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AFFÄREN Schlechter Roman

Der rätselhafte Mord an einem Freund von Premierminister Fabius entwickelt sich zur Tragikomödie. *
aus DER SPIEGEL 3/1986

Frankreichs Premierminister Laurent Fabius konnte vor innerer Bewegung nur mühsam sprechen - Millionen sahen es ihm am vergangenen Mittwochabend auf dem Bildschirm an. »Er war mein bester Freund«, sagte er dann, »ich kannte ihn seit mehr als 20 Jahren.«

Der Mann, dessen Tod dem Regierungschef so naheging, war der Pariser Rechtsanwalt Jacques-Marie Perrot, 39. Am Tag nach Weihnachten war er im Treppenhaus eines vornehmen Bürgerhauses im 16. Pariser Arrondissement ermordet worden.

Bei der Trauerfeier in der Kapelle Notre-Dame-de-Grace versammelten sich vor dem mit weißen Margeriten und Rosen geschmückten Sarg etwa 500 Vertreter der feinen Pariser Gesellschaft - »le tout Paris«, darunter der Premierminister und seine Frau Francoise.

Neben Fabius stand eine kleine Frau, die Augen hinter einer großen Sonnenbrille verborgen: Perrots Witwe Darie _(2. v. l.: Perrots Witwe Darie Boutboul. )

Boutboul, 26, Frankreichs erfolgreichster weiblicher Jockey.

Bei der anschließenden Beisetzung auf dem kleinen Friedhof von Motchauvet bei Paris knipsten und filmten nicht nur Scharen von Pressephotographen Fabius und die sonstige Prominenz. Auch Beamte der Pariser »Brigade criminelle« lichteten jeden ab, den sie vor die Objektive bekamen - so diskret das eben möglich war.

Der Regierungschef womöglich auf einem Gruppenbild mit dem Mörder am Sarg? Die Fahnder, und mit ihnen die gesamte Nation, mochten keine noch so gewagte Hypothese ausschließen.

Frankreichs Öffentlichkeit reagierte fasziniert: ein mysteriöser Mord in der mondänen Welt von Paris, mit möglichen Spuren zum Vatikan, mit pikanten Geschichten über Doppelexistenzen, Pferderennen und Familienkrächen. Es war, als wäre »Dallas« in die Realität verlegt, ein »schlechter Roman a la francaise«, kommentierte »Le Matin«.

Was sich »vom Drama zum Melodrama« ("Le Monde") entwickelte und bis zum Freitag letzter Woche unaufgeklärt blieb, hatte am frühen Abend des 27. Dezember 1985 begonnen.

Maitre Perrot schließt im dritten Stock des Hauses 29, Avenue Georges-Mandel die Praxis ab, die er seit 1976 zusammen mit zwei weiteren Rechtsanwälten betreibt. Er steigt die Treppe hinab in die elterliche Wohnung eine Etage tiefer. Dort lebt er seit zwei Monaten, seit der Trennung von seiner Frau, der schönen, dunkelhaarigen Rennreiterin.

Perrot ist allein im Appartement, sein Vater, ein bekannter Arzt, weilt mit seiner Ehefrau im Wintersport. Der Anwalt schaltet den Fernsehapparat ein. Dann ruft er einen Freund an, »ganz ruhig und gelassen«, wie der sich erinnert, und trifft eine Verabredung zum Reittraining für den nächsten Morgen. Es sind wohl des Maitres letzte Worte.

Gegen 19.50 Uhr verläßt Perrot die Wohnung und steigt das weiträumige, mit dicken roten Läufern ausgelegte Treppenhaus hinunter. Dann hört die Bewohnerin des Parterre-Appartements drei Schüsse. Sie blickt durch den Türspion und sieht Perrot reglos vor der Fahrstuhltür liegen.

Drei Kugeln abgefeuert aus einer Waffe des Kalibers .22, haben den Maitre ins linke Auge, in die Schläfe und ins Herz getroffen: Jeder Schuß ist tödlich, es war die Arbeit eines Profikillers.

