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Polizei Schlicht Kiki

Bayerische Polizisten haben heimlich Kokain aus Kolumbien importiert - und wurden dabei hereingelegt.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Das Codewort hieß »Cristobale«. Mit diesem Schlüssel ließen sich die geheimen Botschaften dechiffrieren, die Mittelsmänner des kolumbianischen Kokain-Kartells von Cali ins bayerische Feldkirchen nahe München schickten.

In einem provisorisch als Büro hergerichteten Hotelzimmer kamen dort per Fax Nachrichten an wie diese: »V78 2J 715 J7«. Die Empfänger, Kokain-Einkäufer in der Erwartung von Nachschub, waren über die Kunde sehr erfreut. 20 Kilo Ware, ließ sich mit dem Schlüsselcode übersetzen, steckten in einem roten Koffer auf dem Flughafen.

In fünf Tranchen, mal per Luftfracht, mal mit dem Schiff, importierten die Kunden in Bayern so von Dezember 1988 bis Januar 1991 fast eine Tonne Kokain zum Großhandelswert von rund 30 Millionen Dollar. Stolz teilten sie ihren Coup der Öffentlichkeit mit.

Denn das gigantische Geschäft war eine Inszenierung des Bayerischen Landeskriminalamtes (LKA). Für den »größten Kokain-Fang in der Geschichte der Bundesrepublik« sprach Innenminister Edmund Stoiber (CSU) den Geheimniskrämern von Feldkirchen, alles LKA-Mitarbeiter, »Glückwünsche« aus.

Die »operative Einsatzgruppe« der Bayern-Kripo, so ein interner Vermerk, habe wieder einmal »gezeigt, was Effizienz ist«. Doch Drogenfahnder außerhalb des Freistaats haben solche Effizienz mittlerweile fürchten gelernt.

Seit diesem Sommer steht, nach verschiedenen anderen Prozessen, wieder einmal ein Gehilfe der Kokain-Lieferanten in München vor Gericht. Und je mehr Einzelheiten des LKA-Coups bekannt wurden, desto deutlicher zeigte sich, was der angeblich so große Erfolg in Wirklichkeit war: ein besonders teurer Fall von unsinnigem Polizeiaktionismus.

Einfach mal »noch ''ne Tonne reinholen und beschlagnahmen«, kommentieren Kripo-Kollegen vom Wiesbadener Bundeskriminalamt _(* Auf einer Pressekonferenz in München ) _(im August 1989. ) die skurrile Münchner Beschaffungsaktion, sei »schlicht Kiki": »Das schönt doch nur die bayerische Kriminalstatistik.«

Kokain aus MedellIn und Cali in Großhandelsmengen mit Millionenaufwand an Steuergeldern nach Bayern zu lotsen, dabei sogar Drogenbosse der Kartelle freizuhalten und entkommen zu lassen - welchen Sinn das machen soll, weiß auch der heutige LKA-Chef Hermann Ziegenaus im nachhinein »nicht recht zu erklären«.

Scheinaufkäufe verdeckter Ermittler sind im Kampf gegen die Rauschgiftkriminalität mittlerweile zwar üblich. Nur so glaubt die Polizei an die Hintermänner des organisierten Verbrechens gelangen zu können. Doch so doll wie die Bayern haben es die Fahnder nie zuvor getrieben. Sie wurden denn auch beim Versuch, die kolumbianischen Kokain-Könige zu überlisten, schließlich selbst geleimt.

Für den Coup bediente sich das LKA eines Mannes, dem das Landgericht München I eine »schillernde Persönlichkeit« bescheinigt: Peter Reichel, 54, einen sächselnden Kaufmann, warben die Kriminalen als V-Mann an.

