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Zeitgeschichte Schlichtes Sehen

Für den Widerstand der Bekennenden Kirche im Dritten Reich propagierte der rheinische Synodale Heinemann eine unorthodoxe Taktik: Einrichtung privater Predigtstätten und Austritt aus der Kirche.
aus DER SPIEGEL 39/1972

Gustav Heinemann ortete »einen ungehobenen Schatz an Vorgängen«, der es verdiene, »ans Licht gebracht und weit stärker als bisher im Bewußtsein unseres Volkes verankert zu werden«.

Während der Bundespräsident derart das mangelnde Geschichtsbewußtsein der Deutschen beklagte, mühte sich sein ehemaliger Mitstreiter, der westfälische Pastor Werner Koch, eine Probe dieses bislang ungehobenen Schatzes ans Licht zu bringen. Gegenstand seiner historischen Bodenforschung: Gustav Heinemann.

Aus Heinemanns Tagebüchern, die bisher keinem Biographen zugänglich waren, aus unveröffentlichten Briefen. Aufzeichnungen und Dokumenten rekonstruierte der pensionierte Kirchenmann ein Kapitel der Zeitgeschichte. über das Westdeutschlands Staatsoberhaupt nur ungern spricht: Gustav Heinemanns Anteil am Kirchenkampf im Dritten Reich*.

Der theologische Ehrendoktor der Universität Tübingen und ehemalige Präses der Synode der evangelischen Kirche Gustav Heinemann, dem Bundesbürger als engagierter Christ vertraut, neigte -- so enthüllt Biograph Koch in seinem jetzt erschienenen Buch -- als junger Mann zu ganz anderen idealen.

Aus liberalem Elternhaus stammend, bekannte sich Student Heinemann nach dem Zeugnis eines Freundes zu einer »atheistisch-mechanistischen« Weltauffassung und war Mitglied des antikirchlichen Monistenbundes. Erst als etwa 30jähriger wandte er sich unter dem Eindruck der Predigten und der sozialen Wirksamheit des Essener Pfarrers Wilhelm Graeber dem Christentum zu.

Doch aktiv wurde das Gemeindeglied Heinemann erst nach Hitlers Machtübernahme. Als die Nazi-treuen »Deutschen Christen« mi Berliner Sportpalast die »Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lohnmoral« und den »Verzicht auf die ganze Sündenbock- und Minderwertigkeitstheologie des Rabbiners Paulus« forderten, schrieb der Rechtsanwalt Heinemann einen Protestbrief an Hitler. Er verwahrte sich gegen die »ungeheuerlichen Angriffe auf die Grundlagen des Christentums« und stellte fest, daß »die

* Werner Koch: »Heinemann im Dritten Reich. Ein Christ lebt für morgen«. Aussaat Verlag, Wuppertal; 224 Seiten; 22 Mark.

Kirchenpolitik der Deutschen Christen ein Verderb für Staat und Kirche« sei.

Damit engagierte sich Heinemann zum erstenmal für die Bekennende Kirche, jene halbiegale Organisation, die während der ganzen Zeit des Dritten Reiches mit wechselndem Erfolg versuchte, die Kirche wie auch den einzelnen Christen vor dem Machtanspruch des totalen Staates zu schützen. Als Vertreter der rheinischen Kirche nahm Gustav Heinemann an der ersten Reichssynode der Bekennenden Kirche im Mai 1934 in Barmen teil. Er wirkte auch an der Barmer Erklärung mit, die bis heute als wesentliches Zeugnis des Widerstands im Dritten Reich gilt.

Diese Erklärung -- nach Heinemann eine »Besinnung auf die biblischen Fundamente in Abwehr der deutschchristlichen Irrlehren von 1933« -- sollte die Kirche gegen das Eindringen der nationalsozialistischen Weltanschauung absichern. Daher verwarf sie »die falsche Lehre«, die Kirche könne »noch andere ... Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen«, und machte Front gegen den Totalitätsanspruch des NS-Staats.

