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BAYERN Schlichter Bursch

Führt Sexualkunde an Schulen zum gesellschaftlichen Umsturz? Bayrische Theologen und bayrische Politiker scheinen davon überzeugt.
aus DER SPIEGEL 5/1979

Andächtig lauschten die Mitglieder des kulturpolitischen Ausschusses im bayrischen Landtag den mit vielen lateinischen Brocken angereicherten Ausführungen des Regensburger Theologen Franz Xaver Gaar.

Denn der Mann im schwarzen Habit, der sich dem Gremium als schlichter »Bauernbursch aus Niederbayern« vorgestellt hatte, predigte am Dienstag letzter Woche eine gute Stunde lang über ein »heiliges Geschehen, in dem der Schöpfergott waltet«, über eine »geistig-personale Verschenkung«, die von »Schamhaftigkeit« und »Keuschheit« geprägt sein müsse.

Gef ragt war nach dem Ob und Wie einer Sexualkunde an den Schulen, und der Niederbayer ließ es bei seiner Antwort an Deutlichkeit nicht fehlen. Ungehemmte sexuelle Aufklärung führe nämlich nacheinander zur Abscheu vor Frauen ("horror feminae") und sogar vor Männern ("horror viri"), außerdem zur »perversen Verirrung der Masturbation«, natürlich zur »Zerstörung der Kultur«, sogar zum »gesellschaftlichen Umsturz« und schließlich zur »Nihilisierung des Volkes«. Sexualkunde an den Schulen sei jedenfalls »Unsinn, wenn nicht verbrecherisch-gefährlich«.

Solche Tonlagen hätten heutzutage selbst im bayrischen Parlament als fremdartige Arabesken gelten müssen, Erinnerung an längst vergangene Zeiten, da fromme Prälaten den kulturpolitischen Ausschuß durchsetzten und beherrschten. Doch die spitzen Proteste gegen die »mehr oder minder pornographischen Arbeitsmaterialien« an den Schulen, gegen die Diskussion über die »unchristlichen Praktiken der Onanie« wie gegen die »sexuelle Bedarfsweckung« durch Sexualerziehung hatten am Ende der letzten Legislaturperiode einen markanten Erfolg. Jedenfalls setzte die übermächtige CSU-Fraktion einen verabschiedungsreifen Entwurf zur Verankerung der Sexualkunde, der bereits zwei Ausschüsse anstandslos durchlaufen hatte, im letzten Moment wieder ab.

Damit herrscht in Bayern in Sachen Sexualkunde weiterhin ein gesetzloser Zustand. Gelehrt wird das Thema zwar schon seit rund zehn Jahren, wenn auch in maßvoller Form: Der vom Bundesgesundheitsministerium herausgegebene Sexualkunde-Atlas beispielsweise ist nicht erlaubt. Doch auch die entschärften bayrischen »Richtlinien für die Sexualerziehung« bedürfen nach einem Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts; vom Dezember 1977 der Gesetzesform.

Diese schiere Formalität von rund zwanzig Zeilen haben die konservativen Katholiken aus der Umgebung des Regensburger Bischofs Graber bislang mit Methoden zu verhindern gewußt, die sogar der Münchner Kardinal Ratzinger als »törichte Agitation« abqualifiziert. Besonders hervorgetan hat sich dabei ein »Freundeskreis Maria Goretti"« benannt nach einem italienischen Mädchen, das 1902 einem Sittlichkeitsverbrechen zum Opfer fiel. Kreisvorsitzende Rita Stumpf veranstaltet vor den Toren des bayrischen Kultusministeriums regelmäßig »Gebetsstürme« zur Abwendung einer »sexuellen Dauerberieselung in allen Fächern«.

Diesen Katholiken gilt sogar der fromme Kultusminister Hans Maier als ein »Verführer, der besser mit einem Mühlstein in der Tiefe des Meeres versenkt« werden sollte. Und immerhin haben sie mit ihren Aktionen und Flugblättern nicht nur die Gesetzgebung ins Stocken gebracht, sondern auch die Fronten im Landtag durcheinandergewirbelt.

Während ein zweiter, neugefaßter Gesetzentwurf von Maier vorerst unbearbeitet in der Staatskanzlei ruht, hat die FDP-Fraktion den alten Maier-Entwurf fast unverändert als neuen Gesetzesantrag eingebracht. Die inzwischen offenbar völlig desorientierten Kulturpolitiker luden, obschon sie derzeit gar kein einschlägiges Gesetz zu beraten haben, am Dienstag 24 Experten aller Richtungen zu dem Sexualkunde-Hearing. Theologen wie Gaar machten den Auftakt, und Kollegen dieses Kirchenmannes sorgten dafür, daß die Stimmlage gleichblieb.

Erschöpft entfernte sich Minister Maier schon nach den ersten Strafpredigten. Die Männer in Schwarz hatten ihm allzu Bekanntes vermittelt: »Wir wissen ja, daß unsere Welt leider voll sexualisiert ist.«

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