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ÄGÄIS Schlinge um den Hals

Der griechisch-türkische Konflikt um die Ägäis und ihr Erdöl treibt hart am Rand des Krieges.
aus DER SPIEGEL 34/1976

Mit den Rufen »Allah, Allah« und »güle, güle!« ("mach"s gut!") verabschiedete eine Menschenmenge am Bosporus das auslaufende Schiff. Sirenengeheul von Passagierschiffen und Fischkuttern mischte sich mit dem Jubelgeschrei. Lämmer wurden als Opfergabe geschlachtet. Ein Imam beschmierte das Deck mit Lämmerblut.

Das Ritual galt dem türkischen Forschungsschiff »MTA Sismik 1«, das Türken-Premier Süleyman Demirel am 23. Juli auf die Fahrt in die Ägäis schickte. Es sollte dort nach Erdöl suchen -- ein Vorhaben, das vom Nachbarn Griechenland fast als Casus belli angesehen wurde. Denn Athen beansprucht die gesamte Ägäis für sich und drohte, das Schiff zu versenken.

Unterdessen mühten sich Diplomaten in Athen und Ankara in Geheimverhandlungen, die Forschungsfahrt nicht zum Waffengang zwischen den traditionell verfeindeten Nachbarn werden zu lassen.

Die Türken sollten die Zustimmung Athens zur Exploration einholen. Athen wollte sie auch erteilen, denn die Griechen zeigten Verständnis dafür. daß Demiret mit dem Vorstoß in die Ägäis sich vor Volk und Armee als starker Premier präsentieren wollte.

Türkische Generäle sprengten jedoch das angestrebte Arrangement unter den Politikern. Sie schickten das Schiff in eine umstrittene Meereszone, die zwar in internationalen Gewässern liegt, deren Festlandsockel jedoch von Griechenland beansprucht wird.

Demirel, auf die Generäle angewiesen und von der Opposition bereits einer halbherzigen Haltung bei der Verteidigung der »nationalen Rechte« beschuldigt, ergriff nun selbst die Flucht nach vorn. Drohungen der Griechen beantwortete er mit Gegendrohungen: »Wenn sie einen Schuß abgeben, dann geben wir zehn ab.«

Doch Griechenpremier Konstantin Karamanlis, der keinen Krieg wollte, ließ noch nicht schießen, sondern versetzte die Streitkräfte, ohnehin seit Monaten Gewehr bei Fuß, in Alarmbereitschaft. Von der jugoslawischen Grenze und aus Kreta wurden Einheiten an die griechisch-türkische Grenze und auf die Ostägäis-Inseln verlegt. Die Athener »Apogevmatini": »Die Türken spielen mit dem Feuer.«

Sie spielten weiter. An der kleinasiatischen Küste und am Evros, der einzigen Landgrenze zwischen den Nachbarn, wurden massive Truppenbewegungen beobachtet.

Karamanlis scheute den Schießkrieg aus guten Gründen: Der Premier, der auf die baldige Aufnahme seines Landes in die EG drängt, will nicht Friedensstörer sein. Und im Gegensatz zu seinen Offizieren, die nach einer Revanche für das Zyperndebakel von '74 dürsten, weiß der realistische Politiker, was bei einem Konflikt mit der Türkei für Griechenland auf dem Spiel stände: Verlust der Ostägäis-Inseln, womöglich ganz Zyperns, Chaos in dem nach der Obristen-Diktatur mühsam wieder konsolidierten Staat.

Dennoch rüstet auch Karamanlis schon seit zwei Jahren für die Auseinandersetzung. Athen verdächtigt Ankara, daß hinter dem türkischen Anspruch, am Ägäis-Öl zu partizipieren, die Absicht stehe, die griechischen Ostägäis-Inseln vor der türkischen Küste zu annektieren. Schon immer, seit es 1923 die griechische Souveränität über die Eilande anerkennen mußte, betrachtet Ankara diese Inseln als Schlinge um seinen Hals.