Heinemann, damals Justitiar der Rheinischen Stahlwerke, nahm sein Engagement im Kirchenkampf so ernst, daß er ihm seine berufliche Karriere unterordnete: 1936 wurde ihm eine der Spitzenpositionen der deutschen Wirtschaft, ein Vorstandssitz des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats« angeboten. Der Kirchenkämpfer, der die gute Pfründe gern angenommen hätte, stellte die Bedingung, in seinen Aktivitäten für die Bekennende Kirche nicht behindert zu werden. Hermann Göring entschied, eine »Kombination Wirtschaft und Bekennende Kirche« sei untragbar.

Rheinstahl aber zeigte sich dem treugebliebenen Justitiar erkenntlich und stellte ihm ein Haus in Essens Schinkelstraße zur Verfügung. Im geräumigen Keller seines neuen Domizils installierte Widerständler Heinemann ein elektrisches Vervielfältigungsgerät, auf dem hinfort die Mitteilungsblätter der Bekennenden Kirche in hoher Auflage gefertigt wurden.

Der Raum war mit Hakenkreuzfahne, Führerbild und nationalen Kernsprüchen ausgestattet. Denn im gleichen Keller, in dem nachts die verbotenen Schriften der Bekennenden Kirche gedruckt wurden, fanden tagsüber die Heimnachmittage einer BDM-Gruppe statt, der zwei Heinemann-Töchter angehörten. Das begünstigte zwar die Tarnung der illegalen Presse, doch mußten Heinemanns nach nächtlicher Druckarbeit sorgfältig alle Spuren beseitigen.

Druck und Versand besorgte der Vikar Disselhoff, der sich durch seine Aktivitäten bei den Behörden bald verdächtig machte. Bei einem ergebnislosen Verhör schrie ihn der Staatsanwalt an: »Ich bin es satt, gerüffelt zu werden, weil dieser Nachrichtendienst in meinem Bezirk erscheint.« Der schlagfertige Disselhoff konterte: »Herr Staatsanwalt, sagen Sie mir, wie weit ihr Sprengel reicht, wir wollen gern darauf Rücksicht nehmen.«

Als dann noch eine der Heinemann-Töchter von der Tochter eines Parteifunktionärs gefragt wurde, warum mi Keller nachts immer noch so lange das Licht brenne, brachte man den Vervielfältigungsapparat vorübergehend an anderer Stelle unter. --

Denn der Jurist Heinemann war vorsichtig. Anonyme antifaschistische Flugblätter, die er gelegentlich in seinem Briefkasten vorfand, sandte er unverzüglich mit einem Begleitschreiben an die Polizei. Damit bewies er seine Staatstreue und entging zugleich der Gefahr, der Gestapo in die Falle zu laufen.

Dank solcher Vorsicht konnte die illegale Druckerei jahrelang unentdeckt arbeiten. Noch am 28. Mai 1938 meldete die Gestapo-Leitstelle Essen ihren Vorgesetzten: »Trotz umfangreicher Ermittlungen war es bisher nicht möglich, Hersteller und Verbreiter der Schriften ausfindig zu machen.«

Mitunter sorgte Heinemann auch dafür, daß Nachrichten über die bedrängte Lage der Kirche ins Ausland gelangten. Damit machte er sieh im Sinne der Hitler-Justiz der »unerlaubten landesverräterischen Beziehungen« schuldig.

1938 stand Pastor Martin Niemöller, der populärste der Bekennenden Christen, wegen Kanzelmißbrauchs und Vergehens gegen das »Heimtückegesetz« vor Gericht. Obwohl Presse und Öffentlichkeit von der Verhandlung ausgeschlossen waren, erschienen in der Auslandspresse ausführliche Prozeßberichte. Heinemann hatte sich Einzelheiten über den Prozeßverlauf verschafft und übermittelte seine Kenntnisse unverzüglich seinem Studienfreund Ernst Lemmer, dem späteren Bundesminister. Lemmer, damals Berliner Korrespondent der »Neuen Zürcher Zeitung« und des ungarischen »Pester Lloyd«, gab die Berichte an seine Redaktionen weiter.

