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RASSISMUS Schlechtes Blut

40 Jahre lang experimentierten weiße US-Regierungsärzte ungestört und ungestraft mit 400 schwarzen Landarbeitern. Die Patienten wußten nicht, daß sie an fortgeschrittener Syphilis litten.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Schwester Eunice Rivers fuhr meist im blankgeputzten dunklen Wagen mit Regierungsemblem vor. Ihre Patienten, schwarze ausgemergelte Landarbeiter in Alabama, stiegen gern ein. Und sie genossen es, den Nachbarn in ihren baufälligen, verkommenen Hütten aus dem feinen Auto zuzuwinken.

Schwester Rivers, so wußten die Schwarzen, kümmerte sich seit Jahren um ihre Patienten. Wer zu den Auserwählten gehörte, wurde von ihr regelmäßig zu den »Regierungsdoktern«, den weißen Ärzten der amerikanischen Gesundheitsbehörde im Tuskegee Hospital in Macon County, gefahren. Dort bekam er ein paar Pillen, eine warme Mahlzeit, bei Bedarf ein Krankenbett und - im Falle seines Ablebens sogar noch fünfzig Dollar Beerdigungsgeld.

Was die Schwarzen nicht wußten: Sie waren Opfer des größten Menschenversuchs in den Vereinigten Staaten - unter der Regie des staatlichen Gesundheitsdienstes. Und sie ahnten auch nicht, weshalb Schwester Rivers und die Ärzte ein großes Interesse an ihnen zeigten: Sie alle litten an fortgeschrittener Syphilis.

Hakte einer der vertrauensseligen Patienten einmal nach, erklärten die Ärzte nur, er habe »schlechtes Blut«, harmloser Jargon für vielerlei Krankheiten im Negermilieu. Und sie gaben ihm rosafarbene Aspirin und Placebos.

Vierzig Jahre lang, von 1932 bis 1972, als das Tuskegee-Experiment endlich aufflog, ließen die Regierungsärzte rund 400 schwerkranke Schwarze unbehandelt, um an ihnen ungestört die Spätfolgen der Syphilis studieren zu können.

Die Nation war geschockt. Ein New Yorker Journalist mochte kaum glauben, daß »eine solche ekelerregende Gefühlslosigkeit außerhalb Nazi-Deutschlands« möglich gewesen sei. Die Ärzte litten »an einer moralischen Sehverkrümmung, wodurch sie die schwarzen Opfer nur noch als Studienobjekte und nicht mehr als Menschen« gesehen hätten, klagte die »Atlanta Constitution«.

Doch das unangenehme Tuskegee-Experiment wurde aus dem sauberen amerikanischen Gewissen verdrängt. Erst jetzt enthüllt der US-Historiker James H. Jones in einer ersten großen Dokumentation in allen Einzelheiten, wie die Regierungsärzte Gott spielten und die Wissenschaft verrückt wurde. Titel: »Bad Blood«,

( James H. Jones: »Bad Blood«. The Free ) ( Press, New York, 1981; 262 Seiten; ) ( 14,95 Dollar. )

schlechtes Blut.

Die Menschenversuche, so die Jones-These, lassen sich nicht ohne den amerikanischen Rassismus erklären. Wie viele weiße Amerikaner waren auch Ärzte lange Zeit überzeugt, daß die Schwarzen »anders«, und das hieß »minderwertig«, seien. Südstaaten-Mediziner argumentierten im Bürgerkrieg, daß die »Nigger« ohne das »wohltätige System« der Sklaverei nicht leben könnten.

Nur ein Phänomen an den Schwarzen beschäftigte die weißen Ärzte wirklich zutiefst: die Potenz. Neger hatten nach landläufiger Vorstellung riesige Geschlechtsteile, kleine Gehirne und waren von sexueller Besessenheit. Kein Wunder, S.180 daß sie besonders anfällig für Geschlechtskrankheiten waren, »eine notorisch syphilisverseuchte Rasse«, so ein Doktor.