Mit heiklen Transaktionen hatte Reichel Erfahrung: Lastwagen aus Bundeswehrbeständen, die Reichel nach Costa Rica verschiffte und im Hafen von San Jose mit Bakschisch durch den Zoll lotste, seien, so glauben Fahnder zu wissen, gelegentlich mit Waffen für den später von den USA gestürzten panamaischen General Manuel Noriega bestückt gewesen. 2000 Dollar, die Zocker Reichel mal im Spielkasino von Panama-Stadt in Chips eintauschte, sollen Blüten gewesen sein.

Genau der richtige Mann für die Kripo-Arbeit. Am 8. November 1988 unterschrieb Reichel beim LKA eine »Verpflichtungserklärung« als V-Mann. Wider alle Regeln brauchte er danach Bewährungsauflagen aus einem Betrugsprozeß nicht zu erfüllen, 29 000 Mark Schulden bei der Firma Wagon-Lits beglich die bayerische Staatskasse.

Der Staatsauftrag muß dem schillernden Halbweltler wie ein Lottogewinn vorgekommen sein. Einem Geschäftsfreund deutete Reichel damals die baldige Rückzahlung von 300 000 Mark Schulden an. Einige hunderttausend Mark Honorar seien bei erfolgreichem Kokain-Einkauf als Prämie vom LKA zu erwarten. Zudem sah Reichel offenbar Chancen, auch noch von den Lieferanten in Kolumbien Provisionen zu kassieren.

Der V-Mann aktivierte den Spanier Juan Nistal Gonzales, 49, einen ehemaligen Angestellten seiner Firmen, der inzwischen in Costa Rica lebte. Reichel habe, so erinnert sich Nistal an das Anwerbungsgespräch, »einen ganz raffinierten Plan entwickelt, der ihm die Bullen vom Hals halten und noch eine Menge Geld einbringen würde«.

Nistal, so dessen Darstellung, sollte als Reichels »Unter-V-Mann« arbeiten und in Kolumbien Lieferanten für ein »süddeutsches Kartell« - in Wahrheit das Bayerische Landeskriminalamt - auftun. Dabei sollte Nistal von den Südamerikanern 5000 Dollar Vermittlerprovision pro Kilo fordern: »Ein schönes Sümmchen, das wir uns dann teilen.« V-Mann Reichel zu den nachträglichen Anschuldigungen seines Ex-Partners: »schlichtweg falsch«.

Gemeinsam hatte das Duo jedenfalls im Auftrag des Münchner LKA-Drogenfahnders Egon Zellner weltweit Aktivitäten entfaltet. Reichels Kumpel Nistal warb in Panama einen anderen alten Reichel-Freund für das Projekt an: einen Schiffsagenten mit guten Drähten zu den kolumbianischen Lieferanten.

Tatsächlich gelang es dieser schrägen Connection, einen der wichtigen Männer des Cali-Kartells zum Scheingeschäft nach Bayern zu locken: Drogenboß Jose Vicente Castano Gil. Im Münchner Hotel Königshof konferierte er ausgiebig mit Reichel und dem LKA-Mann Zellner, der als »Ulli« den Drogenaufkäufer spielte. Drei Tage später begab sich der Kokain-Baron unter den Augen von LKA-Observanten in die Schweiz, um in Genf »finanzielle Dinge zu regeln«.

Nistal wurde, um die Sache zu beschleunigen, nach Kolumbien geschickt. Er reiste, so Zellner später in einer dienstlichen Erklärung, »auf meine Veranlassung, um vor Ort in Kolumbien zu erkunden, welcher Art die Lieferprobleme seien«. Vier- bis fünfmal schickte Reichel dem Freund Nistal im Kripo-Auftrag 300 Dollar Spesengeld.

Die Investition zahlte sich aus: Den Scheinaufkäufern, die unter Leitung von Zellner das Büro in Feldkirchen betrieben, wurden aus Kolumbien Lieferungen von »je 500 Kilogramm« avisiert.

Drogenbaron Castano Gil, der sich »Viktor« nannte, offerierte heiße Fracht: Der Seelenverkäufer »Don Juan V« hatte mit 653 Kilo Kokain an Bord einen Abnehmer auf hoher See vor Spanien verpaßt, war nun auf Kurs Rotterdam und dümpelte vor der Drei-Meilen-Zone; der Kapitän wagte sich mit der heißen Fracht nicht in den Hafen.

