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Terror Schlange zertreten

Die Spuren der Anschläge von Buenos Aires und London weisen nach Iran. Israels Luftwaffe erwägt schon Vergeltung.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Auf der Strategiesitzung der islamischen Widerstandsbewegung Hisb Allah (Partei Gottes) in Beirut drohte ein Eklat. Bei Anschlägen gegen den zionistischen Erzfeind Israel, so forderten junge Kommandoführer, könnten künftig doch auch weibliche Aktivisten eingesetzt werden - die seien »unauffälliger« und daher »effektiver«.

Der Führer der Extremisten, Scheich Abd el-Karim Ubeid, war empört. »Haben wir denn keine Männer mehr oder sind alle Kämpfer hier zu Weibern geworden?« wütete der Fundamentalistenchef und befahl: »Der Heilige Krieg bleibt Männersache.«

Seit Dienstag vergangener Woche jedoch scheint die Emanzipation, Jahre nach jener Order, auch die proiranischen Gotteskrieger aus dem Libanon erreicht zu haben. Erstmals in der an Gewalttaten reichen Geschichte der Terrororganisation soll eine Frau maßgeblich an einem Anschlag der Hisb Allah beteiligt gewesen sein.

Eine »respektabel-wohlhabend wirkende Dame« von »mediterranem Typ«, ermittelte Scotland Yard, habe im Londoner Stadtteil Kensington eine Autobombe vor der israelischen Botschaft plaziert und gezündet. Der Sprengsatz zerfetzte die Limousine und ließ die Fassade des Gebäudes bersten.

Rund zwölf Stunden später schlugen die Feinde Israels in der britischen Hauptstadt abermals zu. In der Nacht zum Mittwoch explodierte vor dem Sitz jüdischer Organisationen im Stadtteil Finchley eine weitere Autobombe.

Die Attentate von London, bei denen nur glückliche Umstände Tote oder Schwerstverletzte verhinderten, warfen bedrohliche Schatten auf eine Friedenszeremonie, die nahezu zeitgleich stattfand: Die Sprengsätze detonierten, während Israels Premierminister Jizchak Rabin und König Hussein von Jordanien in Washington von US-Präsident Bill Clinton als »mutige Führer in eine friedliche Zukunft« gepriesen wurden.

Gewaltbereitschaft hatten Aussöhnungsgegner bereits vor dem Friedensgipfel bewiesen: In Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires war das jüdische Zentrum in die Luft gejagt worden - etwa hundert Menschen starben.

Die Anschläge kamen nicht unerwartet. Schon vor Wochen hatten arabische Nachrichtendienste erfahren, daß die Hisb Allah in Zusammenarbeit mit nahöstlichen Top-Terroristen, darunter der berüchtigten Abu-Nidal-Gruppe, Aktionen gegen israelische Ziele im Ausland vorbereitete.

Die Anstifter standen zumindest für Jerusalems Regierungschef Rabin schnell fest: »Die Fußspuren des Anschlages führen nach Iran« - Geldgeber und Förderer der libanesischen Schiiten von Hisb Allah. Martialisch wie selten forderte der Premier, den »Kopf der Schlange« zu zertreten. »Diese Blutvergießer müssen in die Knie gezwungen und ihre iranische Schutzmacht muß schwer bestraft werden«, bekräftigte US-Außenminister Warren Christopher - obgleich auch linke Palästinensergruppen aus der Ablehnungsfront die Tat begangen haben könnten.

Seit auch Syriens Staatschef Hafis el-Assad die Annäherung an Israel sucht, ist das Mullah-Regime in Teheran die letzte massive Zitadelle gegen einen umfassenden Frieden in Nahost.

Offiziell dementierte die Regierung von Staatspräsident Rafsandschani, der wirtschaftliche Kooperation mit dem Westen sucht, jegliche Verwicklung in die Anschläge. Doch Rafsandschanis Gegenspieler im Kampf um die Macht, Ajatollah Mohtaschemi, gilt als Schutzpatron der Hisb Allah. Zudem ist er der spirituelle Führer einer kampfstarken Fanatikertruppe nahe der heiligen Stadt Maschhad, die für Nicht-Moslems gesperrt ist.

Dort, unweit der afghanischen Grenze, sollen einige hundert Gotteskämpfer für den Revolutionsexport ausgebildet werden. Maschhad-Aktivisten unterhalten auch einen Stützpunkt östlich des pakistanischen Peschawar - einer Hochburg islamischer Fundamentalisten seit dem Krieg gegen die Sowjets in Afghanistan.

Auch die Attentäter von Buenos Aires könnten ihre Ausgangsbasis in Peschawar gehabt haben, vermuten Ermittler. Am Tag nach dem Anschlag schickte Staatspräsident Rafsandschani einen Sonderbeauftragten in die pakistanische Hauptstadt Islamabad - angeblich brachte er Steckbriefe der Hintermänner mit.

Wozu in Maschhad ausgebildete Kämpfer fähig sind, hatten sie schon 1988 bewiesen. Mit Waffengewalt zwangen fundamentalistische Flugzeugentführer damals einen kuweitischen Jumbo-Jet zur Zwischenlandung in der iranischen Glaubenshochburg, bevor sie - unter Zusicherung von freiem Geleit - in Algier aufgaben.

Trotz Rabins Drohungen fällt den Israelis eine Vergeltung schwer. Ihre Luftwaffe hat zwar Einsatzpläne für Schläge gegen die Schutzzentralen der Terroristen ausgearbeitet; auch Angriffe gegen Iran wurden durchgespielt.

Aber der Terrorismusexperte Ariel Merari von der Universität Tel Aviv hält davon wenig: »Bomben auf Teheran würden Israel international in Verruf bringen, und Einsätze gegen Hisb-Allah-Lager im Libanon schmerzen den eigentlichen Drahtzieher Iran nicht.«

Meraris Empfehlung: »Wirksam sind nur wirtschaftliche Sanktionen - zumal von Deutschland«, dem wichtigsten westlichen Handelspartner Irans. Y

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