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OBERALBACH Schmutziger Krieg

aus DER SPIEGEL 46/1965

Bei Nacht und Nebel sah der Dorfpolizist Karl Gumpp, wie es geschah: Die ledige Bäuerin Babette Hager machte sich am einzigen Briefkasten von Oberalbach (Mittelfranken) in verdächtiger Weise zu schaffen.

Nachdem Babette wieder in der Oktobernacht verschwunden war, inspizierte Gumpp den Tatort. Mit gerümpfter Nase notierte er, der rechte Einwurfschlitz des Briefkastens sei mittels eines »Kotbatzens« verstrichen worden.

Es war das einzige Attentat einer siebenjährigen Fäkal-Serie in Oberalbach, das bislang aufgeklärt werden konnte. Das fränkische Dorf (76 Bewohner, 30 Kilometer nordwestlich Nürnbergs) ist seit 1958 immer wieder Schauplatz einer mittelalterlich anmutenden Fehde, die hauptsächlich mit Exkrementen bestritten wird.

Obwohl die zehn Familien des Dorfes behaupten, Tag und Nacht auf der Lauer zu liegen, wurden immer wieder Türen, Fenster und Wände beschmiert. Objekt der ortsüblichen Kriegsbemalung war mitunter auch die Glasscheibe des Gemeindeschaukastens.

* Da lediglich Babette Hager - im Oktober 1959 - einmal auf frischer Tat ertappt wurde, richtete sich der Verdacht von Mitbürgern und Polizei sofort auf sie. Denn die Hager-Sippe (zwei Familien) war ohnedies unbeliebt, seit sie sich im letzten Krieg grollend vom Gros der übrigen (acht) Familien abgesondert hatte.

Ursache des Zwistes war die nicht folgenlose Begegnung zwischen dem im Dorf wohlgelittenen, damaligen Bürgermeister Johann Hertel mit der 16jährigen Babette-Cousine Lisl Hager. Sie bekam ein Kind, obwohl sie den uk.gestellten Bürgermeister nur um Hilfe beim Flicken eines Fahrradschlauches gebeten haben wollte.

Gleichwohl stand das Dorf zu seinem Oberhaupt und gegen die Hager-Sippe, die 1958 vollends in die Isolierung geriet, als der einzige Freier der damals 37jährigen Babette, ein Mann namens Keck, abtrünnig wurde: Ein Anonymus hatte ihm die Braut per Handschreiben als »Polensau« vermiest.

Kecks Rückzug hätte für die psychiatrisch als »erheblich minderbegabt« eingestufte Babette Hager denkbarer Anlaß sein können, das mißgünstige Dorf in den Schmutz zu ziehen; und schmutzig wurde der Krieg von nun an immer mehr. Andererseits aber hatte die Jungfer Hager - Besitzerin eines Neun-Hektar-Anwesens - selber das meiste Ungemach zu erdulden:

Sämtliche Obstbäume Babettes wurden angesägt; in ihren Wiesen und Feldern fanden sich häufig Eisenrohre, die Babettes Landmaschinen beschädigen sollten. Im Heu waren plötzlich Stecknadeln, an denen das Vieh hätte krepieren können. Babettes Brunnen wurde mehrmals mit Insektenschutzmitteln vergiftet, ihre Kühltruhe im Gemeinschaftskühlhaus als Abtritt benutzt. Das Küchenfenster der Hagers wurde zeitweise wöchentlich eingeschlagen und Babette zweimal verprügelt.

Niemals kam ans Tageslicht, wer diese Taten verübt hatte. Umgekehrt aber brachte Babette die Briefkastenverunzierung eine Anklage wegen »Betriebssabotage« an der Bundespost ein. Das Landgericht Nürnberg-Fürth verurteilte sie jetzt zu acht Wochen Gefängnis - mit Bewährung, da sie »stets ein anständiges und arbeitssames Leben geführt hat«.

Mit diesem Urteil wollten die Richter »auch alle anderen Bewohner des Dorfes davon abhalten, die Reihe der dortigen Untaten fortzusetzen«. Denn nach wie vor wurde die Hexenjagd, in der offenbar jeder gegen jeden schmierte, in Oberalbach fortgesetzt. Zu den »dortigen Untaten« zählten außer den Abort -Argumenten weit über hundert anonyme Schmähbriefe an Dörfler und Ermittler. In ihnen wurde Babette Hager als »Polenhur« und »Ehebrecherin« beschimpft. Das Amtsgericht Fürth erfuhr, es sei »a richtig großes Hurenhaus«.

Diese anrüchige Dorf-Idylle erklärt der Nürnberger Gerichtsmedizinaldirektor Bittner »aus eigener Kenntnis": »Es gibt da so sehr viel mißgünstige Leute, die immer wieder . . . um sich mit Schabernack an andern zu erfreuen, die kuriosesten Dinge . . . begehen.« Babette Hagers Rechtsanwalt Walther glaubt zudem, »daß die Leute im Dorf nur darauf warten, daß die Babette ihren Hof versteigern muß. Sie hat gute Fluren«. Und der Staatsanwalt beim Landgericht Nürnberg-Fürth, Dr. Ludwig Prandl, schließlich räumte ein, daß »eine Frau wie die im Mittelalter als Hexe verbrannt« worden wäre.

Ganz so weit kam es in Oberalbach nicht. Einziges Opfer auf dem Hager Hof nach dem Urteil gegen Babette war die Hauskatze. Sie wurde aufgehängt.

Dorf Oberalbach, Hager-Haus (X): »Hier tun sb viele mißgünstige Leute...

Bäuerin Babette Hager

... die kuriosesten Dinge«

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