Zur Ausgabe
Artikel 24 / 115
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Schmutziger Staub

aus DER SPIEGEL 2/1995

Der junge spanische Priester JosemarIa Escriva de Balaguer gründete 1928 in Madrid die Gemeinschaft Opus Dei. In der für Männer und Frauen offenen Organisation sollen nicht nur Priester, sondern auch Katholiken mit weltlichen Berufen »Heiligung« erlangen. Männer und Frauen arbeiten allerdings strikt voneinander getrennt.

Von Anfang an trug das »Werk Gottes« Züge eines straff organisierten elitären Geheimbundes: Gründer Escriva bleute Anhängern ein, sie seien zu »Führern« auserwählt. Opus-Angehörige, verfügte Escriva, müßten »die Namen anderer Mitglieder immer klug verschweigen«, sie dürften auch nicht enthüllen, daß sie selbst zum Opus Dei gehören.

Die Kernaussagen seiner religiösen Ideologie formulierte Escriva in seinem 1939 veröffentlichten Buch »Camino« ("Der Weg"). Darin huldigt er einem kriegerischen Männlichkeits- und Führerkult, predigt Unterordnung sowie strikten Gehorsam als wichtigste Tugenden und verkündet eine von extremer Leib- und Sexualfeindlichkeit geprägte Moral. So lautet etwa die Regel 121: »Es bedarf eines Feldzuges für Männlichkeit und Reinheit.«

Seinen Anhängern hämmerte Escriva ein: »Gehorcht, wie ein Werkzeug in der Hand des Künstlers gehorcht, das nicht danach fragt, warum es dies oder jenes tut. Dein Gehorsam verdient diesen Namen nicht, falls du nicht entschlossen bist, deine blühende persönliche Arbeit aufzugeben, wenn ein Berufener es so für richtig befindet.«

Das Gotteswerk bezeichnet sich selbst als »Kampftruppe« mit straffster Disziplin, »heiliger Unnachgiebigkeit«, »heiligem Zwang« und »heiliger Unverschämtheit«. Die niederen Opusangehörigen müssen quasi militärisch ihren Leitern und anderen »Vorgesetzten mit rückhaltlosem Vertrauen gehorchen«. In der internen Führungszeitschrift Cronica werden unverhohlen autoritäre Strategien und Ziele benannt: »Wir haben den großen Ehrgeiz, die Institutionen der Völker, der Wissenschaft, Kultur, Zivilisation, Politik, Kunst und sozialen Beziehungen zu heiligen und zu christianisieren.«

Nur konsequent, daß sich Opus Dei vor allem in rechten Diktaturen ausbreitete: Opus-Mitglieder besetzten im faschistischen Franco-Spanien einflußreiche Spitzenämter.

In der katholischen Kirche gewann die Organisation vor allem unter dem Pontifikat Johannes Pauls II. entscheidenden Einfluß. Das Opus Dei verdrängte die liberaleren Jesuiten aus fast allen Schlüsselstellungen der Kurie. Heute gilt die Vereinigung mit weltweit 79 000 Mitgliedern, darunter nur 1500 Priester, als wichtigste Hilfstruppe des Papstes. Der päpstliche Pressesprecher, der Spanier JoaquIn Navarro-Valls, ist ein Mann des Opus Dei.

Den Kern des Vereins bilden die Numerarier, Priester sowie Laien, die sich ebenfalls dem Zölibat verpflichtet haben. Die Numerarier leben meist gemeinsam in Opus-Kommunen, sogenannten Zentren, und sind teilweise berufstätig. Sie leiten auch die »Supernumerarier« an - nicht zölibatär lebende Mitglieder, die mit ihren Familien außerhalb der Zentren leben.

Opus-Dei-Gründer Escriva wurde 1992, nur 17 Jahre nach seinem Tod, seliggesprochen. Der Prozeß war nicht allein das schnellste Seligsprechungsverfahren der Kirchengeschichte, sondern auch eines der umstrittensten. Der Vatikan mißachtete dabei simple Regeln, an die er sich sonst pingelig hält - zum Beispiel ignorierte der Papst die zahlreichen Einwände noch lebender Zeugen gegen den Charakter des als eitel, arrogant und herrschsüchtig beschriebenen Gründers. Aus Eitelkeit hatte sich Escriva beispielsweise einen alten Adelstitel zugelegt.