Einen Kampf oder einen Fluchtversuch gab es nicht, der Anwalt zündete sich, wie die Polizei rekonstruiert, in den letzten Augenblicken vor seinem Tod noch eine Zigarette an. Er wurde auch nicht ausgeraubt.

Der oder die Täter - »Exekution nach Auftrag«, meint das Boulevardblatt »France-Soir« - haben umsichtig gearbeitet. Um ihrem Opfer jede Fluchtmöglichkeit zu nehmen, zerstachen sie vor dem Haus einen Reifen seines Renault 11 und blockierten die Lenkung seines schweren Motorrads, bevor sie die Tat verübten.

Warum, von wem ist der Anwalt ermordet worden, fragten Reporter und Fahnder. Abgesehen von Frauengeschichten des renommierten Charmeurs und Pferdesportlers Jacques Perrot entdeckten die Rechercheure zunächst nichts. Perrot war vornehmlich Zivilanwalt, mit keinem großen Kriminalfall befaßt. Über seinen Schreibtisch gingen keine Dossiers mit Riesenbeträgen, zu den Manipulatoren des Renn- und Wettsports gehörte er trotz seiner engen Kontakte zu diesem Milieu auch nicht.

Zwar bekannte Witwe Darie in einem Interview: »Ja, es ist vorgekommen, daß man verlangt hat, ich solle bei bestimmten Rennen mein Pferd zurückhalten.« Aber das wurde als branchenüblich abgetan. Erst bei Nachforschungen um die Familie Boutboul wurden die Fahnder fündig. Das Ehepaar Perrot-Boutboul lebte in einer konfliktgeladenen Trennung. Die Scheidung wurde vorbereitet; vor allem um das Sorgerecht für den dreijährigen Sohn Adrien tobte ein erbitterter Kampf.

Maitre Perrot hatte - Trauzeuge war Fabius - am 29. April 1982 eine Halbwaise geheiratet. Jedenfalls glaubte er das: Im Ehevertrag wurde festgehalten, daß Darie Boutbouls Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war. Ein Bruder sollte einen Autounfall nicht überlebt haben.

Doch plötzlich - wenige Tage nach dem Mord - tauchten beide unversehrt auf. Vater Robert Boutboul, ein 73jähriger Arzt tunesischer Herkunft, hatte jahrelang nur wenige Gehminuten von der Wohnung seiner Tochter und des Schwiegersohns entfernt gelebt. Sein Name und seine Adresse stehen im Pariser Telephonbuch. Den totgesagten Bruder Patrick, 33, spürte »France-Soir« auf.

Robert Boutboul hat inzwischen zugegeben, daß er seinen Enkel Adrien oft gesehen und seinen ermordeten Schwiegersohn erstmals vor vier Monaten getroffen hatte: »Ich fand ihn sympathisch. »

Perrots Schwiegermutter Elisabeth Cons-Boutboul, eine Sechzigerin, die als vermeintliche Witwe ihr Einkommen so bescheiden deklarierte, daß sie im Monat nur etwa hundert Mark Steuern zahlte ist in Wirklichkeit steinreich ermittelte die Kripo. Sie unterhält einen Rennstall und lebt seit Jahren mit einer zweiten Identität in der Schweiz.

Die Dame, so kam heraus, ist gelernte Rechtsanwältin. Doch am 3. November 1981 war sie auf Lebenszeit von der Pariser Anwaltskammer ausgeschlossen worden. Diesem sorgsam gehüteten Geheimnis war Jacques Perrot auf die Spur gekommen, neben anderen.

Die Affäre wurde immer verzwickter. Madame Cons-Boutboul hatte von 1968 bis 1980 den katholischen Missionsverein »Missions etrangeres de Paris« als Anwältin vertreten - gegen eine Hongkonger Industriellenfamilie, die sich von den frommen Männern geleimt fühlte.

Dafür hatte die Anwältin über zwölf Jahre um die zehn Millionen Franc (3,3 Millionen Mark) kassiert, immer bar in Devisen. Einen Prozeß hatte sie allerdings nie geführt. Sie legte ihren Auftraggebern lediglich Prozeßdokumente vor, die sie offenbar gefälscht hatte.

