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PRESSE »Schlecht erfunden«

aus DER SPIEGEL 50/1998

Franz-Josef Wagner, 55, Chefredakteur des Berliner Boulevardblatts »B.Z.«, über Vorwürfe im Internet zu angeblichen Verfehlungen

SPIEGEL: Vergangene Woche starteten Widersacher eine elektronische Anti-Wagner-Seite. Sind Sie beim Surfen im Internet schon auf »World Wide Wagner« gestoßen?

Wagner: Bei Gott, nein. Ich bin kein Internet-Surfer, sondern ein altmodischer Leser. Der größte Teil der Redaktion und ich haben morgens aus der »taz« erfahren, daß es »World Wide Wagner« gibt. Vermutlich tobt sich da ein Einzelfreak aus - in den USA ist das üblich: Da beschweren sich Ehegatten gern online über ihre Partner.

SPIEGEL: Wie rezensiert der Boulevardprofi Wagner das Werk über Wagner?

Wagner: Die intellektuelle Auseinandersetzung, die der Autor führt, weist auf ein zerriebenes Gehirn hin. »World Wide Wagner« ist eine gestrige Boulevardzeitung - schlecht recherchiert, schlecht erfunden, schlecht geschrieben.

SPIEGEL: Und Ihr Blatt erfindet besser? Sie sollen zum Tankerfiasko vor Amrum keine ölverschmierte Ente, sondern eine muntere Ente aus dem Archiv gezeigt haben, die von Natur aus schwarz ist.

Wagner: Die »B.Z.« hat eine real existierende, lebende Ente gezeigt, die vor Amrum schwamm. Mit diesem bedrohten Tier warnten wir vor der Ölpest. Es gab natürlich auch Fotos von toten Enten, aber die sahen mir zu elend aus. All diese Fälscher-Vorwürfe stimmen einfach nicht.

SPIEGEL: Auch private Episoden werden im Netz genüßlich ausgebreitet - etwa daß Sekretärinnen gefeuert wurden, weil sie Ihnen den Espresso nicht wie gewünscht mit Mineralwasser der Marke Evian zubereitet hätten.

Wagner: Niemand mußte gehen. Seitdem ich in einer Stadt mit schlechtem Wasser lebe, schätze ich Kaffee aus Mineralwasser - na und?

SPIEGEL: Der Anonymus im Netz weiß auch, daß der Führerschein nach einer Fahrt in Schlangenlinien in Gefahr war.

Wagner: So ein Bullshit. Die Polizei hat mich gestoppt, weil ich als Ortsfremder statt nach links geradeaus gefahren bin. Ich habe meinen Führerschein.

SPIEGEL: Wie werden Sie auf die Netz-Attacken reagieren?

Wagner: Gar nicht. Ich mache das Blatt weiter so, wie ich es für gut erachte. Der Verlag und ich halten Verfasser von anonymen Briefen für charakterlos.

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