Die Schwarzen blieben der Lustseuche noch ausgeliefert, als Europa und das weiße Amerika längst die 1910 entdeckte Wunderwaffe Salvarsan verwendeten. Die Chemotherapie war zwar langwierig, schmerzhaft und risikoreich, aber sie wirkte.

Erst 1929 startete der Rosenwald Fund, eine private Organisation, in der tiefsten Provinz, im Macon County, ein Pilotprojekt zur Syphilisbekämpfung bei schwarzen Landarbeitern, denn hier lag mit 36 Prozent die höchste Infektionsrate im ganzen Land.

Mit dem Angebot von Gratisuntersuchungen lockten weiße Ärzte scharenweise Schwarze aus ihren abgelegenen Hütten. Der Doktor »hat in unseren Armen herumfuhrwerkt, als ob er ein Schwein ausweidet«, so ein Patient zu den Blutuntersuchungen, »ich sagte ihm, das tut weh, er sagte, ich bin der Arzt, und ich sagte, das ist mein Arm!«

»Die alten Onkel und Tanten stellten einen Haufen unnötiger Fragen«, beschwerte sich Oliver Wenger, einer der beauftragten Ärzte, »und eine Woche später dasselbe von vorn mit den gleichen Patienten«.

Der Rosenwald Fund bekam weder die Patienten noch die Syphilis unter Kontrolle. 1932, mitten in der Großen Depression, zog sich der Fund aus dem Pilotprojekt zurück, in der Hoffnung, daß der staatliche Gesundheitsdienst Syphilisdiagnose und -behandlung mit mehr Erfolg fortsetzen werde.

Doch das Gegenteil war der Fall. Der Gesundheitsdienst verwandelte das Macon-County-Programm in die Tuskegee-Studie, das wohl längste Experiment ohne therapeutischen Nutzen in der Medizingeschichte.

Macon County erschien Ärzten als »eine hervorragende Gelegenheit«, eine Art geschlossenes Laboratorium mit Hunderten von syphiliskranken Schwarzen im medizinischen Urzustand, nämlich unbehandelt.

Raymond Vonderlehr, ein ehrgeiziger junger Arzt des Gesundheitsdienstes, entdeckte hier 1933 eine wissenschaftliche »Goldmine mit Herzkranzgefäß-Syphilis«, deren klinische Symptome sich auf »bizarre und untypische Art beim Neger« zeige. Zum Beweis seiner These brauchte er 400 Testpersonen.

Vonderlehr und Schwester Eunice, die als Schwarze über beste Kontakte zu ihren Leuten verfügte, brachten die Syphiliskranken mit einem Trick zum Tuskegee-Hospital: »Letzte Chance für eine Gratisbehandlung, melden Sie sich bei der Schwester.«

Die Gratisbehandlung bestand vor allem aus Rückenmarkpunkturen. Vonderlehr hastete von Patient zu Patient, zwanzig Punkturen am Tag, um den Testteil zu beenden, bevor sich die Kandidaten über die Nebenwirkungen wie Lähmungen und Kopfschmerzen verständigten und ausblieben. »Eine brutale, sehr rohe Methode«, erklärte selbst Schwester Eunice, »die Männer waren zu Tode erschrocken.«

Vonderlehr wollte nicht einsehen, daß die Studie zudem noch einen schweren wissenschaftlichen Fehler enthielt. Die 400 unfreiwilligen Testpersonen waren nicht gänzlich unbehandelt, sondern teilbehandelt, denn die meisten hatten in der Ära des Rosenwald Fund zumindest eine kleine Dosis Salvarsan abbekommen.

Spätestens hier hätte das Experiment abgebrochen werden können. »Wir haben S.183 kein Interesse mehr an den Patienten, bis sie tot sind«, erklärte Wenger 1933, nun selbst im Gesundheitsdienst. Doch gerade die Autopsie würde »die pathologische Bestätigung der einzelnen Stadien der Krankheit geben«, forderte ein anderer Projektarzt.

