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Medizin Schloß in der Wüste

Von Ost nach West hat ein neuer Medizin-Tourismus eingesetzt: Vor allem Tschernobyl-geschädigte Kinder werden von Sowjetbürgern nach Deutschland geschickt.
aus DER SPIEGEL 15/1991

Die Hilferufe aus der Sowjetunion erreichen Hansjörg Riehm, Leukämie-Spezialist an der Kinderkrebsstation der Medizinischen Hochschule Hannover, alle paar Tage. »Nur Sie, Herr Doktor«, flehen die Eltern der leukämiekranken Anna, 13, »können unsere Tochter retten.« Ein Ehepaar aus Beloruskaja verspricht, falls der Sohn in Hannover wieder gesund werde, dann »beten wir für Sie«.

Allein in Hannover gingen in den letzten 12 Monaten mehr als 100 solcher Behandlungswünsche ein. Die Anfragen kamen vorwiegend aus den radioaktiv verseuchten Gebieten rund um den Katastrophenreaktor von Tschernobyl, aber auch aus anderen osteuropäischen Ländern.

Ähnlich sieht es an anderen Großstadtkrankenhäusern aus. So häuft sich in der Kinderkrebsabteilung des Frankfurter Uni-Krankenhauses seit Wochen die Post ebenso wie in der Hamburger Uni-Klinik Eppendorf. Oft sind es deutsche Geschäftsleute, die für Kinder sowjetischer Handelspartner anfragen.

Die Erwartungen an die West-Medizin, weiß Riehm, sind »riesengroß«. Viele Eltern in Weißrußland, Moskau oder der Ukraine warten eine Antwort aus dem fernen Hannover oder Frankfurt gar nicht erst ab. Wenn sie es sich irgend leisten können und über Beziehungen eine Ausreisegenehmigung bekommen, fahren sie mit ihren schwerkranken Söhnen oder Töchtern einfach los. »Die stehen dann«, berichtet Valentin Gerein von der Uni-Klinik Frankfurt, »plötzlich vor der Tür.«

Die westdeutschen Experten sehen diesen Medizin-Tourismus mit gemischten Gefühlen. Zwar werde, sagt Riehm, »jedem, der vor meiner Klinik sitzt, geholfen«. Und auch an der Hamburger Uni-Klinik wurde bisher niemand abgewiesen.

Doch die Kinderkrebsstationen, die ohnehin schon bis an die Grenze belastet sind, können die Patienten aus dem Osten kaum verkraften. In Hannover sind wegen Schwesternmangels 3 der 19 Betten gesperrt, in Frankfurt dürfen von 18 Betten nur 13 belegt werden, und in Eppendorf hat zum Mai ein Drittel der Schwestern in der Krebsabteilung gekündigt. Der Hamburger Professor Kurt Winkler fürchtet: »Dann geht gar nichts mehr.«

Bedenken haben die Ärzte aber auch aus anderen Gründen. Es sei »medizinisch undurchschaubar«, wer überhaupt zur Behandlung in den Westen ausreisen dürfe, sagt Riehm. Die Auswahl werde wohl kaum nach therapeutischen Kriterien getroffen. Riehm: »Da kommen doch wieder nur die Privilegierten.«

Für die medizinische Versorgung des leukämiekranken Walerij, 12, zum Beispiel will die Hilfsorganisation Care, Sektion Deutschland, aufkommen, die sonst die Kosten für die Behandlung von Tschernobyl-Kindern an westdeutschen Krankenhäusern nicht übernimmt. Offensichtlich wird bei Walerij eine Ausnahme gemacht - für den Jungen hatten sich der sowjetische Deutschlandexperte Walentin Falin und die deutsche Botschaft in Moskau eingesetzt.

In anderen Fällen haben Firmen zugesagt, Behandlungskosten zu übernehmen. Wer weder ein Unternehmen noch prominente Fürsprecher hinter sich weiß, hat kaum eine Chance, zur Behandlung in den Westen zu reisen.

Auch deshalb schlagen deutsche Mediziner und Hilfsorganisationen vor, mit Spendengeldern aus verschiedenen Projekten zur Verbesserung der medizinischen Versorgung in der Sowjetunion beizutragen statt hierzulande kostspielige Behandlungen zu finanzieren.

Jährlich erkranken in der Sowjetunion 5000 Kinder an Leukämie. In der Bundesrepublik können acht von zehn Blutkrebs-Patienten gerettet werden; in der Sowjetunion ist es bisher nur jeder zwanzigste. Während bei dem teuren Medizinbetrieb hierzulande eine Chemotherapie 50 000 bis 100 000 Mark kostet, rechnen sowjetische Ärzte nur mit einem Aufwand von 10 000 Mark pro Kind - der Einsatz von Spendengeldern könnte also wirksam Abhilfe schaffen.

Mit welchen Widrigkeiten Mediziner in sowjetischen Krankenhäusern allerdings zu kämpfen haben, hat der amerikanische Krebsspezialist Robert Gale erfahren, der unmittelbar nach der Katastrophe von Tschernobyl in die Sowjetunion reiste. Seine sowjetischen Kollegen und er, erinnerte sich Gale später (SPIEGEL 17/1988), hätten sich mit Geräten abplagen müssen, »die zum Teil 40 Jahre alt waren«.

Um wenigstens die Ärzte besser zu qualifizieren, wurden inzwischen für etwa ein Dutzend sowjetischer Krebsspezialisten Weiterbildungsaufenthalte an westdeutschen Krankenhäusern finanziert.

Doch deutsche Helfer sind uneins, wo zuerst angesetzt werden soll. Winkler zum Beispiel plädiert dafür, bei der Krankenhausmodernisierung regionale Verbindungen etwa zur Hamburger Partnerstadt Leningrad zu nutzen. Klaus Nöldner dagegen von Care Deutschland will dem Weg über die Moskauer Regierungszentrale den Vorzug geben und die Spendenmittel auf »10, 12, 15 Stationen« verteilen.

Der Arzt Gerein wiederum arbeitet mit dem Frankfurter Verein »Hilfe für die Kinder aus Tschernobyl« und der Minsker Organisation »Kinder in Not« zusammen. Ihm schwebt vor, das Krankenhaus der weißrussischen Stadt Minsk wie »ein Schloß in der Wüste« auszustatten, weil »das Verteilen nach dem Gießkannenprinzip nichts bringt«.

In einem sind sich aber alle einig. »Wir hier im Westen«, so Gerein, »können die Behandlung nicht leisten.« An dem Medizin-Tourismus wird sich dennoch wohl so schnell nichts ändern. »Die Menschen in der Sowjetunion«, hat Riehm beobachtet, »glauben, daß wir hier Wunder vollbringen können.« o

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