Zur Ausgabe
Artikel 32 / 64
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

USA / UNTERWELT Schlüssel zur Zelle

aus DER SPIEGEL 4/1966

Acht Jahre lang war Momo Salvatore

Giancana, 55, Herrscher in der Chicagoer Unterwelt. Von seiner Klinker-Traumvilla in einer ruhigen, baumbeschatteten Ecke von Oak Park im Westen Chicagos aus regierte er die 500 köpfige Verbrecher-Vereinigung Cosa Nostra. Sie kontrolliert Windelwäschereien, Restaurants, Supermarkets, Gewerkschaften, Banken und nahezu alle Lebensbereiche der Michigan-Metropole bis hin zur Prostitution (SPIEGEL 18/1965). Ihr Jahresumsatz: zwei Milliarden Dollar (acht Milliarden Mark).

Kein Buchmacher, kein Kuppler konnte ohne Giancanas Lizenz Geschäfte machen. Er allein besaß die Anteilsmehrheit von drei Wäschediensten, vier Autofirmen, von mehreren Hotels, Motels, Restaurants sowie von acht Banken und Kleinkreditinstituten.

Die Polizei glaubt, daß der Geschäftemacher auch für eine Reihe von Gangstermorden verantwortlich ist. Gleichwohl wurde er nicht wegen eines Kapitalverbrechens vor Gericht zitiert, sondern - wie seine Vorgänger Al Capone und Tony Accardo - wegen Hinterziehung der Einkommensteuer. Er verweigerte, wie es jedem US-Bürger zusteht, die Aussage, indem er sich auf das geheiligte Fifth Amendment der Verfassung berief.

Da griff das Bundesgericht zu einem Trick, der für Giancana das Fifth Amendment aus den Angeln hob. Erstmals in der Geschichte der modernen Justiz stellte es selbst einem Gangsterboß völlige Straffreiheit in Aussicht, wenn er aussage - über die Verbrechen, die er verübt hatte oder an denen er beteiligt war.

Aber Giancana blieb stumm. Er sagte weder über sich noch über Mittäter aus. Der Bundesrichter verfügte daher seine Inhaftierung wegen Mißachtung des Gerichts ("contempt of court"). Mitte letzten Monats bestätigte der Oberste Bundesgerichtshof die Verfügung.

Bundesrichter William Campbell: »Sie besitzen den Schlüssel zu Ihrer Zelle.«

Bis heute hat Giancana den Schlüssel nicht benutzt - eingedenk der Traditionen der Chicagoer Unterwelt.

So hatte Cosa-Nostra-Gangster Manny Skar seinen Kumpanen im vergangenen Jahr gedroht, er werde bei den Bundesbehörden auspacken, falls ihm die Bande seinen Lohn - sein »treatment« - vorenthalte. Bald darauf, im September, bekam er sein »treatment": Er wurde im Keller seines Hauses erschossen.

Zwei Monate später teilte das Aufsichtsratsmitglied der Cosa Nostra Murray ("The Camel") Humphreys wegen eines weit geringfügigeren Verstoßes gegen das Gangster-Gesetz das gleiche Schicksal: Der bullig aussehende, weißhaarige Waliser (er war bereits in der Ära Al Capones Rechtsberater der Unterwelt) log vor Gericht, um drohendem Freiheitsentzug zu entgehen - jedoch so ungeschickt, daß er wegen Meineids angeklagt wurde.

Gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt, starb der lebensfrohe Humphreys überraschend noch in derselben Nacht in seinem Appartement in den Marina City Towers.

Daß ihm Ähnliches zustoßen werde, vermutete Giancana spätestens gegen Ende letzten Jahres, als zwei Gruppen des Chicagoer Syndikats gleichzeitig Konferenzen abhielten: die eine besuchten Paul ("The Waiter") Ricca, Tony ("Big Tuna") Accardo und Jackie ("The Lackey") Cerone; die andere Sam ("Teetz") Battaglia, Felix ("Milwaukee Phil") Alderisio und Fiori ("Fifi") Buccieri. Die rivalisierenden Cosa-Nostra -Führer berieten über die Nachfolge Giancanas.

Der Cosa-Nostra-Chef ist so durch den Trick des Bundesgerichts in eine ausweglose Situation manövriert worden: Entweder schweigt er und sitzt. Oder er spricht und riskiert, daß die eigener Kumpane ihn zum Schweigen bringen

Gangsterboß Giancana

Wer schweigt, muß sitzen

Gangsterboß Humphreys

Wer spricht, muß sterben

Zur Ausgabe
Artikel 32 / 64
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.