»Viktor« kam extra nach München, um den lieben »Ulli« alias Zellner zu bedrängen, er möge als Aufkäufer einspringen. In seiner Not ging »Viktor« mit dem Kilo-Preis von 30 000 auf 22 000 Dollar herunter - ein Sonderangebot.

LKA-Mann Zellner verhaftete nun nicht etwa den Drogenboß, er schickte »Viktor« vielmehr nach Rotterdam, um den Koks-Kapitän nach Bremerhaven umzudirigieren und bei ihm alle Bedenken auszuräumen: In der norddeutschen Hafenstadt sei er sicher vor Zoll und Polizei. Als Zellners Leute, unter den Augen der LKA-Beamten, in Bremerhaven die Säcke übernahmen, führte ein Passagier, der im Auftrag des Kartells mit an Bord gegangen war, eine Strichliste beim Entladen.

Auf ähnliche Weise ließen die Münchner LKA-Leute eine weitere Schiffsladung Rauschgift ins Land, und sie zahlten auch dafür. Einem belgischen Geld-Kurier überließen sie 570 000 Mark aus der Staatskasse.

Natürlich war vorgesehen, bei passender Gelegenheit sowohl den Kurier wie das Geld wieder einzukassieren. Doch das mißlang, weil der Kassierer nach einer Woche in München »ohne Vorankündigung« (Polizeiprotokoll) verschwand. Das Geld, so weiß die Polizei, nahm er »in einem Sportschuhkarton« mit.

Auch »Viktor« wartete seine Festnahme durch die Beamten des Freistaats Bayern nicht ab. Am Tag, als in München die Bezahlung der 653 Kilo Kokain und Castano Gils Verhaftung geplant waren, reiste er ab. Dem V-Mann Reichel teilte er telefonisch mit: »Ich mußte dringend nach Kalifornien.«

Kripo-Gehilfe Nistal behauptete als Angeklagter vor Gericht, der Drogenboß sei rechtzeitig von Reichel gewarnt worden und habe dafür bezahlt. Der V-Mann dazu: »Absolut lächerlich.«

Sicher ist: Als Innenminister Stoiber sich veranlaßt sah, dem Zellner-Team zu gratulieren, gingen auf Reichels flauem Konto bei der Deutschen Bank 100 000 Mark ein - wenn es nicht der V-Mann-Lohn war, stammt das Sümmchen womöglich von »Viktor«. Auf den Kopf von Castano Gil, den das LKA gratis hätte haben können, sind unterdessen 100 000 Mark Belohnung ausgesetzt.

Nur die Handlanger des Großimports sind bisher bestraft worden: 15 Besatzungsmitglieder des Frachters, vom Kapitän bis zum Smutje, wurden zu Haftstrafen zwischen drei und zwölfeinhalb Jahren verurteilt. Auch der panamaische Schiffsagent, zur Zeit vor Gericht, muß mit einer langjährigen Freiheitsstrafe rechnen.

Die wahre Rolle des V-Manns Reichel in dem Millionenspiel konnte bislang nicht öffentlich geklärt werden, weil das bayerische Innenministerium ihn für alle Prozesse als Zeugen gesperrt hat. Nur Zellner und ein LKA-Kollege durften geschönte Versionen vortragen.

Dem Vorsitzenden Richter Ludwig Ottmann, der gegen die kleinen Täter zu verhandeln hatte, gab es »doch zu denken, wenn in der Bundesrepublik mehrfach eine hochrangige Person des Kartells anwesend ist und unbehelligt wieder abreisen kann«. Und der Verteidiger Stephan Tschaidse erkundigte sich im Prozeß, warum man »Viktor«, als er beim LKA war, nicht verhaftet habe.

Gute Frage.

* Auf einer Pressekonferenz in München im August 1989.

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