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KREDITKARTEN Schlimmer als Drogen

Zu Weihnachten haben sich die Amerikaner verschuldet wie nie. Der Katzenjammer kommt im Februar.
aus DER SPIEGEL 52/1979

Schon auf dem Weg zur U-Bahn war sich die Frau ihrer Sache nicht mehr sicher.

Im New Yorker Kaufhaus »Macy's« hatte sie ihrem kleinen Sohn das neueste elektronische Spielzeug gekauft, beinahe 300 Dollar für ferngesteuerte Roboter, ein miniaturisiertes Telespiel, einen Rätselautomaten und anderen Elektronikplunder ausgegeben.

Eigentlich war das viel zuviel für ihre bescheidenen Einkommensverhältnisse. »Aber was soll's«, versuchte sie ihre leisen Zweifel zu ersticken, »ich muß ja erst im Februar bezahlen.«

Die Rechnung kommt in der Tat erst, wenn ein Gutteil des Spielzeugs zerbrochen und vergessen in der Ecke liegt: Macy's »Holiday-Credit Card« ("Festtags-Kreditkarte") gewährt rechtzeitig zu Weihnachten einen außerplanmäßigen Zahlungsaufschub von zwei Monaten.

Die meisten brauchen ihn dringend. »Ich hab« heute nicht einen Kunden gehabt, der nicht die Holiday-Credit Card vorgezeigt hätte«, sagte die Verkäuferin in der Spielzeugabteilung am späten Montagnachmittag der Vorweihnachtswoche. Und nach einer kleinen Pause: »Wir alle leben doch irgendwie auf Pump, oder?«

Kein Oder: Die Amerikaner haben sich in den vergangenen Monaten verschuldet wie nie. Schon im Oktober hatten die Konsumkredite die Rekordsumme von 305 Milliarden Dollar erreicht. Pro Kopf -- Säuglinge und Millionäre eingerechnet -- macht das ungefähr ein Debet von knapp 2400 Mark.

Mit »allem Nachdruck« warnte Washingtons Bankenkontrolleur John G. Heimann in einem vertraulichen Brief an die großen Banken vor den »möglichen Gefahren« allzu leichtfertig vergebener Kredite. Insbesondere die Kreditkarten-Firmen, meinte der Experte, sollten sich künftig zurückhalten.

Die Warnung kommt spät. Gut 600 Millionen Plastikkarten sind in den USA inzwischen im Umlauf -- eine schier unvorstellbare Zahl: Jeder erwachsene Amerikaner besitzt gut und gern vier Karten, die ihm das Geldausgeben ebenso erleichtern wie das Schuldenmachen. Das Einkaufen im Supermarkt und der Ölwechsel an der Tankstelle, der Drink in der Bar und das Reiseticket nach Jamaica, das Strafmandat für falsches Parken oder der Fernseher aus dem Versandhaus -- alles wird über Kreditkarten abgewickelt.

Die »Kauf jetzt, zahle später«-Methode ist so weit verbreitet, daß sogar die feinen Warenhauskonzerne wie Bloomingdale's oder Saks Fifth Avenue rund drei Viertel ihrer Umsätze per Kreditkarte abwickeln. Nur kleinere Beträge werden bar bezahlt.

Taucht tatsächlich jemand an einer Saks-Kasse auf, der den 450-Dollar-Trenchcoat mit vier Hundertern und einem Fünfziger bezahlen will, begegnet er erstauntem Mißtrauen. »Wahrscheinlich«, sagt ein Bloomingdale's-Verkäufer, »ist er Ausländer, Amerikaner tun so etwas nicht.«

Die Kreditkarten haben fast alle Branchen erfaßt, Allein die beiden von amerikanischen Banken organisierten und vertriebenen Systeme »Visa« und »Master Card« kursieren in 60 beziehungsweise 59 Millionen Exemplaren. Dahinter rangieren die Karten der Versandhäuser, der Supermarktketten und der Benzin-Multis. Der Versandunternehmer Sears, Roebuck & Co. etwa stellte knapp 50 Millionen Karten aus, der Alles-und-billig-Laden J. C. Penney gut 30 Millionen, Exxon etwa zehn Millionen. All diese Karten sind jeweils gut für Einkäufe bei den Ausstellerfirmen.

