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KANADA Schluss mit Multikulti

aus DER SPIEGEL 4/2007

Das Ergebnis einer Umfrage erschüttert das Bild vom toleranten und weltoffenen Einwanderungsland: 59 Prozent der Befragten aus der Provinz Québec und 47 Prozent landesweit bezeichneten sich selbst als »stark« oder zumindest »ein wenig« rassistisch. Und die Hälfte der befragten »Québécois« gab zu, von Arabern eine schlechte Meinung zu haben. Die Aufregung im traditionell multikulturellen Kanada ist denn auch groß. Der liberale Premierminister der Provinz, Jean Charest, meldete sich zu Wort und widersprach: »Die Québécois sind keine Rassisten.« Vielmehr seien sie stolz auf ihre kulturelle Vielfalt. Kommentatoren zweifelten am Resultat und kritisierten die Fragestellung. Doch die Erhebung trifft einen wunden Punkt. Bereits im vergangenen Jahr war die offizielle Doktrin von der multiethnischen Nation ins Wanken geraten. Ausgangspunkt einer öffentlichen Debatte war jene kleine Minderheit unter den Muslimen, die sich auch in Kanada in einer Parallelgesellschaft organisiert, Frauen einen Gesichtsschleier vorschreibt und Familienangelegenheiten vor Scharia-Gerichten verhandeln möchte. Dann verhaftete die Polizei auch noch 17 kanadische Muslime, weil sie einen Anschlag auf das nationale Parlament geplant haben sollen. Der Kulturkampf, der seit dem 11. September 2001 tobt, hat Kanada mit Verspätung erreicht. Das Land hat sich immer als Hort der Immigration verstanden, die Bürger sind stolz auf ihre Herkunft, Polizisten dürfen Turban tragen. Nun sehen viele Bürger die liberale Demokratie durch Einwanderer bedroht und rufen nach strengeren Regeln. Von »Multikulturalismus« wie bisher ist kaum mehr die Rede, im Gegenteil. Laut Umfragen will die Mehrheit der Kanadier kulturelle und religiöse Traditionen verbieten, wenn sie etwa im Widerspruch zu Frauenrechten stehen.

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