Neben der an striktem Gehorsam gegenüber dem Papst ausgerichteten Ideologie werfen Kritiker dem Opus Dei vor allem die Methoden vor, mit denen es Mitglieder anwirbt und unter psychischen Druck setzt. Vor allem junge Leute versucht das Opus über harmlose Vereine, Jugendklubs und Ferienlager zu keilen, bei denen die Organisation zunächst nicht deutlich in Erscheinung tritt.

Die Mitglieder des Opus stehen unter Dauerstreß. »Steh rechtzeitig zur festen Stunde auf, ohne eine Minute Zugeständnis an deine Trägheit zu machen«, lautet eine Escriva-Order. In den Zentren beginnt jeder Tag damit, daß die Numerarier den Boden küssen und dabei ein frommes »Serviam« - »Ich muß dienen« - murmeln. Zum Tagesrhythmus zählen Gottesdienst, dreimalige Gewissenserforschung und das Beten des Rosenkranzes. Einmal pro Woche werden die Numerarier zwecks Selbstkritik zum »persönlichen Leiter« zitiert. Zur geistlichen Selbstdisziplin gehören zudem ständige Stoßgebete und »Abtötungen«, an denen sich auch die Supernumerarier beteiligen können.

»Du bist schmutziger, herabgefallener Staub«, hämmert Gründer Escriva in der Opus-Bibel »Der Weg«, einem Leitfaden mit 999 Lebensregeln, seiner Gefolgschaft ein: »Vergiß nicht, was du bist: ein Kehrichteimer. Demütige dich: Weißt du nicht, daß du ein Eimer für Abfälle bist?«

Regel 208 etwa liest sich wie eine Anleitung für Masochisten: »Gesegnet sei der Schmerz. Geliebt sei der Schmerz. Geheiligt sei der Schmerz. Verherrlicht sei der Schmerz!« Um den Körper zu züchtigen, schlafen die weiblichen Numerarier - wegen ihrer angeblich größeren »sinnlichen Anfälligkeit« - in den Opus-Zentren auf blankem Bett oder nacktem Fußboden. Männer und Frauen tragen Bußgürtel, ein Metallband mit nach innen gerichteten Dornen, für mindestens zwei Stunden täglich um den Oberschenkel. Samstags kasteien sie sich mit der »disciplina«, einer fünfschwänzigen Geißel.

Versorgt werden die Numerarier von »Hilfs-Numerarierinnen«, die in den Zentren die niederen Dienste übernehmen. Sie kochen, putzen, waschen und bedienen die Männer bei Tisch. Nach den »Regeln für die Verwaltung« tragen sie »stets ein bescheidenes farbiges Kleid, zum Dienst an der Pforte und im Speisesaal eine ebenfalls bescheidene Uniform mit langen Ärmeln«.

Geschenke der Opus-Mitglieder untereinander sind verboten, es herrscht Zensur: Bücher, die nach Meinung der Opus-Oberen »ausgesprochen antikatholisch, häretisch, unmoralisch, zweideutig oder verwirrend sind«, stehen auf dem Index - darunter Gotthold Ephraim Lessing, Martin Luther, Hans Küng, Bertolt Brecht, Boris Pasternak; insgesamt nach Recherchen des Opus-Kenners Peter Hertel etwa tausend Titel.

Zur Begründung heißt es dazu in Regel 339 der Opus-Bibel: »Du solltest Bücher nicht ohne den Rat kluger und erfahrener Christen anschaffen. Man kauft so leicht etwas Nutzloses oder Schädliches ein. Oft glauben Menschen, sie trügen unter dem Arm ein Buch . . . und tragen eine Ladung Schmutz!«

Der Ausstieg aus dem Opus Dei gelingt nur wenigen. Ein Ex-Numerarier aus Köln beschreibt die Seelenlage der Mitglieder: »Das Opus drückt einen aus wie eine Zitrone. Man muß sich dort völlig aufgeben. Man verliert das Gefühl für seinen eigenen Körper und für die Welt draußen, man hört auf, für sich selbst zu entscheiden. Wer das Opus Dei verläßt, braucht Jahre, um wieder ein normaler Mensch zu werden.«

Zur Ausgabe
Artikel 24 / 115
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.