Der wissenschaftliche Eifer der Ärzte, die auch noch in der Pathologie Syphilisgeschwüre der Schwarzen untersuchen wollten, ließ das Experiment weitergehen. Die Ärzte kamen zum jährlichen »Round-up« nach Macon County, um immer neue Untersuchungen zu machen. In der Zwischenzeit kümmerte sich Eunice um Lebende und Ablebende: Viele arme Schwarze drängten sich in »Schwester Rivers Begräbnis-Orden«, wie es ein Kritiker nannte, denn bei ihrem Tod (und Autopsie) zahlten die Ärzte fünfzig Dollar.

»Lassen Sie mich Ihnen versichern, wie sehr Doktor Peters und ich die Autopsien genossen haben«, schrieb ein Arzt an Vonderlehr, inzwischen Chef der Abteilung Geschlechtskrankheiten des Gesundheitsdienstes: »Wir sind gern bereit, in künftigen Fällen zusätzliche Untersuchungen durchzuführen.«

Die infizierten Frauen und Kinder der Schwarzen blieben völlig außer Betracht. Und schlimmer:

* Als Ende der 30er Jahre die USA in einer großen Kampagne alle Geschlechtskrankheiten ausrotten wollten, wußte Schwester Rivers die Männer von Macon County auszuschließen: »Der ist unter Beobachtung, den dürft ihr nicht behandeln.«

* Als in den 40er Jahren weltweit die erfolgreiche Behandlung mit Penicillin propagiert wurde, gingen die Ärzte in Alabama stillschweigend darüber hinweg.

* Als die Erfassungskommissionen im 2. Weltkrieg in Macon County eine Syphilis-Behandlung der jüngeren Schwarzen forderten, wußten die Tuskegee-Ärzte »ihre« Patienten rauszuhalten.

Das Experiment ging mit jener Eigendynamik weiter, die sich im Schatten einer großen Bürokratie wie des staatlichen Gesundheitsdienstes ungestört entwickeln konnte. »Wir wissen jetzt, was wir vorher nur annehmen konnten, nämlich, daß wir das Leiden unserer Patienten verstärkt, ja ihr Leben verkürzt haben«, schrieb der Arzt Wenger 1951 selbstkritisch. Die Konsequenz: »Wir haben die moralische Verpflichtung gegenüber den Verstorbenen, die bestmögliche Studie überhaupt zu machen«, so Wenger.

Als der bestmögliche Weg erschien den Beteiligten, weiterzumachen, bis der letzte Kandidat auf dem Autopsietisch lag. Über das Tuskegee-Experiment berichteten mehrere Mediziner-Zeitschriften, doch erst 1965 prangerte Irwin Schatz als erster ärztlicher Standesvertreter das Experiment an, wo »Ärzte Patienten mit einer möglicherweise tödlichen Seuche unbehandelt lassen, während es doch eine erfolgreiche Therapie gibt«. Der Detroiter Arzt erhielt niemals eine Antwort von den Projektärzten.

1970 sprach James Lucas, einer der Ärzte des Gesundheitsdienstes, endlich aus, was keiner der Kollegen zuzugeben wagte: »Durch keines der Ergebnisse wird auch nur ein einziger Fall von infektiöser Syphilis verhindert, entdeckt oder besser behandelt.« Die Folgen der Syphilis waren für Schwarz und Weiß gleich katastrophal, Vonderlehrs These war ein Flop.

Als das Tuskegee-Experiment 1972 durch einen Zeitungsbericht aufflog, lebten nicht einmal mehr 120 Patienten. Der Staat zahlte zehn Millionen Dollar Entschädigung an Überlebende und Hinterbliebene.

S.178James H. Jones: »Bad Blood«. The Free Press, New York, 1981; 262Seiten; 14,95 Dollar.*Bei einer Blutabnahme.*

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