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Kirche Schmerzen im Zeh

Rätsel um den Tod des früheren Magdeburger Konsistorialpräsidenten und Stasi-Mitarbeiters Detlef Hammer: Lebt der Kirchenmann?
aus DER SPIEGEL 5/1995

Der Tote lag rücklings auf der Couch. Im dunkelblauen Anzug, die Arme etwas angewinkelt, als habe der Mann sich nur ein wenig ausruhen wollen.

Ein herbeigerufener Arzt identifizierte den Leichnam per Augenschein, durch Vergleich mit dem Lichtbild des in der Wohnung aufgefundenen Personalausweises. Zwar war bereits die Leichenstarre eingetreten und der Tote im Gesicht blau angelaufen. Doch der Mediziner wie auch zwei anwesende Kirchenleute meinten sicher zu sein: Der Tote, gaben sie bei der Polizei zu Protokoll, sei der Konsistorialpräsident Detlef Hammer, 41 Jahre alt und allen wohlbekannt.

Hammer war bis zu diesem Apriltag im Jahr 1991 Chef der evangelischen Landeskirche in Magdeburg und außerdem, das kam wenig später heraus, ein Stasi-Agent. Über 20 Jahre lang hatte der Kirchenmann ein Doppelleben geführt. Parallel zu seinem Aufstieg in der evangelischen Kirche war Hammer vom Gelegenheitsspitzel zu einem hauptamtlichen Major in der Mielke-Truppe avanciert, zuletzt als »Offizier im besonderen Einsatz« (OibE).

Sein Name steht für einen der schlimmsten Stasi-Fälle in der DDR-Kirche und zugleich für einen der schillerndsten: Hartnäckig hält sich das Gerücht, Detlef Hammer sei am 3. April 1991 gar nicht verstorben, in seinem Grab befinde sich die Asche einer anderen Person. Statt dessen habe sich Hammer mit Hilfe der Stasi und viel Geld aus Deutschland abgesetzt, um seiner drohenden Enttarnung zu entgehen.

Eine Forschungsarbeit mit dem Titel »Spionage gegen eine Kirchenleitung« hat den Gerüchten um den Tod des Kirchenfunktionärs nun neuen Auftrieb gegeben. Die Expertise liegt dem Magdeburger Konsistorium vor. Auch der Bruder des Gottesmannes, Dietrich Hammer, ist überzeugt: »Detlef lebt.«

Dietrich Hammer glaubt, daß sich sein Bruder eine Zeitlang in Tunesien aufgehalten habe, dann in wechselnden Ländern. Mit früheren Liebespartnerinnen habe er sich im Ausland getroffen. An Geld und Frauen, das belegen auch die Stasi-Akten, hing Hammers Herz schon immer.

Rätsel gibt der plötzliche Tod des Geistlichen auch nach Meinung von Kirchenmitarbeitern auf. Oberkirchenrat Harald Schultze, Mitherausgeber der Forschungsarbeit, spekuliert: »Einwirkung von Gewalt ist nicht erkennbar. Von einer schleichenden Krankheit, die den frühen Tod hätte verständlich machen können, weiß keiner. Daß dieser Tod ,einfach so, ganz natürlich' eingetreten sei, will nicht in den Kopf.«

Tatsächlich muten einzelne Begleitumstände des plötzlichen Ablebens von Detlef Hammer merkwürdig an. So durften vor der Trauerfeier weder Bruder Dietrich noch andere Angehörige den aufgebahrten Leichnam sehen. Das Bestattungsinstitut, berichtet Dietrich Hammer, habe lediglich einige Fotoaufnahmen herstellen lassen. Darauf habe er seinen Bruder nicht wiedererkannt: »Der Leichnam wirkte älter, der Scheitel war auf der falschen Seite gezogen.« Auffallend sei überdies die rasche Kremierung der sterblichen Überreste gewesen. Normalerweise habe man in Magdeburg seinerzeit wochenlang auf einen Einäscherungstermin warten müssen.

Das überraschende Ableben Hammers (Ursache laut Totenschein: »plötzlicher Herztod") erregte auch andernorts in Magdeburg Mißtrauen. Das Bürgerkomitee zur Auflösung der Stasi schaltete die Staatsanwaltschaft ein. Die ermittelte vier Monate lang, dann schloß der zuständige Staatsanwalt die Akten: »Nach dem Ergebnis der Ermittlungen« sei »Dr. Hammer tatsächlich verstorben«.

Die jetzt vorliegende Forschungsarbeit ist zurückhaltender formuliert: Zwar müsse die ärztliche Diagnose »plötzlicher Herztod« als letztes Wort gelten, Zweifel seien jedoch denkbar, etwa wenn man »unterstellt, daß die Leiche vertauscht worden sei«.

Kirchenforscher Schultze selbst glaubt an den Tod des Konsistorialpräsidenten, sorgfältig hat er aber auch alles zusammengetragen, was für die gegenteilige These spricht.