Als Delegierter nahm Heinemann an zahlreichen Synoden teil, zog es allerdings vor, meist zuzuhören und zu beobachten. Nur selten meldete er sich zu Wort. Doch verfolgte der Synodale Heinemann mit wachsendem Unbehagen das ungeschickte Taktieren der leitenden Gremien der Bekennenden Kirche. »Es beherrschen die theologischen Syndizi in einem unglückseligen Maße das Feld«, schrieb er später. Und: »Man normiert und deduziert, wo schlichtes Sehen besser wäre.«

Angesichts der Verhaftungen und Amtsenthebungen von Pastoren befremdeten den Laien Heinemann die spitzfindigen Diskussionen der Theologen, die lutherische und reformierte Christen strikt voneinander geschieden wissen wollten. In Augsburg erklärte er 1935 mit anderen nichttheologischen Synodalen, »daß eine allzu ernste Besorgnis bei der Wahrung der reformatorischen Bekenntnisse der Lage der Bekennenden Kirche nicht gerecht wird«. Ein Jahr später gab er auf der Oeynhauser Synode eine ähnliche Erklärung ab.

1938 beklagte Heinemann in einer Denkschrift, »daß die Bekennende Kirche in beträchtlichem Maße einem Führerprinzip anheimgefallen« ist und ihre Entscheidungen ohne Rücksicht auf die »Gemeinden völlig unterschiedlichen Gepräges« durchzusetzen suche. Dagegen bevorzugte der Praktiker Heinemann die Arbeit an der Basis, also in der Gemeinde.

In der Essener Heimatgemeinde hatte Heinemann zusammen mit seinem Pastor Graeber eine angemietete Lagerhalle notdürftig als Gottesdienstraum hergerichtet und einen von der Gemeinde besoldeten Hilfsprediger engagiert. Auch der Presbyter Heinemann hielt dort Predigten und Vorträge. In diese zusätzliche Predigtstätte wollte die Gemeinde ausweichen, sobald die staatlich gelenkte Kirchenregierung die Pastoren der Bekennenden Kirche am Gottesdienst im angestammten Kirchenraum hinderte.

Heinemann schlug vor, auch anderwärts so zu verfahren. Die Gemeinden sollten ermuntert werden, sich »beizeiten außerkirchliche Räume für gottesdienstliche Zwecke zu sichern oder die Gemeindeglieder an Hausgottesdienste zu gewöhnen

Auch die »Gelddiktatur« der staatlichen Finanzabteilungen wollte Heinemann unterlaufen. Er beantragte beim Amtsgericht Essen, ein Sonderkonto einzurichten, auf dem er seine Kirchensteuer hinterlegen könnte. Der Antrag wurde abgelehnt. Später riet Heinemann zum organisierten Kirchenaustritt potenter Steuerzahler. Sie sollten ihren Kirchensteuerbetrag dann unmittelbar an die Gemeinde zahlen.

Mit solchen Vorschlägen strebte der Pragmatiker Heinemann die Bildung einer vom Staat unabhängigen Freikirche an. Es schien ihm unbegreiflich. daß die leitenden Männer der Bekennenden Kirche starr an der öffentlichrechtlichen Anerkennung festhielten. Denn der Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts gab dem Staat die Möglichkeit, in die innerkirchliche Verwaltung einzugreifen. Heinemann hatte schon 1936 einen Entwurf für die Kirchenordnung der rheinischen Kirche vorgelegt, der darauf abzielte, »daß kirchliche Ordnung und öffentliches Recht sich trennen«.

Solche Trennung sollte nicht einseitig und nicht ohne Not vorgenommen werden. Doch sollte die Kirche nach Heinemanns Ansicht auf den Ernstfall vorbereitet sein. Denn: »Nichts wäre tödlicher für den Gegner, als daß er einigen hundert Gemeinden gegenüberstünde, die ihre Fähigkeit und Bereitwilligkeit zum Ausweichen in außerkirchliche Predigtstätten oder Hausgottesdienste mit eigener Pfarrversorgung neben der Kirchensteuer deutlich machten.«

Doch, so klagte Heinemann, »die Bekennende Kirche hat nichts getan, um in solcher Richtung eine Initiative zu entwickeln«, Christ Heinemann zog die Konsequenz: Im August 1938 legte er seine Ämter in der Bekennenden Kirche nieder.

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