Zur Ausgabe
Artikel 27 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

DDR Schlicht im Wolga

Seit Walter Ulbrichts Abgang aufs politische Altenteil vollzieht sich in der DDR ein Führungsrevirement. Bisher wichtigste Veränderung: der Aufstieg Horst Sindermanns in die Staatsspitze.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Zur Ankunft des hohen Gastes aus der Hauptstadt sang, wie das Parteiorgan »Neues Deutschland« protokollierte. ein Kinderchor »frohe Lieder«. Chefbäcker Günter Ranke zeigte seine neue Großbäckerei vor stündlich 15 000 Brötchen. Die Bewohner des Hauses Nr. 5, Block 042, luden für den Abend zu einem Freundschaftstreffen: Die jüngste DDR-Gemeinde, Halle-Neustadt, 50 000 Einwohner. Wohnzentrum der Chemiearbeiter des Industriedreiecks Halle, Merseburg, Bitterfeld, hieß Horst Sindermann, 56. Politbüro-Mitglied und Vizepremier aus Berlin, »herzlich willkommen« -- so das »Neue Deutschland«.

Und diesmal übertrieben die Parteijournalisten nicht. Denn Sindermann, der sich den Hallensern drei Tage vor der Volkskammerwahl am 14. November noch einmal als Spitzenkandidat präsentieren wollte, genießt im Saale-Bezirk mehr als nur den republiküblichen Respekt vor SED-Führern -- er ist wirklich populär.

Acht Jahre lang -- vom Februar 1963 bis zum Mai dieses Jahres -- leitete er den Parteibezirk Halle. acht Jahre lang hatte er Erfolg. Während dieser Zeit erreichte das Sindermann-Revier im Vergleich zu den anderen DDR-Bezirken die höchste industrielle Bruttoproduktion, es hält den führenden Platz in der Metallurgie, der Produktion von Baumaterial und in der Chemie: 40,5 Prozent der DDR-Chemieproduktion stammen aus dem Saale-Bezirk, darunter aus Traditionswerken wie Leuna I (Grundstoffe und Kunstdünger), Buna (Kunst-Gummi) und der Filmfabrik Wolfen ("Orwo"), aber auch aus neuen Mammut-Anlagen wie dem mit Sowjetöl betriebenen Petro-Chemie-Kombinat Leuna II.

Allenthalben hält Halle Republikrekorde: Die Bezirksbürger stehen im DDR-Vergleich an erster Stelle beim Kauf von Motorrädern und Mopeds. beim Verbrauch von Zigaretten und Milch. Zudem werden Jahr für Jahr im Bezirk Halle mehr Wohnungen gebaut als in irgendeinem anderen Distrikt der DDR.

Vor allem der staatlich geförderte wie geforderte Ausbau der chemischen Industrie machte neue Wohnzentren für Chemiearbeiter notwendig. Und Sindermann ließ bauen: 1964 im Juli legte er nördlich von Halle, wo einst Zuckerrüben gediehen, den Grundstein für Halle-Neustadt, dessen Bürger (im Schnitt nicht älter als 24 Jahre) den nun in Ost-Berlin arrivierten Genossen so freundlich empfingen.

Ansehen bei seinen Werktätigen hatte sich der agile Parteiarbeiter Sindermann nicht nur mit überdurchschnittlichen Erfolgen in der Produktion und beim Wohnungsbau -- und folglich überdurchschnittlich hohen Leistungsprämien für Chemie- wie Bauarbeiter -verschafft. Der Bezirks-Parteichef war zudem -- im Gegensatz zu den meisten seiner Führungskollegen -- darauf bedacht, menschlichen Kontakt zu den Bürgern zu pflegen, bei Ansprachen auf Partei-Chinesisch zu verzichten und jeden Anschein von Personenkult zu vermeiden.

