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Presse Schlappe für Schlapphut

Nach Konrad Kujau ist nun auch Gerd Heidemann wieder frei. Schon machen die Urheber des Skandals um die Hitler-Tagebücher wieder Wirbel.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Zuerst hätte er sich am liebsten »mit der Pistole erschossen«, doch jetzt hat er's lebend überstanden: Gerd Heidemann, 57, der frühere Stern-Reporter und Beschaffer der falschen Hitler-Tagebücher, ist seit dem vorigen Wochenende wieder ein freier Mann.

Bis auf den letzten Tag hatte Häftling Heidemann seine Freiheitsstrafe von vier Jahren und acht Monaten abreißen müssen. Sein einstiger Dauerlieferant Konrad Kujau, 51, der fleißige Fälscher der 60 Hitler-Kladden, war wegen Haftunfähigkeit nach einer Krebsoperation am Kehlkopf schon Mitte vorletzten Jahres freigekommen.

Wo immer die beiden Skandalnudeln auftreten, ist für neuen Trubel gesorgt. Kujau, »Eulenspiegel« und »Allround-Talent« (Quick), überbietet mit seiner Show-Begabung seinen einstigen Komplizen wider Willen.

Mal posierte er in seiner Wohnstube im schwäbischen Bietigheim-Bissingen für die Fotografen bunter Blätter vor gepfändeten Gemälden, die er eigenhändig gefälscht und die das Finanzamt angeblich für echt gehalten hatte. Mal besang der »fidele Fälscher« (Bild) eine Schallplatte - Refrain: »Ich war der Fälscher vom Führer« - mit einem Spottlied auf »die Herren vom anderen Stern, die fanden mich besser als Dürer«.

In Stuttgart eröffnete der Hitler-Imitator eine Galerie mit lauter »echten Fälschungen« im Stile DalIs, Chagalls, Picassos und van Goghs. Vor Jahren übertrieb Kujau seine Scherze und wurde, als er in Hamburg eine Ausstellung eigener Hitler-Bilder mit der Ausgabe von Erbsensuppe aus einer Gulaschkanone nach Rezepten des Wehrmacht-Kochbuchs von 1941 eröffnen wollte, von NS-Opfern und Antifaschisten mit Salzwürfen in die Augen vertrieben.

Als Heidemann seinen einstigen Freund »Konny« mit dem Diebstahl zahlreicher NS-Papiere aus dem Berliner Document Center in Zusammenhang brachte, zeigte sich der Militaria-Händler letztes Jahr getroffen: »Wenn Heidemann so weitermacht, haue ich ihm eins an die Backe.«

Wer von den beiden mehr Grund hat, auf den anderen sauer zu sein, ist immer noch nicht ganz sicher. Das Hamburger Landgericht konnte im 1985 abgeschlossenen Stern-Prozeß nicht klären, wo ein Großteil der vom Verlag Gruner + Jahr für Kujaus Führer-Memoiren gezahlten 9,34 Millionen Mark geblieben ist.

Auch sonst wirkt der Tagebuch-Skandal, selbst aus der Distanz der seither vergangenen gut sechs Jahre, noch immer seltsam unwirklich und unbegreiflich. Die größte Triebkraft, die zum »schwersten Reinfall der deutschen Pressegeschichte« (Süddeutsche Zeitung) führte, war die geradezu wilde Spekulation von Verlagsmanagern und Illustriertenredakteuren mit einer vermeintlichen Weltsensation.

Doch schon vorher, als Kujau sich noch mit gefälschten NS-Devotionalien über Wasser hielt, hatten ihm, nach den Feststellungen des Gerichts, Hitler-lüsterne Privatsammler »fast ohne Zutun Kujaus« die Echtheitslegenden für seine Fälschungen geradezu aufgedrängt.

Heidemann war nach der Entdeckung des vermeintlichen Fundorts, der Absturzstelle eines Führer-Flugzeugs im sächsischen Börnersdorf, von der Echtheit der Hitler-Tagebücher endgültig »überzeugt« (Urteilsbegründung). »Am wenigsten verständlich« fand das Gericht das Verhalten des damaligen Stern-Ressortleiters Thomas Walde, der als verantwortlicher Redakteur bei der Prüfung der Kladden versagt hatte.

Mit Walde gab es nun auch den ersten Zusammenstoß, kurz bevor Heidemann am letzten Sonnabend aus der Haft freikam. Vor dem Hamburger Landgericht beantragte Walde, inzwischen stellvertretender Programmdirektor beim Privatsender Radio Hamburg, in Sachen Heidemann eine einstweilige Verfügung gegen den Hamburger Journalisten und Verleger Peter-Ferdinand Koch, 46.

Der Inhaber des Facta Oblita Verlags will, gestützt auf Heidemanns Privatarchiv, im Oktober ein neues Buch über die Tagebuch-Affäre herausbringen - Titel: »Der Fund«. Die Rohfassung eines Kapitels, in dem Waldes frühere berufliche Kontakte zum DDR-Ministerium für Staatssicherheit geschildert werden, gab Autor Koch dem ehemaligen Stern-Verantwortlichen zu lesen.

Walde, der mal mit einer BND-Tätigkeit geliebäugelt hatte und beim Stern wegen seines Geheimdienst-Faibles auch »Schlapphut« genannt wurde, befürchtet nun Gefahren für Verwandte in der DDR und Bekannte in Ungarn, die Koch seinerseits offenbar in Geheimdienstakten über Walde verzeichnet fand. Außerdem moniert er Fehler, die Koch aus Geheimdienstpapieren übernommen habe. Vor dem Landgericht mußte Walde eine Schlappe einstecken: Die Richter wiesen Ende letzten Monats seinen Antrag gegen Namensnennungen und Koch-Behauptungen zurück. Das Berufungsverfahren ist auf Donnerstag kommender Woche terminiert.

Heidemann möchte in dem Buch vor allem nachweisen, daß er zu Unrecht als Betrüger verurteilt worden sei. 4,39 Millionen Mark, so das Hamburger Landgericht, habe der Reporter aus der Stern-Kasse für sich abgezweigt. Koch will nun mit Unterlagen und Tonbändern aufwarten, die Polizeibeamte seinerzeit bei der Beschlagnahme von Heidemann-Material übersehen hätten und die den Verurteilten angeblich entlasten.

Eine vorzeitige Haftentlassung Heidemanns hatte das Hamburger Oberlandesgericht vor anderthalb Jahren wegen der Halsstarrigkeit abgelehnt, mit der Heidemann den Verbleib der Millionen verschweige. Heidemanns Entgegnung, er habe Kujau das Geld überbracht, fand kein Gehör.

Der Reporter jobbt nun bei einem befreundeten Fotografen im Atelier. »Da ich die Millionen nicht habe«, sagt Heidemann, »muß ich sehen, wie ich über die Runden komme.«

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