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BUNDESHAUPTSTADT Schmalspur-Beamte

aus DER SPIEGEL 21/1959

Wer das fashionable Bonner Villenviertel rund um das Johanniter -Krankenhaus durchwandert und dabei der Eichendorffstraße in Richtung Friedrich -Ebert-Allee folgt, sieht sich, kurz bevor er die nach dem ersten Reichspräsidenten benannte Allee erreicht, einem Sturzacker gegenüber: Die Straße geht nicht weiter, wenngleich Fahrspuren schwerer. Erdbewegungsmaschinen darauf hindeuten, daß die, Straße noch weitergeführt werden soll.

Ortskundige freilich wissen, daß die Eichendorffstraße schon bis zur Friedrich -Ebert-Allee fortgeführt ist, nur kann der Fremde das schwerlich erkennen: Da, wo die Straße endet, zweigt rechter Hand ein schmales, aber,wohlbetoniertes Gäßchen ab, macht einen eleganten Bogen und führt dann, parallel zur Achse der Eichendorffstraße, bis zur Friedrich-Ebert-Allee. Dieser Wurmfortsatz der Eichendorffstraße zeichnet sich nicht nur durch seine schmale Fahrbahn aus; auf den vier Grundstücken, die daran liegen, sind die Selbstfürsorge -Maßnahmen der Bonner Stadtverwaltungs -Prominenz, die im allgemeinen nur Material für den kommunalen Wahlkampf abgaben, Architektur geworden.

Jenes Gelände gehörte nämlich ehedem der Stadt Bonn, deren Verwaltung es 1954 für gut hielt, vier Grundstücke von je rund 1000 Quadratmeter. Größe zu verkaufen, und zwar für rund drei Mark je Quadratmeter, was für die Käufer insofern vorteilhaft war, als damals in diesem Stadtgebiet gemeinhin zwölf Mark für den Quadratmeter gezahlt wurden und heute dort Baugrund schwerlich für weniger als dreißig Mark zu erwerben ist.

Die Käufer, denen die Stadt die Grundstücke zu einem Viertel ihres Wertes überließ, waren:

- der Stadtbaudirektor Ludwig Marx,

- der Städtische Oberbaurat Winkler,

- der Städtische Vermessungsdirektor

Dr. Vollmar und

- der Städtische Rechtsdirektor Dr. Berndt.

Die vier beamteten Grundstückskäufer mußten freilich den überaus günstigen Geschäftsabschluß mit einigem Ärger bezahlen. Denn als bekannt wurde, wer da so preiswert gekauft hatte, äußerten sowohl die Lokalpresse als auch der Haus- und Grundbesitzerverein sowie die Bonner »Bürgergemeinischalt« Zweifel an der Korrektheit dieses Geschäfts - die Bürgergemeinschaft gar mit Hilfe von 60 000 Flugblättern.

Es kostete die Stadtverwaltung einige Mühe, das Gesicht zu wahren: Sie verkaufte weitere Grundstücke in jener Gegend zum Preise von fünf bis sechs Mark an die »Gemeinnützige Bonner Wohnungs-Aktiengesellschaft«, die von der Aktiengesellschaft etwas später - knapp, unter Normalpreis - weiterverkauft wurden. Mehrheitsaktionär der Wohnungs-AG ist die Stadt Bonn.

Viel nutzte dieses Manöver allerdings nicht, und Bonns damaliger Oberbürgermeister Busen mußte schließlich zugeben, daß die vier Grundstücke an der Eichendorffstraße unter Wert verkauft worden waren. Er tat das vermittels einer Postwurfsendung an alle Bonner Haushaltungen, in der er versuchte, die Grundstücksverkäufe zu rechtfertigen:

»Mit Rücksicht darauf, daß die Stadt Bonn wie jeder andere Arbeitgeber sich

verpflichtet fühlt, nun, ich will es jetzt einmal, wenn es auch mißverständlich sein mag, in diesen Worten sagen, Ware, über die sie selbst verfügt ihren Mitarbeitern unter den gleicher Bedingungen zur Verfügung zu stellen wie Industrie und andere Betriebe, kam man zu einer gewissen Rabattierung der Beträge« - was der Oberbürgermeister offenbar für korrekt hielt.

Zu einer anderen Ansicht bekannten sich der nordrhein-westfälische Innenminister und der Kölner Regierungspräsident, als sie durch eine Beschwerde des Haus- und Grundbesitzervereins mit der Selbsthilfe -Aktion der Bonner Bau- und Rechtsbeamten konfrontiert wurden. Zwar könne das Land- nicht eingreifen, so ließen Minister und Regierungspräsident 1956 wissen, doch wurden gleichzeitig Verwaltung und Rat der Stadt Bonn vermahnt, von den begünstigten Beamten eine angemessene Nachzahlung auf den vereinbarten Grundstückspreis zu verlangen.

