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IRAN Schmutziges Gesicht

Nach den USA haben die Mullahs einen neuen Satan entdeckt: Frankreich, das den Ex-Präsidenten Banisadr aufnahm. Um seine Auslieferung zu erreichen, drohten sie mit einer neuen Geiselaffäre.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Der Gefolgsmann Chomeinis bestand auf Auslieferung: »Wir wollen ihn lebend«, verlangte er, »wenn er stirbt, richten wir die Amerikaner.«

So sprach Abol Hassan Banisadr im November 1979, als Amerikas damaliger Präsident Jimmy Carter dem krebsleidenden Schah einen Krankenhausaufenthalt in den USA gewährte.

In der gleichen Tonart will der Iran eines neuen Flüchtlings habhaft werden. Wieder verbreitet Teheran Appelle, aber diesmal sind sie an Frankreich gerichtet und gelten Banisadr selbst, der, wie Massud Radschawi, der Führer der aufständischen Untergrundkämpfer Mudschahidin-i-Chalk vor der Wut der Mullahs in Paris Zuflucht suchen mußte.

Es ist ein Spiel, dessen grausame Regeln die Welt inzwischen kennt. Wie damals lenken Chomeinis klerikale Scharfmacher die Volkswut auf einen bestimmten Feind, den ausländischen Staat, der gesuchten »Volksfeinden« Zuflucht gewährte.

Schon gab es die ersten Demonstrationen vor der französischen Botschaft in Teheran, schon sind Botschaftsmauern mit Chomeini-Postern und mit Spruchbändern überkleistert, auf denen Parolen stehen wie: »Nieder mit dem französischen Imperialismus in Afrika« und »Gebt unsere Verbrecher heraus«.

So hatte es auch angefangen, bevor jugendliche Eiferer am 4. November 1979 die US-Botschaft stürmten und ein amerikanischer Alptraum begann -- das Geiseldrama von Teheran.

Schon sendet der Rundfunk unverhüllte Drohungen: »Die französische Regierung sollte wissen, daß sie die Verantwortung für alle künftigen Aktionen im Iran und im Ausland trägt, wenn sie nicht positiv auf die Forderung des iranischen Volkes reagiert und die beiden flüchtigen Verbrecher schnellstmöglich herausgibt.«

Frankreich, so hören es die Iraner, sei sogar noch schlimmer als Amerika, da es »gleich zwei Feinden der iranischen Revolution politisches Asyl gewährte«. Es half nichts, daß Frankreichs neuer Präsident Francois Mitterrand am folgenden Tag den Iranern drei Raketenschnellboote übergeben ließ, die noch der Schah bestellt hatte, deren Auslieferung aber wegen der US-Geiselaffäre und Geldschwierigkeiten Teherans suspendiert worden war. Die iranische Wut legte sich nicht.

Mitterrand mußte die 140 noch im Iran tätigen französischen Firmenangestellten und Geschäftsleute Mitte vergangener Woche auffordern, das Land zu verlassen. Außerdem beorderte er Botschafter Guy Georgy zur Berichterstattung nach Paris. Daraus machten die Perser postwendend einen Rausschmiß, indem sie den Diplomaten zur Persona non grata erklärten.

Als sich 61 Franzosen, Botschaftsdiplomaten und Privatleute, am vergangenen Donnerstag auf dem Teheraner Flughafen zur Heimreise eingefunden hatten, stand es im persischen Szenario, S.86 ein wenig mit den Nerven der Pariser Regierung zu spielen.

Chomeinis Wächter hinderten die Franzosen an der Abreise und behaupteten, man müsse erst überprüfen, ob sie Schulden im Iran hinterließen. Von den Diplomaten verlangten sie Einsicht ins Gepäck, um zu überprüfen, ob da nicht unbezahlte Perserteppiche versteckt seien.

Erst nach einem energischen Auftritt von Botschafter Georgy im Teheraner Außenministerium durften die Franzosen wenigstens erst mal in die Stadt zurückkehren. Die Perser in Teheran versprachen dann sogar, sie in zwei Gruppen am Montag und am Mittwoch auszufliegen -- mit Maschinen der »Iran Air« und nicht mit dem Flugzeug, das Paris bereitgehalten hatte.

