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KRIEGSFILM Schluß mit Jubel

aus DER SPIEGEL 43/1958

Am Sonnabend dieser Woche soll den Zensoren der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft ein neuer deutscher Film zur Begutachtung vorgeführt werden, der nach Meinung der Hersteller geeignet ist, »einige Proteste auszulösen«. Schon fünf Tage später will der Europa -Verleih den Film mit dem Titel »Unruhige Nacht« in Berlin aufführen, obgleich, sich die Urheber dieses Werkes - die angesehenen Produzenten Abich, Koppel und Stapenhorst - bis Mitte vergangener Woche noch nicht einmal über die endgültige Fassung ihres Gemeinschaftsproduktes schlüssig waren.

Der Film ist nämlich die Kino-Version der bislang in zwölf Sprachen übersetzten Kriegsnovelle »Unruhige Nacht«, die der württembergische Dichter-Pastor Albrecht Goes, 50, verfaßt hat. Und die Frage, von der sich die Filmleute seit Anbeginn der Filmarbeiten gequält sehen, lautet: »Müssen, können oder sollen wir dieser Geschichte einen gegenwartsbezogenen Prolog voranstellen?« Der Konflikt, der die wackeren Produzenten zu immer neuen (ergebnislosen) Besprechungen zusammenführte, illustriert die Bedrängnis, der die Hersteller eines Anti-Hurra-Films in der Bundesrepublik ausgesetzt sein können.

Der dichtende evangelische Pfarrer Albrecht Goes - der den Gemeindedienst quittierte, sich in Stuttgart nur noch gelegentlich als Prediger betätigt und seit seiner Absage an den Militärseelsorgevertrag von regierungstreuen Glaubensbrüdern »in die linke Ecke« rangiert wird war während des Rußlandfeldzuges gezwungen, als Kriegspfarrer an fünf Exekutionen deutscher Soldaten teilzunehmen. Nach Kriegsende unternahm er den »Versuch, die Stimme der Klage und des Trostes zu erheben, vom Menschlichen inmitten der Unmenschlichkeit zu sagen": Er entlud im Jahre 1949 seine Seelenqual in einer knappen Novelle.

Den 80 Druckseiten wurde ein ungewöhnliches internationales Echo zuteil. Prominente Autoren versicherten den Pastor Goes ihrer »ganzen Ergriffenheit« (Zuckmayer). Die dankbare Zustimmung, die die Gewissensnovelle auslöste, faßte der Literatur-Kritiker Harold Nicolson im Londoner »Observer« zusammen. Er begrüßte »Unruhige Nacht« als eine »nützliche Illustration für den Leser, der sich um das Verständnis der Mentalität des anständigen Deutschen bemüht«.

Goes berichtete in seiner Novelle, die nach dem Eingeständnis des Autors »autobiographische Züge« aufweist, von einem Kriegspfarrer, den 1942 im Wehrmachtlazarett der russischen Stadt Winniza das Fernschreiben erreicht: »Oberfeldkommandantur Proskurow anfordert ev. Kriegspfarrer. Eintreffen Mittwoch 17 Uhr erforderlich. Meldung bei Abteilung IIIa (Kriegsgericht). Rückfahrt Donnerstag.«

Stunden danach erläutert dem Pfarrer ein Kriegsgerichtsrat: »Der Obergefreite Fedor Baranowski ist wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt. Die Erschießung findet morgen früh 5 Uhr 45 statt. Gemäß Paragraph 16 der diesbezüglichen Anweisungen hat der Verurteilte Anspruch auf den geistlichen Beistand eines Pfarrers seiner Konfession.« Und ein General mit »rotnarbigern, nichtssagendem Trinkergesicht« schnarrt: »WGO stellt Sarg und Transportkommando ...«

»WGO hieß Wehrmachtsgräberoffizier«, erläutert Goes. »Die Zertrümmerung der Sprache ist gelungen ...« Aus dem zertrümmerten Wortschatz jener Zeit wußte er noch weitere Beispiele anzuführen. So ließ er den Major Kartuschke jargongerecht sagen: »Letzte Ölung. Morgen früh ist er fällig ... Nur keine falschen christlichen Manschetten. Wer desertiert, verliert die Rübe, das ist ein klarer Fall ... Morgen früh 'n Anständiges Vaterunser. Punkt. Schluß mit Jubel ...«

Der Fedor Baranowski, der um 5 Uhr 45 in einer Kiesgrube exekutiert wird, war einer Strafkompanie entflohen, der er sich zugeteilt sah, nachdem er einen Liebesbrief an eine junge ukrainische Kriegswitwe auf einem Wehrmachtsformular geschrieben hatte.

Die Schikaneure der Oberfeldkommandantur Proskurow bestimmen den Oberleutnant Ernst, im Zivilberuf Pfarrer, zum Führer des Pelotons. In der Nacht vor der Erschießung kommt es zwischen dem Kriegspfarrer und seinem Amtsbruder zu einem Gespräch, in dessen Verlauf Goes dem Ernst die Frage eingibt: »Sind wir nicht noch verdorbener (als Kartuschke), weil wir wissen, was wir tun? ... Da laufen wir, Diener am Worte Gottes ... durch die finsteren Straßen einer russischen Stadt, und morgen früh schießen wir einen Jungen tot? ...