So ließ er sich lieber mit einem schlichten »Wolga« statt der ihm zustehenden Staatskarosse vom Sowjet-Typ »Tschaika« zu Werksbesichtigungen chauffieren. Und als er zu Beginn seiner Amtszeit für seinen Haushalt einen der damals raren Waschautomaten erwerben wollte, bat er in einem Hallenser Kaufhaus wie alle anderen Interessenten um Aufnahme in die Warteliste. statt sich, wie standesgemäß üblich, sofort und billiger in einem der Staatskontore für gehobene Funktionäre zu bedienen.

Es förderte den guten Ruf des Parteisekretärs, daß er Vorzugsbehandlung für sich und seine Familie ablehnte, sich niemals, wie andere Führungskader, vor der Öffentlichkeit verbarg und aufwendigen Zeitvertreib verabscheute. Am liebsten spielte er feierabends mit seinem jüngsten Sohn Thomas und dessen elektrischer Eisenbahn.

Doch so sehr diese Bürgernähe vom Stil der Führungsgenossen abzuweichen scheint -- ein Abweichler war Horst Sindermann nie. Sein ganzes kommunistisches Leben lang folgte er ergeben der Linie der Partei. Seit der Dresdner Realgymnasiast 1929 dem Kommunistischen Jugendverband beitrat; als ihn die Nazis von 1933 bis 1945 erst ins Gefängnis, dann ins Zuchthaus Waldheim und schließlich mit der Nummer 37 562 ins KZ Sachsenhausen schickten; seit er nach Kriegsende erst in Chemnitz, dann in Halle als Parteijournalist und schließlich als Abteilungsleiter für Agitation im Berliner SED-ZK arbeitete; sei es in der Stalin-Ära oder danach -- niemals hatte Sindermann Zweifel an der Richtigkeit der jeweiligen Richtung.

Als die SED 1964 mit dem eigensinnigen Genossen Robert Havemann abrechnete, vertrat Horst Sindermann, inzwischen Kandidat des Politbüros, die Anklage: Havemann negiere »die schöpferische Arbeit der Parteiführung«. Und als im Jahre darauf diese Parteiführung mit ihren Kulturrevolutionären ins Gericht ging, war es wiederum Sindermann, der den Linienrichter machte. Er nannte den Polit-Chansonnier Wolf Biermann »arrogant«, den Schriftsteller Stefan Heym »leichtsinnnig« und alle jene Kulturerzeugnisse »das Ende der Kunst«. in denen »nur noch Karrieristen, Zweifelnde, Triebhafte, Schnoddrige, Berechnende, Brutale das Leben bestimmen«.

Diese Linientreue des »hochintelligenten Sachsen« ("Deutsche Zeitung"). sein Eifer, den Chemiebezirk Halle auf Weltniveau zu liften, und sein -- erfolgreicher -- Versuch, sich vom Experten für Agitation zum Wirtschaftsfachmann zu qualifizieren, bereiteten den nächsten und vorerst letzten Schritt auf Sindermanns Weg nach oben vor. Als Walter Ulbricht vom politischen Geschäft Abschied nehmen mußte, beriefen Parteichef Erich Honecker und Ministerpräsident Willi Stoph ihren Politbürogenossen aus Halle als dritten Mann in das neu formierte Führungskollektiv und machten ihn zunächst zum stellvertretenden Ministerpräsidenten.

Ihre Wahl fiel, sicher nicht zufällig, auf einen Schicksals-Genossen. Denn Sindermann geht, wie Honecker und Stoph. auf die 60 zu, stammt, wie Honecker und Stoph, aus der kommunistischen Jugendbewegung und überstand, wie Honecker und Stoph, das Dritte Reich im Lande.

Lind in dieser DDR-Führungsgruppe wird Horst Sindermann aller Voraussicht nach bleiben -- zumal dann, wenn die Partei andere Ämter für ihn bereithält: etwa die Nachfolge eines auf Ulbrichts Staatsratsvorsitz hochrückenden Ministerpräsidenten Stoph.

Die »Frankfurter Allgemeine« ist schon jetzt mit Lob und Lorbeer bei der Hand. Sindermann, so schrieb die Zeitung für Deutschland erst neulich, »kann ... nach Intelligenz und Reife den Rang eines Sozialgestalters beanspruchen«.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 27 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.