Zur Ausgabe
Artikel 67 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

USA Schlichter Mann

Nach 35 Jahren gab Clinton-Herausforderer Bob Dole seinen machtvollen Senatsposten auf - er setzt auf ein Außenseiter-Image.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Ohne Krawatte, das weiße Hemd geöffnet, der Einreiher weitaus heller als das übliche dunkle Büroblau - so etwa muß das Bild aussehen, das sich Bob Dole von einem gewöhnlichen Amerikaner macht.

In diesem Aufzug jedenfalls stellte der republikanische Präsidentschaftsbewerber am Donnerstag voriger Woche in Chicago erstmals den »neuen Dole« vor - eine Wiedergeburt, die im US-Wahlkampf stets anzeigt, daß ein Kandidat in Schwierigkeiten steckt.

Mit rührungsrauher Stimme und tränenfeuchtem Blick hatte Robert Joseph Dole, 72, tags zuvor eine Sensation verkündet: Zum 11. Juni werde er das mächtige Amt des Mehrheitsführers im Senat und seinen Sitz als dienstältester Senator von Kansas aufgeben.

Auf alle Privilegien seines Führungspostens werde er künftig verzichten, versprach die Nummer drei in der Präsidentschaftsnachfolge (hinter Vizepräsident und Repräsentantenhaussprecher). Um im November ganz vorne zu liegen, wolle er nur noch »als Privatbürger, als Mensch aus Kansas, als Amerikaner und als schlichter Mann« Wahlkampf führen.

Andererseits werde er auch künftig noch »derselbe sein wie gestern und heute«, gelobte Dole. Seinen Wahlstrategen mochte dieser Teil des Versprechens eher wie eine Drohung klingen.

Der freiwillige Abschied aus der im Land nach wie vor mißtrauisch beäugten Washingtoner Führungsetage, von Dole-Freunden als »genial«, »mutig« und »weitsichtig« gerühmt, soll von dem alten Dole, der immer weiter hinter seinen Wahlkampfgegner Bill Clinton zurückgefallen ist, möglichst wenig übriglassen, nicht einmal den Schlips.

Doch was wie ein kühner Befreiungsschlag gedacht war, wirkt in Wahrheit wie eine Verzweiflungstat. Beim dritten Versuch, das Weiße Haus zu erobern, hatte der Kandidat aus der staubigen Prärie von Kansas seine ganze Wahlkampfstrategie zunächst auf seine Position im Kongreß zugeschnitten. Als der wohl einflußreichste Politiker im Washingtoner Gesetzgebungsapparat gedachte er, Clinton wahlentscheidende Schlappen beizubringen.

Sein Kalkül schien ganz einfach: Entweder würde der Senator republikanisch geprägte Gesetze durchpauken und dem Wähler so politische Potenz beweisen. Oder er würde den Präsidenten zum Veto gegen möglichst populäre Dole-Vorschläge nötigen - dann stünde Clinton als starrsinniger Blockierer da.

So sicher war das Dole-Team seiner Sache, daß die Wahlkampfmanager schon für die Vorwahlrunde das Geld mit vollen Händen ausgaben. War erst einmal die Nominierung in der eigenen Partei gesichert, so dachten die Planer, könne die weitere Kampagne ohne große Kosten auf der Bühne des Senats stattfinden. Der Herausforderer, ganz im Gegensatz zu Clinton ein schrecklicher Redner und im direkten Kontakt mit dem Volk ziemlich linkisch, hoffte als Gegen-Staatsmann auf automatische Dauerpräsenz in den Medien.

Doch geschickt wehrten Clintons Demokraten jeden Vorstoß des republikanischen Senatsführers ab. Der Präsident schaffte es, seinem Gegner ein konservatives Wahlkampfthema nach dem anderen abzujagen: Mal präsentierte sich der Herr im Weißen Haus als Wahrer der »Familienwerte«, mal als Garant von Sicherheit und Ordnung.

Während die Fraktionen einander im Kongreß blockierten, konnte der Präsident mit quasi überparteilicher Autorität zur Vernunft mahnen und sich dem Wahlvolk als der wirkliche Vertreter des öffentlichen Wohls präsentieren. Vor allem aber kam Clinton die günstige wirtschaftliche Entwicklung zugute: Vor vier Jahren sahen nur 24 Prozent der Amerikaner rosig in die Zukunft, heute sind es 56 Prozent.

Das hatte dramatische Folgen. Auf bis zu 20 Prozent ist Clintons Vorsprung vor Dole angewachsen. Jüngste Umfragen lassen erkennen, daß die Demokraten deutlich geschlossener hinter ihrem Kandidaten stehen als die Republikaner hinter Dole.

Seit vor 60 Jahren Gallup mit der systematischen Wählerbefragung begann, hat noch nie ein Kandidat mit einem solchen Vorsprung sechs Monate vor der Wahl verloren. Den Rekord im Auf und Nieder hält bislang George Bush: Im Mai 1988 lag er 16 Punkte hinter Michael Dukakis zurück und gewann gleichwohl im Herbst mit 7 Punkten Vorsprung; vier Jahre darauf führte Bush das Rennen mit 15 Punkten an und wurde dennoch von Clinton geschlagen.

Dole ähnelt heute eher dem verwundbaren Bush von 1992 als dessen Herausforderer. Wie dem Präsidenten damals fehlt dem Kansas-Senator eine zugkräftige Botschaft - es gibt kaum eine, die sich nicht auch das politische Chamäleon Clinton zu eigen machen könnte.

Immerhin ist Dole dabei, seinen Stil zu verbessern. Statt hölzern immer nur von sich als »Bob Dole« zu reden, hat er nun Mut zum »Ich«. Lange sträubte er sich gegen rhetorisches Training, jetzt benutzt er einen Teleprompter, so daß er nicht mehr jeden zweiten Satz mit einem ohnmächtigen »whatever« ("was auch immer") beendet.

Aber alle Versuche, sich inhaltlich zu profilieren, sind bislang kläglich gescheitert: Erst prangerte Dole die Berufung »viel zu liberaler Richter« durch Clinton an, um sich nachher vorhalten lassen zu müssen, daß er nahezu allen Ernennungen zugestimmt hat. Dann hob er zu einer Attacke auf die Außenpolitik des Präsidenten an - die er bis dahin weitgehend mitgetragen hatte.

Die von präsidialem Pomp begleiteten Auftritte seines Gegners kann der nun ämterlose Dole künftig noch weniger kontern als bisher. Während die Clinton-Truppe bis zum Wahlparteitag im August über 20 Millionen Dollar ausgeben darf, hat Dole allenfalls einige Hunderttausend übrig.

Selbst Republikaner zweifeln deshalb, ob der Rücktritt ihres Kandidaten und das Anheuern neuer Redenschreiber aus der inzwischen verklärten Ronald-Reagan-Ära ausreichen. Sie fürchten, daß viele Wähler angesichts immer lauterer Rufe nach kürzeren Amtszeiten Doles »Verzicht«, den Washingtons Insider für so bemerkenswert halten, keineswegs als Ausweis besonderer Opferbereitschaft aufnehmen.

Dole ist längst in einem Alter, in dem Durchschnittsamerikaner von einer mehr oder weniger kargen Rente leben müssen. »Was riskiert eigentlich ein wohlhabender Senior«, zweifelte deshalb vorige Woche ein Jungrepublikaner, »der sich jederzeit mit einer sechsstelligen Pension nach Florida zurückziehen kann, wenn er seinen Job aufgibt, um sich für einen prestigeträchtigeren zu bewerben?« Y

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 67 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.