Die türkische Invasion auf Zypern im Juli 1974 veranlaßte Karamanlis, die laut Vertrag von 1923 entmilitarisierten Inseln in den letzten zwei Jahren zu Festungen auszubauen. Denn erst kürzlich enthüllte der Sieger von Zypern, der damalige Premier und jetzige türkische Oppositionsführer Bülent Ecevit, während eines USA-Besuches. daß er im Juli 1974 ebenso wie auf Zypern auch in der Ägäis »vollendete Tatsachen« schaffen wollte. Man sei bloß nicht dazu gekommen. Demirel pflichtete seinem Vorgänger bei: »Die Ägäis ist kein griechischer Binnensee. Wir können also Forschungen aller Art in der Ägäis betreiben.«

Daß »auch die Türkei als Küstenanrainer bestimmte Rechte hat«, bestreitet auch Karamanlis nicht. Beide Seiten können sich jedoch nicht über Grundlage und Umfang dieser Rechte einigen. Athen und Ankara verlegten sich darauf, bei der fünften Session der Uno-Seerechts-Konferenz Punkte zu sammeln und eine Entscheidung über Seemeilenzonen und Ausbeutung des Meeresbodens zu ihren Gunsten zu präjudizieren.

Der Streit hatte sich am sogenannten »Festlandsockel« entzündet, nachdem die Griechen 1973 auf Erdölvorkommen nahe der nordägäischen Insel Thassos stießen. Dort treibt heute die deutsche Wintershall, eine BASF-Tochter, die die amerikanische Oceanic ablöste, Versuchsbohrungen vor, In der gesamten Ägäis werden Vorräte in Milliarden-Tonnen-Höhe vermutet. Nach der Genfer Konvention von 1958 (Artikel 1) umfaßt der Festlandsockel den Meeresgrund und die darunter liegenden Bodenschätze der Unterseegebiete der nahen Inselküsten. Nach Artikel 2 übt das Küstenland Souveränitätsrechte über den Festlandsockel aus.

Diese Genfer Konvention, von Griechenland ratifiziert, wird von der Türkei nicht anerkannt. Für Ankara stellt die Ägäis einen »Sonderfall« dar. Nach türkischer Ansicht besitzen nur die Festlandküsten einen Schelf, keineswegs die Inseln, die noch auf dem Festlandsockel lägen. Damit beansprucht die Türkei faktisch die Hälfte des Ägäis-Schelfs für sich.

Die Türken könnten dann auch westlich der ostägäischen Inseln nach Erdöl suchen und ausbeuten. Dies würde, so fürchten die Griechen, dazu führen, daß diese Inseln, vor allem Lesbos, Chios und Samos, von der Türkei umschlossen und schließlich auch annektiert werden.

Vergeblich suchte Bundeskanzler Schmidt während seines Ankara-Besuches im Mai die Türken für einen Gang zum Internationalen Gerichtshof in Den Haag und für eine der Nordsee-Regelung entsprechende Lösung zu gewinnen. Auf der anderen Seite lehnen die Griechen den von den USA, EG-Ländern und der Türkei unterstützten Vorschlag zur Bildung eines griechischtürkischen Konsortiums zur Ausbeutung des Ägäis-Öls ah.

Eine Lösung war nirgendwo in Sicht, die alarmierten Truppen stehen einander, Finger am Drücker, gegenüber. Vergangene Woche kam man dem Abenteuer noch einen Schritt näher: Ankara forderte Athen auf, die Störversuche gegen die »Sismik« zu beenden, warnte vor unerwünschten Zwischenfällen und setzte die Untersuchungen fort.

In Griechenland erlitt Premier Karamanlis, bisher unbestrittener nationaler Führer, erheblichen Prestigeverlust. Viele seiner Landsleute, kriegslüstern schon immer, wenn es gegen die Türken ging, verübelten es ihm, daß er nicht sogleich zurückgeschlagen hat.

Der Karamanlis-Gegner und Linkssozialist Andreas Papandreou nützte die Konjunktur, forderte fast täglich eine »dynamisch-militärische Antwort« an die Türkei und fand dabei auch in der Armee erheblichen Zuspruch.

Sie sieht, ungeachtet der wahren Kräfteverhältnisse« Chancen, einen Krieg zu gewinnen, solange das US-Embargo gegen die Türkei anhält und die Türken den angenommenen griechischen Rüstungsvorsprung nicht einholen.

Türken-Premier Demirel hingegen warnte, ein Schlag gegen die Türkei würde für die Griechen »Wahnsinn und Selbstmord« bedeuten.

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