Am Tag vor seinem Tode hatte Detlef Hammer seinen 41. Geburtstag gefeiert, zunächst im Konsistorium, wo er, wie so oft, »fröhlich war und scherzte«. Schon vormittags hatte er sich »wegen Schmerzen im Zeh« ins Krankenhaus fahren lassen. Dort wurde er nur kurz behandelt, kehrte jedoch erst am späten Nachmittag wieder nach Hause zurück. Was er in der Zwischenzeit, immerhin vier Stunden, gemacht hat, ist bis heute ungeklärt.

Am Abend dann kamen ein paar Geburtstagsgäste, darunter die beiden Töchter Hammers sowie seine Vertraute Marion Staude. Die Kirchenangestellte war ebenfalls MfS-Agentin, wie sich später herausstellte. Nach Schultzes Recherchen gab sich Hammer an jenem Abend »locker und erzählfreudig«. Der Kirchenchef, der vorhatte, aus seinem Job auszuscheiden, berichtete von seinen Zukunftsplänen: Er schwärmte vom Leben auf einer Insel.

Als letzte Gäste gingen Hammers Töchter gegen 0.30 Uhr. Mit ihnen, berichtet Schultze, führte der Kirchenfunktionär noch eine Art »ganz persönliches Abschiedsgespräch«.

Anderntags gegen 7.30 Uhr stand der Kraftfahrer des Konsistoriums vor Hammers Wohnungstür. Zwar brannte das Licht, ein Fenster war geöffnet, doch niemand ging an die Tür. Erst Stunden später schöpften seine Mitarbeiter Verdacht, gegen 16 Uhr brachen Polizisten in Begleitung zweier Konsistorialbeamter die Wohnung auf.

Der damalige Personalleiter der Magdeburger Kirche, Werner Seidel, will seinen Vorgesetzten gleich erkannt haben: »Der hatte ja kein Allerweltsgesicht.« Bald kam, wie zufällig, die Hammer-Vertraute Staude vorbei. Sie warf einen kurzen Blick auf den Leichnam und ging wieder. Schultze: »Es heißt, daß sie keine Zeichen der Erschütterung zeigte.«

Erst nach dem Tod des Kirchenchefs kam seine Stasi-Tätigkeit heraus. Hammer war nicht der einzige Stasi-Mann in der Magdeburger Kirchenleitung. Zeitweilig saßen vier Topagenten gleichzeitig in dem kleinen gemütlichen Konsistorium, überdies ein halbes Dutzend weitere Inoffizielle Mitarbeiter.

Doch der Fall Hammer hat die Kirche erschüttert wie kein anderer.

Wo immer der Mann auftrat, stets habe er »den Eindruck großer Echtheit« (Schultze) hinterlassen. Er lachte »phantastisch viel«, half Freunden und Bekannten aus finanziellen Nöten.

Doch zugleich beschaffte er seinem Führungsoffizier interne Schriftstücke aus der Kirchenzentrale und brachte sogar komplette Personalakten mit, etwa die des Wittenberger Pastors Friedrich Schorlemmer. Schon als 20jähriger Jurastudent hatte Hammer die Evangelische Studentengemeinde in Halle bespitzelt, als Kirchenjurist verriet er später seine Kollegen.

Nach der Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz im Jahre 1976 lieferte er wichtige Informationen. Täglich versorgte er damals das Ministerium für Staatssicherheit mit Kircheninterna, beeinflußte Erklärungen und Beschlüsse (SPIEGEL 12/1993).

Hammer kam rasch voran - in beiden Welten. Mit seinem Führungsoffizier handelte er stetig höhere Zahlungen und Vergünstigungen durch die Stasi aus. Zugleich beriet er Ausreisewillige und ließ sich dafür gut entlohnen. Von einer Familie übernahm er günstig ein schönes Haus in Magdeburg, andere überließen ihm Bargeld.

Bald übertraf Hammers Gehalt das seines Führungsoffiziers bei weitem, er reiste in die Schweiz, nach Dänemark und sogar nach Tansania. Die Stasi leitete gegen ihren Mitarbeiter eine konspirative Kontrolle ein und überprüfte seine Kontostände. Ergebnis: Im Januar 1986 hatte Hammer bereits 300 000 Mark auf ostdeutschen Sparkassenkonten untergebracht - für DDR-Verhältnisse eine enorm hohe Summe. Überdies besaß er zwei Autos, ein Wohnhaus und ein Wochenendhaus am See sowie eine Grafiksammlung im Wert von mehreren hunderttausend Mark.

Auch im Westen hatte er sich, von der Stasi unbemerkt, Bankkonten angelegt. Nach der Wende soll sein Vermögen etwa eine Million Mark (West) betragen haben.

Wenige Monate vor seinem vermeintlichen Herztod erstand Hammer nach erfolgreichen Währungsspekulationen eine Jacht - für die Insel, über die er geschwärmt hatte? Y

»Die Einwirkung von Gewalt ist nicht erkennbar«

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