Unverständlich ist, warum die Mission so lange brauchte, ehe sie dem Betrug auf die Spur kam, und warum sie sich nur an die Anwaltskammer statt an ein Gericht wandte. Was die französische Öffentlichkeit jedoch vollends verblüffte, war die Tatsache, daß die »Missions etrangeres de Paris« nie einen Franc von ihrer ungetreuen Anwältin zurückgefordert hatten. Ein Missionssprecher, ebenso verlegen wie christlich-milde: »Wir wollten einen Schlußstrich ziehen unter eine schmerzliche Affäre.«

Das glaubt niemand. Denn das Missionsunternehmen, das sich jetzt so naiv gibt ist nicht irgendein Laienklub, sondern eine ebenso mächtige wie ehrwürdig-alte Institution. 1659 gegründet, untersteht sie in religiösen Fragen dem

Vatikan, arbeitet aber finanziell eigenständig mit 350 Missionaren in 15 Ländern. Sie verfügt über einen Jahresetat von 30 Millionen Franc.

Die Verbindung mit dem Vatikan und die Schweigsamkeit der Missionsbrüder trieben die französische Presse erst recht zu immer neuen Spekulationen: Sie vermutete Zusammenhänge mit der italienischen Geheimloge P 2, mit dem Skandal um die Bank Ambrosiano und dem rätselhaften Tod von deren Präsidenten Roberto Calvi. Der war vor fast vier Jahren unter einer Londoner Brücke erhängt aufgefunden worden.

»Missions etrangeres« dementierte, doch Elisabeth Cons-Boutboul selbst verstärkte die Gerüchte. Perrot, so sagte sie mysteriös in einem Interview, sei wegen »seiner Neugier« gestorben. Neugier worauf, das verriet sie nicht.

Der Anwalt, so die Presse-Spekulationen, habe sich offenbar deshalb so intensiv mit der Geschichte seiner Schwiegerfamilie befaßt, weil er in der Frage des Sorgerechts für seinen Sohn Druck auf die Boutbouls habe ausüben wollen.

Daß der Ermordete dabei auf brisante Unterlagen gestoßen sein mußte, bestätigte seine Schwiegermutter freimütig: »Wenn Jacques mit mir über dieses Dossier gesprochen hätte, dann hätte ich ihm gesagt: »Du rührst an Dynamit, laß die Finger davon.« Seit der Pariser Untersuchungsrichter Alain Verleene die Ex-Anwältin - wenn auch ergebnislos - vernommen hat, ist sie schweigsamer geworden.

Dafür beschloß der Boutboul-Clan, etwas für sein Image zu tun: Man arrangierte ein großes Familien-Rührstück. In einem von der Reitsport-Journalistin Pierrette Bres in der Wohnung von Elisabeth Cons-Boutboul inszenierten Fernseh-Spektakel konnte Frankreich - live zur besten Sendezeit während der Abendnachrichten - der »Wiedervereinigung« der Familie beiwohnen.

In Anwesenheit ihrer Mutter und ihres Söhnchens Adrien stürzte Frankreichs schönste Rennreiterin durch eine Tür in den Salon und fiel ihrem angeblich totgeglaubten Vater heulend in die Arme. »Warum«, stammelte Darie Boutboul gut hörbar fürs Millionenpublikum, »hat es erst den Tod von Jacques geben müssen, ehe wir uns wiedervereinen?«

Das bühnenreife Familienspektakel erregte eher Hohn als Mitgefühl. »Le Monde« fand, daß »Kasperletheater ein Muster an Zartgefühl und Geschmack« sei im Vergleich zu dem, was die Boutbouls da aufgeführt hätten. Neue Gerüchte, neue Unterstellungen wurden verbreitet, zumal niemand eine Antwort auf die Frage gab, warum die Boutbouls den Schwiegersohn belogen hatten.

Für die Tatzeit haben sie jedenfalls ein Alibi: Als Maitre Perrot im Treppenhaus tödlich getroffen zusammensackte, speisten die Boutboul-Damen gemeinsam mit Freunden - in Gegenwart ihres Rechtsanwalts.

2. v. l.: Perrots Witwe Darie Boutboul.

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