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POLIZEI Schlechter Krimi

Ein unbescholtener Tourist mußte sterben, weil viele Ex-Vopos in der Polizei Thüringens miserabel ausgebildet sind.
Von Felix Kurz
aus DER SPIEGEL 27/1999

Der Rentner, der auf seiner Wanderung zur polnischen Grenze in Thüringen Station machte, hatte »keine Chance«, wie später ein Polizeibeamter zugab. Friedhelm Beate, 62, wurde von Polizeikugeln getötet.

Schnell war klar, daß sein Ableben die Folge der dilettantischen Arbeitsweise zweier Zivilfahnder war, die den Touristen am vorvergangenen Sonntag für einen mehrfachen Mörder gehalten hatten.

Doch Innenminister Richard Dewes (SPD), ohnehin schon durch einige Affären in seinem Hause beschädigt, schwadronierte noch zwei Tage später unverbindlich über »laufende Ermittlungen«. Dann verstieg er sich zu diesem Urteil: »Unglücksfälle dieser Art kommen immer wieder vor.«

Dewes beschönigte damit eine beispiellose Kette von Fehlentscheidungen, Irrtümern und höchst peinlichen Pannen. Der Minister, der bei den Landtagswahlen im September gern Regierungschef werden möchte, ist an den desolaten Zuständen nicht unschuldig: Er kennt die Mängel bei der Polizei Thüringens durch zahllose Beschwerden von Bürgern - hat sie aber nicht abgestellt.

»Von den rund 7000 Beamten des Freistaats genügen vielleicht 350 den Standards einer modernen Polizei, die mit den Bürgern richtig umgeht«, sagt ein hoher Polizeibeamter. Das wundert im Führungsapparat niemanden: Viele der Uniformierten wurden nach der Wende in Crash-Kursen von maximal sechs Monaten auf die neuen Aufgaben vorbereitet - sie dienten bis dahin als Volkspolizisten.

Auch die Todesschützen, 44 und 30 Jahre alt, haben diese Hauruckkarriere absolviert. Dennoch tat Dewes so, als gebe es keine Vorbehalte. Die Beamten, behauptete er, seien »gut ausgebildet und gehören zur Zivilen Einsatzgruppe«. Doch die sogenannte ZEG fährt gewöhnlich in Zivilfahrzeugen Verkehrssündern hinterher oder spürt Kleinkriminellen nach. Für Festnahmen von Schwerverbrechern fehlt ihr das Know-how.

Zur Überforderung kam womöglich noch die Aussicht, einen per TV-Fahndung gesuchten Killer zu stellen - nur so ist zu erklären, daß die Beamten bei ihrem Einsatz im 2500-Seelen-Ort Heldrungen in der Nähe des Kyffhäuser-Denkmals fast gegen jede polizeiliche Regel verstießen.

Der als »Mörder von Remagen« gesuchte Dieter Zurwehme, 56, werde bei Dessau vermutet, berichtete am vorvergangenen Sonntag der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) in seiner Sendung »Kripo live«. Die ostdeutschen Hobby-Fahnder wurden gebeten, auf einen Mann mit einem »großen Wanderrucksack, einer sogenannten Kraxe«, zu achten - ein Gepäckstück, das nicht nur in Thüringen unzählige Urlauber mit sich führen.

Kaum war die MDR-Sendung, eine Ost-Variante von »Aktenzeichen XY ungelöst«, vorbei, erklärte eine Anruferin der Dessauer Polizei, im Hotel Zur Erholung in Heldrungen halte sich ein Gast auf, auf den die Beschreibung zutreffen könne.

Die Dessauer informierten die Kollegen in Nordhausen. Von dort schickte der diensthabende Polizeiführer vier Beamte in Zivil nach Heldrungen. Gegen 23 Uhr trafen diese im Hotel ein. Von der nahe gelegenen Polizeiinspektion Artern rückte ein Streifenwagen zur Außensicherung an. Der Mann in Zimmer 11, einem Raum am Ende des engen, nur spärlich beleuchteten Flurs im zweiten Stock, ahnte nichts von den Vorgängen an der Rezeption.

Daß kein Dieter Zurwehme, sondern ein Friedhelm Beate als Gast angemeldet war, erfuhren die Thüringer Ermittler vom Hotelier. Die Angaben aus dem Meldeschein wurden in Köln überprüft - und bestätigt. Trotz der entlastenden Auskunft aus Köln wollten die Beamten den Gast persönlich überprüfen. Das wäre überflüssig gewesen, hätten sie sich nur auf die simpelsten handwerklichen Dinge besonnen.

Jede Polizeidienststelle erhält Fotos von Personen, die zur Fahndung ausgeschrieben sind. Hätten die Polizisten das Bild von Zurwehme, der mit dem Kölner Rentner auch nicht die geringste Ähnlichkeit hat, dem Hotelier Claus Unger vorgelegt, der Einsatz wäre sofort zu Ende gewesen.

So aber nutzten die Zivilfahnder - wie in schlechten Krimis - den Wirt auch noch als Lockvogel für den vermeintlichen Mörder. Während Unger an die Tür klopfte und vorgab, etwas im Zimmer vergessen zu haben, schlichen sich zwei Beamte mit gezogener Waffe bis zur Zimmertür. Die beiden anderen versteckten sich im Treppenhaus.

Dann ging alles blitzschnell. Unger verschwand in seinem schräg gegenüberliegenden Büro. Als der Rentner öffnete und durch einen Spalt lugte, sah er anstelle des erwarteten Hoteliers »zwei Gestalten mit gezogener Kanone« vor sich, wie später ein Ermittler rekonstruierte.

Panisch versuchte Beate, die Tür zuzudrücken. Die Beamten feuerten sofort - einer durch den Türspalt, der andere durch das dünne Türblatt. Eine Kugel blieb im Brustkorb Beates stecken, die andere traf direkt ins Herz. Die Ex-Vopos wurden suspendiert, sie müssen mit einer Anklage wegen fahrlässiger Tötung rechnen.

»Die beiden Polizeiobermeister haben eindeutig ihre Kompetenzen überschritten«, versichert ein Staatsanwalt. »Wenn die Beamten davon ausgegangen sind, daß es sich bei der Person im Hotel um einen gesuchten Mörder handelt, dann hätten sie das Spezialeinsatzkommando (SEK) rufen müssen«, sagt Thüringens Polizeiinspekteur Wolfgang Göbel.

Das sieht auch ein wenig nach vorbeugender Sündenbocksuche aus. Wann nämlich eine SEK-Lage vorliegt, ist in Thüringen nicht ausdrücklich geregelt. Der entsprechende Richtlinienvorschlag liegt seit Jahren in den Schubladen des Innenministeriums. FELIX KURZ

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