seit Jahren versucht, Gesamthessen unter Kontrolle zu bekommen. Ob es um den Ministerpräsidenten, einen Oberbürgermeister oder um Parteiämter geht - Wieczorek-Zeuls Leute mischen immer mit.

Der SPD-Funktionär und Musikmanager Diether Dehm, der jetzt als Nachrücker für ein paar Monate in den Bundestag aufsteigt, nennt die Clique »die Nomenklatura«.

Der Mann weiß, wovon er spricht. Dehm hat vergangenen Monat bundesweit Schlagzeilen gemacht, weil der Frankfurter SPD-Vorstand ihm einen sicheren Listenplatz für die Bundestagswahl im Oktober verschaffen wollte - auf Kosten des außenpolitischen Sprechers der SPD-Bundestagsfraktion, Karsten Voigt.

Bei der Ranküne verhedderte sich Wieczorek-Zeul. Der Bezirksvorstand kippte unter ihrer Führung zwar das Votum der Frankfurter. Doch dann kam heraus, daß die Politikerin selbst die Intrige gegen Voigt eingefädelt hatte. Auf einem Treffen der Bezirkslinken in Friedberg offenbarte Dehm, der Plan, Voigt auf einen aussichtslosen Listenplatz abzuschieben, sei »die Idee von Heidi« gewesen. Schlechte Erfahrungen mit der Bezirkschefin hat auch der Sozialdemokrat Hans Eichel.

Der Heidi-Clan setzte den Genossen 1989 gegen die damalige Bremer Gesundheitssenatorin Vera Rüdiger als Landesvorsitzenden und Spitzenkandidaten für die Landtagswahl durch. »Eichel ist der Hoffnungsträger«, konterte Wieczorek-Zeul damals den Vorwurf, sie habe nur eine Konkurrentin in der Parteispitze verhindern wollen. Inzwischen verhöhnt sie den Ministerpräsidenten hin und wieder.

Endgültig verspielt bei den SPD-Linken hat deren früheres Idol seit der Aufregung um Lobo, den Mischlingshund.

Lobo, so kündigten die südhessischen Jusos im März an, werde vor dem Landtag in Wiesbaden demonstrativ vergiftet, falls die Regierung Eichel »weiterhin KurdInnen abschiebt«.

Das Kalkül der Junggenossen: Die Reaktion der Öffentlichkeit werde zeigen, daß in Deutschland ein Hundeleben mehr zählt als ein Flüchtling.

Die Rechnung ging auf. An der Spitze der Empörten marschierte Wieczorek-Zeul. Sie geißelte die Juso-Aktion als »unseriös« und »peinliches Polit-Happening«, beschimpfte Juso-Chefin Nina Hauer, sie habe »verantwortungslos gearbeitet«.

»Die hat vergessen«, so Norbert Schüren, ebenfalls einstmals hessischer Juso-Vorsitzender, »was wir früher alles gemacht haben.«

Bei den Linken der Hessen-SPD hat Heidi Wieczorek-Zeul seitdem einen neuen Spottnamen: »Jeanne d'Arc aller Pudel und Pinscher.« Y

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