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Behörden Schnäppchen für Wabolu

Das Bundesgesundheitsamt ist letzte Woche wieder einmal in Filzverdacht geraten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen ehemaligen Spitzenbeamten.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Die Fahnder brachten einen Sanitäter mit. Aus ihrer Sicht war ein Schwächeanfall des Beschuldigten, der gerade eine schwere Krankheit hinter sich hatte, nicht auszuschließen - da wollten die Ermittler sicher sein, daß gleich Erste Hilfe geleistet werden konnte.

Mehr als zehn Stunden lang durchsuchten Beamte des Bundeskriminalamtes am Dienstag letzter Woche das Haus des ehemaligen Chefs des Instituts für Wasser-, Boden- und Lufthygiene ("Wabolu"), Karl Aurand, 65, in Berlin-Schlachtensee. Zugleich überprüften Kripoleute und Staatsanwälte diverse Räume des Instituts, das dem Berliner Bundesgesundheitsamt (BGA) untersteht, die Frankfurter Wohnung des Professors sowie das Domizil eines Wabolu-Kollegen. Am Abend schleppten die Fahnder allein aus Aurands Berliner Wohnhaus zwei Säcke voller Beweismaterial heraus - der Ruheständler kam sich vor »wie der Präsident der Mafia«.

In Marsch gesetzt worden waren die Ermittler von zwei Frankfurter Staatsanwälten, die derzeit eines der größten Umweltverfahren in der Geschichte der Bundesrepublik führen: Sie werfen drei Managern von Holzschutzmittelherstellern »schwere Körperverletzung« vor (SPIEGEL 30/1989). Gegen Aurand und Kollegen besteht »ein Anfangsverdacht": Sie könnten bei der Industrie die Hand aufgehalten haben.

Bei den Ermittlungen gegen zwei Holzschutzmittelfirmen hatten die Fahnder in den rund 700 sichergestellten Aktenordnern auch Material gegen Wissenschaftler des Bundesgesundheitsamtes gefunden: vertrauliche Papiere und Protokolle, in denen sie Anhaltspunkte für den Verdacht sahen, das BGA sei seiner Kontrollpflicht »nicht oder nicht ausreichend« nachgekommen.

So entdeckten die Fahnder bei der Düsseldorfer Desowag nun eine Telefonnotiz vom August 1978, in der »ein Treffen (inoffiziell) mit Professor Aurand« angekündigt wurde, um nach einer Fernsehsendung über die Gefahren von Holzschutzmitteln »die mit Sicherheit auf das BGA und die Industrie zukommenden Fragen in gleichem Tenor beantworten zu können«.

Den Verdacht, BGA-Mitarbeiter hätten mit der Desowag oftmals »am gleichen Strang« gezogen, leiten die Ermittler auch aus Gesprächspapieren über andere Wissenschaftler ab. Zudem soll die Firma mit 400 000 Mark eine BGA-Studie über die Innenluftbelastung von Wohnräumen mitfinanziert haben - ein Vorwurf, den das BGA vehement bestreitet.

Um die »Verflechtungen« des Amts »mit der Holzschutzmittelindustrie« aufzuklären, forderte die Bonner Verbraucher-Initiative vergangene Woche den Bundestag auf, umgehend einen Untersuchungsausschuß einzusetzen. Initiativen-Sprecher Axel Cruse: »Das stinkt doch zum Himmel.«

Die Berliner Behörde steht nicht erst seit letzter Woche unter Filzverdacht. Schon 1985 hatte der damalige BGA-Präsident Karl Überla, 54, abtreten müssen - wegen allzu enger Verbindungen mit jenen Unternehmen, die das Amt eigentlich überwachen soll. Der Mediziner (Spitzname: »Karlchen Überall") war unter anderem auf Kosten des Pharmakonzerns Bayer nach Israel gejettet, hatte sich von der Zigarettenindustrie nach Wien einladen lassen und saß zeitweise sowohl in der BGA-Zulassungskommission für Medikamente als auch im Beirat einer Pharmafirma.

Auch nach Überlas Abgang zeigte sich das Amt keineswegs prüde gegenüber Angeboten aus der Industrie. Eine Untersuchung über Gesundheitsgefahren durch Kupferrohre wurde ausgerechnet von der Kupferlobby mit 50 000 DM mitfinanziert. Ein fast 700 000 Mark teures Elektronenmikroskop bekam das Wabolu von dem Asbest-Hersteller Eternit mit rund 100 000 Mark Preisnachlaß. Und von einem Unbekannten hatte sich das Amt schon 1977 ein komplettes Fertighäuschen im Wert von 200 000 Mark schenken lassen - es kam gerade recht, um darin Untersuchungen über Formaldehyd anzustellen.

Die seltsamen Schenkungen und Schnäppchengeschäfte weckten den Argwohn des Bundesrechnungshofes. Dessen Prüfer stellten unter anderem Verstöße »gegen Beschaffungsvorschriften« sowie »Mißbrauch« bei Dienstreisen von Mitarbeitern fest, ferner höchst merkwürdige Finanzierungspraktiken. So gebe es »kaum ein Forschungsvorhaben des Instituts auf dem Gebiet Asbest«, in das nicht »langfristig Gelder« des betroffenen Unternehmens »geflossen sind bzw. noch fließen«.

Wegen der vermuteten Verfilzungen mit der Asbest-Industrie hatten grün-alternative Abgeordnete bereits letztes Jahr Strafanzeige gegen das BGA erstattet. Anlaß war eine Studie über die Abwitterung von Dachplatten aus Asbest, die - im Auftrag eines weitgehend aus Industriespenden finanzierten Wabolu-Fördervereins - von einem Amtsmitarbeiter in Nebentätigkeit erstellt worden war, sodann aber als offizielle BGA-Expertise ausgegeben wurde.

Den Bestechlichkeitsverdacht gegen Aurand stützen die Fahnder auf die Vermutung, auch diesem Forscher könnten »persönliche Vorteile« entstanden sein, weil ihm, nachdem er Ende 1983 in Ruhestand gegangen war, aus einem Vereinskonto mit dem Titel »Prof. Aurand - spezielle Umweltforschung« Reisekosten erstattet worden waren.

Die Argumentation der Anklagebehörde enthält gewisse Unstimmigkeiten. Während die Desowag-Äußerungen des Professors bereits aus den Jahren 1978 und 1979 stammen, ist das Konto für »spezielle Umweltforschung« erst 1983 eröffnet worden.

Und das beträchtliche Startgeld - rund 100 000 Mark - kam laut Rechnungshof nicht von den Holzschutzmittelfirmen: Spender war ein »Unternehmen der Asbestfaserindustrie«.

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