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Spanien Schleusen geöffnet

Nach der Jahrhundertdürre nun der große Regen - und wieder klagen die Bauern.
aus DER SPIEGEL 6/1996

Die Banesto hatte sich wieder einmal verspekuliert. Das spanische Bankhaus, eines der größten im Lande und vor zwei Jahren der Pleite nahe, wollte sich von einer Altlast unter seinen vielfältigen Besitztümern trennen: dem 320 Hektar großen Landgut »La Encomienda« in der südspanischen Extremadura.

Ende letzten Jahres war eine Versteigerung der nach vier Trockenjahren zur Wüste verkommenen Äcker angesetzt. Trotz des Schleuderpreises von 1,5 Millionen Peseten (80 000 Mark) pro Hektar blieben Interessenten aus. Dann setzten plötzlich massive Regenfälle ein. Bauern aus dem Dorf Valdivia beschafften sich Kredite und griffen zu. Nun teilen sich 20 Familien an die 70 Prozent der Finca.

Valdivia ist in Hochstimmung. »Es ist, als hätten wir den Haupttreffer der Weihnachtslotterie gewonnen«, freut sich Vicente Huerta, einer der neuen Landeigner. Es gebe nun genug Wasserreserven, um im Frühjahr Tomaten anzupflanzen. »Das bringt eine halbe Million Peseten pro Hektar.«

Eine ganze Region blüht auf - der Tomaten-Boom wird neue Arbeitsplätze im Transportgewerbe und in den Konservenfabriken schaffen. Außerdem erholen sich die Korkeichen der Gegend, die wegen der Dürre seit zwei Jahren nicht mehr entrindet werden konnten. Auch das bedeutet Arbeit: Ein Korken geht gewöhnlich durch mehr als 50 Hände, bis er in einem Flaschenhals steckt.

Nachdem allein im Dezember mehr Regen gefallen war als in den Wintern der Vorjahre, ist ein atlantisches Tief nach dem anderen über die Iberische Halbinsel hinweggezogen. Die Folgen sind dort am spektakulärsten, wo zuvor die Trockenheit die Böden am schlimmsten ausgedörrt hatte: in den Südregionen Andalusien und Extremadura.

In den 62 Stauseen entlang des Guadalquivir stand Mitte Januar viermal soviel Wasser wie im vergangenen November. Die Stromerzeugung konnte um 115 Prozent gesteigert werden. Sevilla bekam binnen zwei Monaten Rekordreserven an Wasser, die für drei Jahre reichen. Am Stausee Los Hurones, Hauptreservoir der Provinz Cadiz, _(* Im November 1995. )

mußten die Schleusen geöffnet werden, um die Fluten abzulassen.

Der plötzliche Überfluß ließ allerdings jede Vorsorge für eine wahrscheinlich wieder trockene Zukunft vergessen. Die Wasserrationierung - in einigen Gegenden des Südens floß seit nahezu vier Jahren bis zu zehn Stunden am Tag kein Tropfen aus den Leitungen - ist inzwischen aufgehoben worden.

Doch der Segen brachte auch Unglück: An der Universität von Sevilla stürzte das Dach des neuen Audimax der medizinischen Fakultät unter den Wolkenbrüchen ein. Am Stadtrand, in einem Viertel für kleine Leute, verloren MarIa de Lourdes Delgado und ihre Nachbarn binnen 15 Minuten die gesamte Habe. »Der Abflußkanal vor dem Haus lief über, alles schwamm, links der Kühlschrank, rechts die Waschmaschine, Möbel, Wäsche, Kleidung«, klagt die Frau.

Stromausfälle setzten Verkehrsampeln außer Betrieb, entwurzelte Bäume sperrten Hauptverkehrsstraßen. Im Hochwasser steckengebliebene Autos blockierten die Durchfahrt für Feuerwehr und andere Helfer. Auch in Malaga drohte der Guadalmedina, dessen Regulierung seit Jahren verschleppt wird, das Stadtzentrum zu überfluten.

Zeitweise mußten in der ganzen Provinz Sevilla die Schulen geschlossen werden. In Nerva bei Huelva konnten 300 Kinder gerade noch durch die Fenster evakuiert werden, nachdem in der Nähe ein Staudamm geborsten war.

Mit dem Regen kam eine Kältewelle, die schon in Höhen um 800 Meter für ausgiebige Schneefälle sorgte. Landesweit wurden zwei Dutzend Paßstraßen zeitweilig gesperrt, aus abgeschnittenen Dörfern mußten Hunderte Familien evakuiert werden. In den Skigebieten der Sierra nördlich von Madrid gab es erstmals seit Jahren genug Schnee - dafür standen die Lifte wegen unwetterbedingter Stromausfälle still.

Überall in Andalusien verschlammten eben noch von der Trockenheit aufgesprungene Äcker, weil die Anlage von Drainagen völlig vernachlässigt worden war. Das Heer der Landarbeiter, das über Jahre wegen der Dürre kaum Arbeit fand, kann nun wegen der ständigen Regenfälle nicht auf die überfluteten Felder. Traktoren versinken bis zu den Achsen in der aufgeweichten Erde, die Weizen- und Kartoffelaussaat ist zum großen Teil davongespült worden.

In der Provinz Cadiz ist die Zitrusernte fast vollständig vernichtet, ebenso erging es den Erdbeerpflanzungen von Huelva. Die Agrarunternehmer der Provinz Sevilla berechnen ihre Einnahmeausfälle auf 240 Millionen Mark.

Andalusiens Bauern müssen eilig die Transparente umschreiben, mit denen sie vor kurzem noch für staatliche Hilfe zur Milderung der Dürreschäden demonstriert hatten. Nun soll Geld für die erlittenen Regenschäden her.

Das ständige Elendsgeschrei der Agrarier, die 1995 allein aus Brüsseler EU-Kassen mit 235 Milliarden Peseten (2,77 Milliarden Mark) alimentiert worden sind, wird jedoch selbst in den eigenen Reihen nicht mehr ganz ernst genommen. Insgesamt nämlich stiegen die Zahlungen aus dem Europa-Füllhorn in den vergangenen zehn Jahren um das Siebenfache an.

Manolo Molina, der eine Landwirtschaftsschule in Holland absolviert hat und nun drei Hektar gleich hinter dem Strand von El Palmar in der Provinz Cadiz bewirtschaftet, rückt die Dinge zurecht: »Die Viehzüchter werden nach diesen Regenfällen weniger zufüttern als sonst. Die sparen jetzt viel Geld.«

Und auch für die Gemüse- und Obstanbauer sei nicht alles verloren: »Die erste Aussaat ist hin, doch wir können jetzt nochmals aussäen und bewässern, es gibt genug Wasser bis in den Sommer hinein.«

* Im November 1995.

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