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»Schmeiß die Atomwaffen in die Gracht«

In Nord- und Westeuropa grassiert die »holländische Krankheit«
aus DER SPIEGEL 25/1981

Eine Sozialdemokratie und Christenparteien, in denen Atomgegner die Mehrheit stellen, ein Nationalparlament, das von Nato-Kritikern majorisiert wird -- was sich ausnimmt wie ein utopisches Szenario westdeutscher Friedensschwärmer, ist in den Niederlanden neuerdings politische Realität.

Seit den Wahlen Ende Mai stellen Abrüster -- erstmals in einem westeuropäischen Land -- die stärkste Fraktion im Parlament zu Den Haag. Ohne die Gegner nuklearer Waffen läßt sich dort keine Regierung mehr bilden.

Mehr noch: Überall an der nordwestlichen Flanke Europas erwächst den Amerikanern eine Front von Gegnern atlantischer Atompolitik. Auch in Belgien, in Dänemark und in Norwegen -- in »Skandilux«, wie die Rüstungsmuffel im Kürzel-Jargon der Militärs schon heißen -führen Aktivisten mit lutherischem Bekennermut Kampagnen gegen atomare Aufrüstung.

Die von konservativen Kommentatoren als »holländische Krankheit« diagnostizierte Bewegung werde sich, so fürchten Brüsseler Bündnis-Strategen, womöglich als größte Belastung des Nato-Paktes seit dem militärischen Austritt Frankreichs im Jahre 1966 erweisen. Holland könnte gar, wie die »New York Times« mutmaßt, zum »Leithammel« einer Entwicklung werden, die am Ende den Nato-Beschluß, in Europa 572 Atomraketen zu lagern, zu Fall bringt.

»Ohne die Holländer«, sagt der Bonner Regierungssprecher Kurt Becker, »müssen wir annehmen, daß sich das Klima in Europa ändert.« Der linksliberale Wahlsieger Jan Terlouw hat schon angekündigt, daß die Nato dazu gebracht werden müsse, »verantwortbare einseitige Schritte in Richtung Abrüstung« zu tun.

Unterstützung für seine Politik findet Terlouw in allen Parlamentsparteien, außer bei den schwächlichen Rechtsliberalen. Für Abrüstung plädieren Christdemokraten ebenso wie die »Partij van de Arbeid«, auf deren Kongressen auch schon mal eine Delegierte zur Gitarre schmettert: »Schmeiß die Atomwaffen in die Gracht.«

Ihre Massenbasis finden Hollands pazifistische Parteien in einer Bevölkerung, die zu 68 Prozent die Stationierung von Atomraketen ablehnt. Die strenggläubigen Niederländer mißtrauen seit Jahren der Brüsseler Nato-Sicherheitsbürokratie, die von ihrem greisen Landsmann Joseph Luns gemanagt wird, und vertrauen auf die friedensfördernde Kraft der Kirchen.

Katholiken, Reformierte und die protestantische »Hervormde Kerk« gründeten gemeinsam einen »Interkirchlichen Friedensrat«, dessen Leitspruch -- »Atomwaffen raus aus der Welt, angefangen in den Niederlanden« -- die Front der Atomgegner gestärkt hat.

Im benachbarten Belgien, das 48 Cruise Missiles aufnehmen soll, sind die flämischen Sozialisten, die mit den Christdemokraten die Regierung bilden, strikt dagegen, die kostspieligen Waffen zu stationieren. Auch bei Dänen und Norwegern, die als Nato-Partner 1979 für den Doppelbeschluß gestimmt haben, hat die Bereitschaft zum atomaren Rüsten nun nachgelassen.

In Großbritannien, das 160 amerikanische Marschflugkörper mit Nuklearsprengköpfen aufnehmen soll, haben sich inzwischen 80 bis 90 Abgeordnete des britischen Unterhauses zu den Rüstungsgegnern gesellt.

In den überwiegend katholischen Regionen des Kontinents hingegen regt sich bislang nur wenig Widerstand. In Frankreich, das sich an der Nachrüstung nicht beteiligt, hat die Bestückung des Kontinents mit Atomraketen lediglich vereinzelt protestierende »Artisans de paix« (Friedensarbeiter) auf die Straße getrieben. In Italien, das 112 der Marschflugkörper bekommen soll, sind die Atomverweigerer eine kleine Minderheit.

Daß nach den Holländern bald auch andere Nato-Partner »wie Dominosteine« umkippen, mögen Nato-Experten bei alledem nicht mehr ausschließen. Wenn dann nicht der Nachrüstungsbeschluß revidiert wird, könnte Bonn das gleiche widerfahren wie beim Olympia-Boykott: Nur die Deutschen, in Treue fest, erweisen sich als verläßliche US-Vasallen -- denen dann womöglich auch noch die Installierung jener Atomraketen zugemutet würde, die in »Skandilux« politisch nicht durchsetzbar sind.

»Den Russen«, spotten grimmig westdeutsche Friedensaktivisten, »würde das im Ernstfall die Arbeit natürlich enorm erleichtern.«

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