Reine Kreditkarten-Ringe wie American Express (8,5 Millionen amerikanische Mitglieder) oder Diners Club (1,8 Millionen US-Mitglieder) haben zwar weniger Kartenbesitzer, dafür aber potentere Kunden; American-Express- und Diners-Kunden sind nicht nur bereit, eine Jahresgebühr von bis zu 30 Dollar zu zahlen, im Durchschnitt reisen und speisen sie auch mehr und kaufen mehr und teurer ein als die Bankkarten-Besitzer.

Die Gebühren allerdings, die American Express und Visa, Master Card und Diners den angeschlossenen Geschäften, Restaurants oder Reisebüros abnehmen, sind durchaus vergleichbar. Je nach Bonität und Konkurrenzdruck werden von den Vertragspartnern zwischen 1,5 Prozent und 4,5 Prozent der über die Karten abgewickelten Umsätze verlangt. Umsatzstarke und umworbene Gesellschaften wie die Fluggesellschaften sind eher am unteren, kleine Einzelhändler am oberen Rand der Margenstaffel angesiedelt.

Dennoch haben die Karten-Firmen keinerlei Probleme, ihre Netze immer weiter zu spannen und neue Vertragsfirmen zu finden: Weil das amerikanische Banksystem im Kundenverkehr ziemlich ineffizient arbeitet -- Überweisungen sind nicht vorgesehen, ein Geldtransfer von der Ost- an die Westküste dauert häufig bis zu zwei Wochen, eine Scheckgarantie wie etwa das Eurocheque-System ist in den USA unbekannt -, wird nach Expertenschätzung inzwischen die Mehrzahl aller Konsumgüter-Käufe über zehn Dollar per Kreditkarte abgewickelt.

Für die Verkäufer hat das Vorteile. Die Kreditkarten sorgen für Absatz, weil sie die Konsumbürger in Sicherheit wiegen und sie zum Überziehen ihrer finanziellen Möglichkeiten verleiten. Beim Kauf ist ja nur die Karte vorzuweisen und eine Unterschrift zu leisten, das Bargeld bleibt in der Tasche.

Etwa 15 bis 20 Millionen Amerikaner, schätzt der New Yorker Soziologie-Professor David Caplovitz, geraten wegen des gerade zur Vorweihnachtszeit penetranten Konsumdrucks und der durch das Kartensystem begünstigten Überschuldung in eine »psychische Situation«, die »schlimmer sein kann als Drogenabhängigkeit«. Die »Verstrickung in Schulden beeinträchtigt den Job, die Gesundheit, die Ehe. Sie zerstört den American Way of Life«.

Dieser Weg ist für die Mehrheit ohnehin schon fast zur Sackgasse geworden. Weite Teile des Mittelstandes haben seit Jahren keinen realen Einkommenszuwachs mehr gesehen. Wollen sie ihren Lebensstandard halten, müssen sie Amerikas eigentliches Zahlungsmittel, das Plastikgeld, einsetzen.

Sehr lange allerdings geht auch das nicht: Werden die monatlichen Abrechnungen der Kreditkartenunternehmen nicht rechtzeitig bezahlt, fallen Schuldzinsen von knapp 20 Prozent an. Und die sind häufig nur durch neue Schulden zu begleichen.

»Wenn die Schuldenzahlungen 20 Prozent übersteigen, wird es gefährlich«, sagt Gerald Lareau, Präsident des New Yorker »Consumer Credit Counseling Service« (CCCS), der als gemeinnützige Firma überschuldeten Konsumbürgern erste Hilfe leistet. Für zehn Dollar im Monat stellt CCCS Abzahlungsbudgets und Ausgabepläne auf. Zunächst allerdings werden -- und dabei bekommen die Besitzer regelmäßig feuchte Augen -- die Kreditkarten zerschnitten.

Rund 200 solcher Schuldenberatungsfirmen haben sich mittlerweile zwischen Los Angeles und New York niedergelassen. Regelmäßig im Februar haben sie Hochsaison. Lareau: »Dann kommen die Rechnungen, und die Leute merken, daß sie sich Weihnachten übernommen haben.«

Diesmal allerdings setzte der Ansturm schon früher ein: Beide New Yorker Schuldendienste hatten bereits vor Weihnachten lange Wartelisten.

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