So schnöde mochten jedoch Verwaltung und Rat der Stadt Bonn die vier verdienten Grundstückskäufer nicht um die mühelos ergatterten Vorteile bringen, im Gegenteil: Die Baubehörde hatte inzwischen vermittels

des Durchführungsplans Nr. 8 dafür gesorgt, daß der Baudirektor, der Oberbaurat, der Vermessungsdirektor und der Rechtsdirektor für den nervenbelastenden Ärger beim Grundstückskauf durch weitere Kostenersparnisse entschädigt wurden.

Dieser Durchführungsplan schreibt nämlich vor, daß die Eichendorffstraße genau da, wo die vier Stadtverwalter ihre Häuser bauten, in eine »Hauptstraße« und eine »Wohnstraße« unterteilt wird: Die »Wohnstraße«, jenes Gäßchen, das da anfängt, wo die Eichendorffstraße aufhört (siehe Graphik), hat im Gegensatz zur Hauptstraße, die aus einer sieben Meter breiten Fahrbahn und zwei 1,90 Meter breiten Schrittwegen besteht, nur eine 4,50 Meter breite Fahrbahn und gar keinen Bürgersteig, sondern nur einen sogenannten Straßenbord von 65 Zentimetern Breite.

Auf diesem Straßenbord ist es schon für

einzelne Fußgänger schwer, die Balance zu halten, und wenn zwei Fußgänger einander begegnen, muß einer auf die Fahrbahn ausweichen - was durchaus dem Sinne von Wohnstraßen widerspricht, die nämlich zwar den Fahrverkehr beschränken, den Fußgängerverkehr hingegen begünstigen sollen.

Die eigenartige Anlage der Schmalspurstraße begünstigte also die Fußgänger keineswegs, hingegen begünstigt sie durchaus die vier Anlieger: hinsichtlich der Anliegerbeiträge nämlich, deren Höhe sich nach der Breite der Fahrbahn und der Bürgersteige richtet.

Die Normalbewohner der Eichendorffstraße, die nicht das Privileg haben, in der Wohnstraße zu wohnen, müssen rund 170 Mark je Meter Grundstücksbreite zahlen, die vier Beamten an ihrer schmalen Wohnstraße brauchen hingegen nur rund 100 Mark je Meter zu entrichten.

Überdies trug die Stadt noch auf andere Weise zur Wertsteigerung der so preisgünstig veräußerten vier Grundstücke bei: Nach den Plänen des Bauamts soll das Gelände zwischen der Eichendorff-Wohnstraße und dein geplanten Endstück der Eichendorff-Hauptstraße nicht bebaut werden, sondern als Grünstreifen erhalten bleiben. Auf diese Weise ist sichergestellt, daß den vier Wohnstraßen-Anliegern nicht eines Tages der schöne Blick von Gärten und Fenstern auf das Siebengebirge verbaut wird.

Die Tatsache, daß alle diese Vorteile ausgerechnet vier Stadtbeamten zuteil wurden, veranlaßte unlängst einige Mitglieder des Bonner Stadtrats zu entsprechenden Anfragen im Stadtparlament. Oberstadtdirektor Dr. Schmidt machte daraufhin eine verblüffende Rechnung auf, die darauf fußte, daß die Wohnstraße nur einen 65 Zentimeter schmalen »Straßenbord« hat. Argumentierte Schmidt: »... von einer Ersparnis kann keine Rede sein, denn der Quadratmeter Schrittweg ... kostet sechzehn Mark und der Quadratmeter Straßenfläche vierzig Mark. Daraus folgt doch..., daß derjenige, der mehr für die Fahrbahn zahlt als für solchen Schrittweg, nicht bevorzugt wird, sondern benachteiligt ist.«

Den Nagel auf den Kopf traf Oberstadtdirektor Schmidt erst, nachdem ihm vorgerechnet worden war, daß die vier städtischen Bediensteten in ihrer Wohnstraße trotz des fehlenden Bürgersteigs erheblich weniger Anliegerkosten pro Meter Grundstücksbreite gezahlt haben: »Ja, soweit ich jetzt hinter den Kern der Anfrage komme, ist es so: Es muß begründet werden, warum die Straßen (nämlich Haupt- und Wohnstraße) verschieden breit sind.« Oberstadtdirektor Dr. Schmidt fügte bedauernd hinzu: »Das kann ich allerdings nicht sagen.«

Bonner Oberstadtdirektor Schmidt

Einträgliche Nachteile

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