Aus der heiligen Schiitenstadt Ghom aber kamen andere Töne. Während des Freitagsgebets drohte Ajatollah Meschkini Frankreichs Mitterrand: »Wenn du nicht bereit bist, die Terroristen herauszugeben, dann wird das islamische Volk dir das Gleiche antun, das es Amerika zugefügt hat, mit geballter Faust, den Ruf »Allahu akbar« (Gott ist groß) auf den Lippen.

In Frankreich hatte inzwischen, wie es der »Matin de Paris« formulierte, »das Beispiel der US-Geiseln zum Nachdenken gezwungen«.

Ausgerechnet Staatspräsident Mitterrand, der noch fast als einziger westlicher Staatsmann dem neuen iranischen Präsidenten Radschai mit ungewöhnlicher Herzlichkeit zur Amtsübernahme gratuliert und dabei »die alte und tiefe Freundschaft unserer Völker« beschworen hatte, mußte gleich erfahren, was freundschaftliche Bindungen den heutigen Machthabern im Iran gelten.

Nun, da die Massen im Iran aufgefordert werden, dem Standard-Spruch »Tod für Amerika« den Ruf »Tod für Frankreich« hinzuzufügen, dürfte klarsein, daß die Tatsache, daß Paris nicht dadurch einen dauernden Extraplatz im Herzen des Ajatollah und seiner Apologeten gewann, weil dereinst Chomeini wie auch Banisadr vom französischen Exil aus die Fäden zum Sturz des Schah ziehen durften.

Zum Teil haben Frankreichs Regierungen sich das selbst zuzuschreiben, wegen ihrer allzugroßen Bereitschaft, jeden Schwenk in der iranischen Politik mitzumachen. So nahm dereinst Giscard den aus dem Irak eingereisten Ajatollah erst auf, als der Schah Giscard großmütig zu erkennen gab, daß er keine Einwände habe.

Später wollten die Herren im Elysee-Palast wieder der Entwicklung vorauseilen, indem sie den angeschlagenen Schah fallenließen und Chomeini samt Anhang in der Hoffnung auf spätere Dankbarkeit klar favorisierten.

Geduldig ging Frankreichs Werben um den Iran weiter, auch als Chomeinis Mullahs Wirtschaftsabkommen in Höhe von zehn Milliarden Franc stornierten, Verluste, für die größtenteils die staatliche Exportkreditorganisation Coface geradestehen muß. Über 2000 französische Arbeiter und Ingenieure verließen seither das Land.

Daß auch mit Chomeinis neuem Präsidenten Radschai kein neuer Anfang zu machen war, kam zwangsläufig. Denn schon wochenlang vor Banisadrs Flucht hatte Paris dem geschaßten Präsidenten signalisiert, daß er selbstverständlich in Frankreich Aufnahme finde, wenn er es schaffe, dorthin zu gelangen. Das französische Angebot an seinen Todfeind blieb Radschai natürlich nicht verborgen.

Zusätzlich gerieten die Franzosen ins Dilemma, weil sie, schwer auf den Ruf bedacht, als klassisches Asylland für alle politisch Verfolgten zu gelten, ganze Hundertschaften von prominenten Chomeini-Gegnern, darunter Ex-Premiers, Minister, Staatssekretäre und Generalstäbler aufgenommen haben.

Zwar sind sie untereinander ebenso zerstritten wie die Opposition daheim. Eines aber haben sie gemeinsam: Es geht ihnen prächtig im Exil.

Die meisten hatten bereits im Vorfeld der Revolution Bares, Pretiosen und Effekten nach Paris geschafft. Sie leben heute in komfortablen Villen und Appartements, in denen trotz unterbrochener Heimatkontakte der iranische Kaviar nicht fehlt.

Was Wunder, daß die Mullahs angeekelt sind. Über Radio Teheran ließen sie verkünden: Das iranische Volk habe »das schmutzige Gesicht« Frankreichs kennengelernt.

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