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Bildung Schmalspur zur Karriere

Die Bundesländer streiten um die Anerkennung eines Ausbildungsmodells: die Berufsakademie.
aus DER SPIEGEL 29/1993

Michael Zlotnik ist gerade mal 30 Jahre alt und im Bankgeschäft schon ganz oben. Während andere noch den Karrierestart planen, hat der Schwabe in den Stammhäusern mehrerer Banken gerackert, zuletzt als Fachmann für Wertpapiere bei der Frankfurter Filiale der Bank in Liechtenstein.

Anfang des Monats ist der Nachwuchsbanker weiter aufgestiegen: Er wechselte nach London in die Europa-Zentrale der amerikanischen Rating-Agentur Standard & Poor's, eine der zwei weltweit führenden Firmen, die sich auf die Bewertung der Kreditwürdigkeit von Unternehmen spezialisiert haben. »Eine echte Herausforderung«, findet Zlotnik.

Wie von einem aufstrebenden Banker erwartet wird, hat der Finanzspezialist mit Vollgas studiert; schon mit 23 Jahren legte er sein Diplom in Betriebswirtschaft hin. Dabei hat er nie eine Universität oder Fachhochschule von innen gesehen, Zlotnik war nur sechs Semester eingeschrieben - an der Berufsakademie in Stuttgart.

Das Modell Berufsakademie, das 1974 von den Baden-Württembergern eingeführt wurde, bietet eine drei Jahre dauernde Mischung aus Kurzstudium und Lehre in den Fachrichtungen Wirtschaft, Technik und Sozialwesen. Diese Bildungsform, die unter den Fachpolitikern umstritten ist, wird sonst nur noch in Sachsen angeboten.

Im September will Berlin auf Beschluß der CDU/SPD-Koalition seine erste Berufsakademie eröffnen. Wissenschaftssenator Manfred Erhardt (CDU) möchte damit die Fachhochschulen und Universitäten, die wie fast überall in Deutschland überfüllt sind, entlasten: »Es sollen junge Leute angesprochen werden, die sich nach überschaubarer Studienzeit rasch im Berufsleben etablieren wollen.«

Die Mehrheit der Bundesländer weigert sich jedoch, die Abschlüsse der Berufsakademien anzuerkennen und mit den Zertifikaten von Fachhochschulen gleichzusetzen. Der bayerische Kultusminister Hans Zehetmair (CSU) kritisiert, die theoretische Ausbildung sei »zweifelhaft« und »zu knapp«.

Für die Wirtschaft bietet das Ausbildungsmodell nur Vorteile: Nicht die Akademien, sondern die Firmen entscheiden über die Zulassung zum Studium. Die Personalchefs vergeben die speziell geschaffenen Stellen in ihren Unternehmen und melden die Auserkorenen bei der Berufsakademie an.

»Wir können bedarfsorientiert ausbilden«, freut sich Ernst Mutscheller von der Landesvereinigung der baden-württembergischen Arbeitgeberverbände. Gerd Hauer vom Unternehmerverband Berlin lobt: »Es wird das gelehrt, was die Wirtschaft braucht.«

Kultusbeamte und Unternehmer bestimmen gemeinsam den Unterrichtsstoff. Freiheit der Lehre kennen die Berufsakademien nicht, die schlichte Losung lautet: Praxisnähe und Effektivität.

Semesterferien gibt es für die Studenten im vierteljährlichen Wechsel zwischen Betrieb und Akademie nicht, dafür an jedem Monatsende einen Scheck in Höhe eines Lehrgehalts. Der Unterricht läuft wie in einer Schulklasse, Anwesenheit ist Pflicht.

Von den Studenten wird Einsatz verlangt. »Das ist drei Jahre wirklich Streß«, stöhnt Ralph Kottmus, 22, der an der Stuttgarter Berufsakademie Betriebswirtschaft studiert. Abends und am Wochenende zu büffeln ist für die Studenten normal. »Kein Problem«, sagt Achim Schneider, 23, der die guten Berufsaussichten rühmt: »Ich bin froh, daß ich in der jetzigen Phase der Rezession an einer Berufsakademie studiere.«

Nach einer Umfrage der Berufsakademie in Karlsruhe wurden bisher 90 Prozent der Studenten von ihren Ausbildungsbetrieben nach drei Jahren übernommen. Allerdings: Laufen die Geschäfte schlecht, streichen die Unternehmen einfach Ausbildungsplätze.

An den Berufsakademien in Baden-Württemberg pauken rund 12 000 Studenten. Die Quote der Studienabbrecher liegt nur zwischen zwei und vier Prozent.

Berlins Senator Erhardt schwärmt nicht nur von den hohen Erfolgsquoten, sondern auch von den geringeren Ausbildungskosten für die öffentliche Hand. Schlägt der Absolvent einer Berufsakademie nach Erhardts Angaben mit 25 000 bis 30 000 Mark zu Buche, muß der Staat in einen Fachhochschulabgänger 40 000 bis 60 000 Mark investieren, für den Absolventen einer Universität sogar 80 000 bis 100 000 Mark.

Die Mehrheit der Länder lehnt diesen Bildungsweg jedoch ab, weil er akademischen Ansprüchen nicht standhalte. »Mit Wissenschaft hat das nicht viel zu tun«, stellt auch Jung-Banker Zlotnik im Rückblick fest: »Was die Theorie betrifft, ist es ein Schmalspurstudium.«

Die Kultusministerkonferenz prüft auf Antrag von Baden-Württemberg und Berlin zur Zeit, ob die Abschlüsse anerkannt werden sollen. Die Chancen stehen jedoch schlecht. Das bedeutet für die Studenten, daß sie keinen bundesweit gültigen akademischen Titel erhalten und an keiner Fachhochschule oder Universität weiterstudieren können.

Bei Job-Angeboten außerhalb Baden-Württembergs oder Sachsens müssen Absolventen oft erst erklären, was eine Berufsakademie ist.

Für die neue Berufsakademie in Berlin könnte sogar das schnelle Aus kommen, wenn der Bildungsgang nicht anerkannt wird. Die Sozialdemokraten haben nur unter der Bedingung zugestimmt, daß der Abschluß binnen zwei Jahren in allen Bundesländern akzeptiert wird. Falls nicht, wird die Berufsakademie in eine Fachhochschule umgewandelt. Y

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