»Und wenn wir doch je übrigbleiben sollten, dann wird man uns fragen: Was habt ihr getan? Und dann werden wir alle daherkommen und sagen: Wir, wir tragen keine Verantwortung, wir haben nur getan, was uns befohlen wurde. Ich sehe es schon im Geist, Herr Bruder, das ganze Heer der Beteuerer, die Händewascher der Unschuld. Da muß ein Handtuch her, groß wie ein Leichentuch ...«

Der Kriegspfarrer prophezeit schließlich: »Es kommt nicht darauf an, den Krieg zu hassen. Haß ist ... ein positiver Affekt. Es ist notwendig, ihn zu entzaubern ... Krieg, das ist Fußschweiß, Eiter und Urin. Übermorgen wissen das alle und wissen es für ein paar Jahre. Aber lassen Sie nur erst das neue Jahrzehnt herankommen, da werden Sie's erleben, wie die Mythen wieder wachsen wollen wie Labkraut und Löwenzahn. Und da werden wir zur Stelle sein müssen, jeder ein guter Sensenmann.«

Die Idee, den notdürftig mit pazifistischem Farnkraut abgetarnten Uniform - und Paradefilmen der deutschen Filmindustrie ein Gewissensstück im Goesschen Sinne entgegenzustellen, reifte vor vier Jahren in dem Filmautor Horst Budjuhn. Ohne Auftrag und Besoldung übernahm er gemeinsam mit dem Novellenverfasser Goes die Anstrengung, die aktionsarme Erzählung in ein Drehbuch umzumodeln.

Es gelang Budjuhn, dem Münchener Carl ton-Produzenten Günther Stapenhorst das ehrenvolle Projekt zu suggerieren. Stapenhorst wollte das Wagnis aber nicht allein übernehmen und gewann seine Kollegen Koppel (Real Film) und Abich (Filmaufbau) zu gemeinsamem Tun. Alle drei verbündeten sich mit dem unternehmungsfrohen Europa-Filmverleih. Nachdem das Budjuhnsche Drehbuch von Albrecht Goes gutgeheißen worden war, übertrugen die Produzenten die Regie dem Dr. Falk Harnack. Die Rolle des Kriegspfarrers übernahm Bernhard Wicki, den Deserteur stellte Hansjörg Felmy dar, und den Oberleutnant Ernst spielte Werner Hinz.

Die Dreharbeiten gingen in Hamburg vonstatten. Die Hersteller sahen den Dichter-Pastor als aufmerksamen Beobachter zwar mehrmals im Atelier, konnten ihn aber bislang nicht einmal zu einem Beitrag für das Werbeheft überreden. Goes hielt sich zurück: »Erst muß ich ja den fertigen Film gesehen haben.« Auch den umstrittenen Prolog hatte er in der vergangenen Woche noch nicht gesehen, der sich auf Geschehnisse am Schluß der Filmhandlung bezieht.

Gegen Ende des Films begegnet nämlich der Kriegspfarrer noch einmal dem Kriegsgerichtsrat, dem es nur um die »Ordnung« geht, und sei es die Ordnung der Friedhöfe. »Tadellos hingekriegt haben Sie das. Meine Hochachtung!« beglückwünscht er den Pfarrer nach der Exekution und bietet ihm einen »Erschießungsschnaps« an. Als der Pfarrer sein Befremden deutlich macht, warnt der Kriegsgerichtsrat: »Vorsicht ... Ihr Kreuz baumelt auf Adolfs Rock. Nicht wir haben Sie da hineingesteckt. Bedanken Sie sich bei Ihrer Kirche ...«

Der umstrittene Prolog zeigt nun den Kriegsgerichtsrat fünfzehn Jahre später als korrekt gescheitelten, schmissetragenden Ministerialrat, der an der Seite eines Oberkirchenrates den Pfarrer in der Sakristei aufsucht, wo der Oberkirchenrat dem Seelsorger eine neue Stellung offeriert: »Sie wissen, wir werden in Kürze wieder Garnisonstadt. Die Truppe braucht einen Seelsorger. Und da Ihnen ja, lieber Herr Pfarrer, die Probleme eines Soldaten nicht unbekannt sind, dachten wir uns, Sie wären gewiß bereit, dieses Amt zu übernehmen.«

Der Pfarrer, der in dem Ministerialrat seinen alten Gegner aus Proskurow erkennt, wehrt die Überredungsversuche des Oberkirchenrates entschlossen ab: »Ja, ja, ich weiß - für unsere Freiheit müssen auch wir ein Opfer bringen. Und sollte es selbst unser Gewissen sein!« Damit weist er dem Schmisseträger die Tür.

Autor Goes, der den Prolog vorerst nur aus den Schilderungen der Filmleute kennt, bekräftigte sein Einverständnis: »Der Prolog ist in dieser Form gewiß nicht künstlerisch, aber sachlich und politisch richtig. Ich habe keine inneren Einwände dagegen zu machen, daß das polemische Nein, das ich bei allen Gelegenheiten vortrage, auf diese Weise verbindlich zum Ausdruck kommt.«

Dennoch sind die Filmleute sich klar darüber, daß ihr Prolog - der zumindest indirekt die Wiederbewaffnung kommentiert - mancherlei Mißhelligkeiten heraufbeschwören kann. Nur in einem Punkt gab sich der Europa-Verleih optimistisch: »Die Bedenken der Kirche gegen diesen Prolog könnten sich doch nur aufs Formale beziehen. Natürlich wissen wir, daß so etwas nicht in der Sakristei, sondern in Zivil auf dem Landeskirchenamt verhandelt würde. Aber das sind doch Äußerlichkeiten. Uns geht es um die Wirkung.«

Novellen-Autor Goes

»Jeder ein guter Sensenmann«

Erschießungsszene aus »Unruhige Nacht"*

»Nur keine christlichen Manschetten«

* Hansjörg Felmy, Bernhard Wicki.

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